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Aus der Stadt Was wird aus Hannovers Karstadt-Haus?
Hannover Aus der Stadt Was wird aus Hannovers Karstadt-Haus?
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00:20 24.08.2014
Von Gunnar Menkens
Wie ein überdachtes Amazon in der eigenen Stadt: Das Karstadt-Haus in der Georgstraße schreibt „rote, aber nicht tiefrote“ Zahlen. Quelle: Michael Thomas
Hannover

Karstadt seit 1881. Mit dieser Botschaft wird der Kunde empfangen, hat er erst einmal eine Glastür am Eingang beiseitegedrückt. Der Schriftzug suggeriert Dauer und Tradition, Unverwundbarkeit, die Zeiten überstehend und damit auch die eigenen Herren an der Spitze. Zuletzt Thomas Middelhoff, dann Nicolas Berggruen und nun René Benko. Ein Österreicher, 37, vielleicht eine Heuschrecke, ein Immobilienhai oder doch ein ernsthafter Investor. Zwischendurch war Karstadt insolvent, im August kostete der ganze Laden wieder nur einen Euro, wie schon vor vier Jahren. „Wow! Sale“. Im Schlussverkauf sind in diesen Tagen gestreifte Shorts deutlich teurer. Wertsteigerung des Konzerns: null.

Was Hannover vom neuen Besitzer zu erwarten hat, ist ungewiss. Die Beschäftigten und die Kunden lesen und hören jeden Tag, was womöglich passieren könnte. Um die Wirtschaftlichkeit von mehr als 20 Filialen sorge man sich, sagte der Aufsichtsratschef des Konzerns vor Kurzem. Von Benko heißt es, er würde in Karstadt-Häusern mehr Markenhändlern Platz bieten, ähnlich wie in Einkaufszentren, etwa der Ernst-August-Passage. „Bringen die dann eigenes Personal mit?“, fragt sich bereits eine besorgte Verkäuferin. Dass an jedem Standort saniert wird, gilt als ausgemacht. Und Berggruen soll mindestens 40 Millionen Euro Gewinn gemacht haben, indem er Markenrechte an Karstadt nutzte. So viel ist sicher: Das Unternehmen schreibt rote Zahlen, „einen Verlust in knapp dreistelliger Millionenhöhe“ erwartet der Essener Konzern für das aktuelle Geschäftsjahr. Der Umsatz sinkt.

Karstadt in Hannover, gegründet 1906, das sind schon einmal geschätzte 100 Meter Innenstadt entlang der Georgstraße. Das Haus gehört einem Hildesheimer Unternehmer. Fünf Etagen hoch, ein Untergeschoss. Arkaden, die ein wenig düster wirken, dafür wendet sich der Bug freundlich Friedrich Schiller auf seinem Sockel zu, auch von oben zu betrachten aus dem gläsernen Fahrstuhl. Wer hineingeht ins Kaufhaus, dem wird das Restaurant Le Buffet ganz oben empfohlen (an diesem Tag Pfannengyros mit Zaziki, Pommes, Krautsalat für reelle 5,95 Euro). Zweiter Tipp am Eingang: die „Aktionsfläche“ eine Etage tiefer, wo in mannshohen Holzregalen Schuh neben Schuh steht.

Ein Warenhaus ist für Besucher immer noch eine Wundertüte. Alles gibt’s im Internet oder in aller Tiefe im Fachgeschäft. Bei Karstadt können Kunden prüfen, ob ihre Armbanduhr wasserdicht ist. Gerade lässt ein älterer Herr, graue Haare, beiges Hemd, eine Batterie wechseln. Man kann Marabufedern in verschiedenen Farben kaufen, auch gemischt, 15 Stück kosten 1,49 Euro. Daneben: Holzperlen. Ein Vater hat seinen Sohn mitgebracht, um schnell ein paar Bewerbungsfotos machen zu lassen. Das geht im Pixyfotostudio, vier Farbbilder für 10,95 Euro. Gegenüber liegen Ma-tratzen, im Angebot. Beim Friseur ist gerade nichts los, aber es sind ja Ferien.

Daneben gibt es all das, was die Kunden, wenn der Eindruck nicht täuscht sehr überwiegend ältere Menschen, erwarten. Mode, Schmuck, Töpfe, Besteck, Taschen, den Kettenoptiker. Alles für den Schulanfang, ein Reisebüro. Wo würden Männer Socken, Unterhosen und T-Shirts kaufen, wenn nicht schnell im Dreierpack im Kaufhaus? In seinen besten Momenten ist das Warenhaus kein Auslaufmodell, sondern ein überdachtes Amazon in der eigenen Stadt. Aber manchmal ist das Problem, dass man zwar alles erwartet in einem Kaufhaus, aber nicht alle Dinge da sind. Keine Lebensmittel, Bücher aus einer öden Top-30-Liste, CDs längst gestrichen, Elektronik sowieso aufgegeben wie auch Stoffe und Vorhänge. Wer nicht mehr erwartet, bestimmte Dinge zu bekommen, bleibt weg. Und immer bleibt der Verdacht, dass im Netz alles billiger ist.

Nichts bei Karstadt ist laut, nichts wirkt auf irgendeine Weise schrill oder gar cool. Man versteht sein eigenes Wort, weil Hintergrundmusik hier nicht nur so heißt. Was angeboten wird, hat betuliche Namen, seit Generationen überleben übergeordnete Gattungsbegriffe. Herrenoberbekleidung. Heimtextilien. Kurzwaren. Angebote wie „Wohn-Accessoire“ wirken hier schon wie auf modern getrimmt. Viele Verkäufer und Kassiererinnen sind lange im Geschäft und es hat den Anschein, als harmonierten sie gut mit ihrer Kundschaft. In Damenwelten treffen Daunenwesten auf sturmfeste Frisuren. Das Personal ist so unaufdringlich, dass schüchternere Menschen sich wohl wünschen würden, bitte angesprochen zu werden. Aber die Zurückhaltung hat Vorteile. Niemand wird sofort angeduzt, Kunden haben Zeit zum Schauen, die Mitarbeiter sind freundlich an diesem Spätnachmittag. Nur in einer Abteilung muss eine angestellte Person offenbar dringend Ware kategorisieren statt ein Paar zu bedienen.

Die Belegschaft wartet nun ein weiteres Mal auf das, was der neue Besitzer zum künftigen Geschäftsmodell bestimmt. Sie haben Nicolas Berggruen nicht sehr gemocht, erzählt ein Mitglied aus dem Betriebsrat, „kann aber sein, dass Benko jetzt macht, was Berggruen sich nicht getraut hat“. Leute entlassen, heißt das. Richtig sanieren und konsequent auf Euro und Cent achten. Im Betriebsrat glauben sie indes nicht, dass Hannover auf der Streichliste stehen wird, sollte es denn irgendwann eine geben. Dafür seien die Zahlen zu gut, jedenfalls im Vergleich der Standorte. „Rot, aber nicht tiefrot“ sollen sie sein.

In Hannover verweisen sie darauf, dass Mitarbeiter schon einige Opfer gebracht haben. Zuletzt wurde das Restaurant ausgegliedert, was Löhne senkte. 2010 gingen 84 Jobs verloren, als das Technikhaus schloss. Ein Haustarifvertrag wurde vereinbart, was ebenfalls weniger Gehalt bedeutete. Eine Sanierungsvereinbarung 2009 hieß: drei Jahre weniger Lohn, Verzicht auf Urlaubsgeld und Teile der Weihnachtszulage. Damals standen Mitarbeiter vor den Glastüren in der Georgstraße, sie bildeten eine Art Menschenkette und plakatierten: „Ohne Karstadt stirbt die Innenstadt.“

Jetzt übernimmt René Benko die Kontrolle. Sollte der Österreicher tatsächlich Standorte schließen, dann hat nach einer Analyse der „Immobilien-Zeitung“ Hannover gute Aussichten zu überleben. Das Fachblatt analysierte drei verschiedene Bewertungen kriselnder Standorte von Warenhäusern und Karstadt im Besonderen. Elf Städte tauchten in allen Listen auf, sie stufte das Fachblatt als besonders gefährdet ein. Bremerhaven, Iserlohn, zwei Adressen in Hamburger Stadtteilen und weitere. Hannover, Georgstraße, Standort in der Landeshauptstadt, in einer der umsatzstärksten deutschen Einkaufsstraßen, ist nicht dabei. Die Frage bleibt: Was kommt?

Berggruen gibt ver.di Mitschuld an der Misere

Benko hat mehr Freiheiten: Der bisherige Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen macht die Arbeitnehmervertreter mitverantwortlich für die anhaltende Krise beim Traditionsunternehmen. „Jede strukturelle Änderung, die wir eingefordert haben, stieß auf Widerstand“, sagte er in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“. Dies habe am Ende dazu geführt, dass er nicht viel habe ändern können.

Der neue Eigentümer René Benko habe jetzt aber mehr Freiheiten, denn er sei keine Kompromisse eingegangen mit den Mitarbeitern und der Gewerkschaft ver.di. „Ich hoffe für Karstadt, dass er es schafft“, sagte Berggruen. Die Gewerkschaften müssten sich überlegen, was gut für Karstadt sei, sagte der Unternehmer: „Manchmal ist es bei einer Sanierung eben so: Am Anfang tut es weh, aber langfristig hilft es.“

Die Gewerkschaft hat die Forderung nach einer Standort- und Beschäftigungsgarantie gegenüber dem neuen Eigentümer des Unternehmens bekräftigt. Der österreichische Immobilieninvestor Benko kann unterdessen mit dem Umbau von Karstadt beginnen. Das Bundeskartellamt gab am Donnerstag grünes Licht für die Übernahme von 88 Karstadt-Warenhäusern durch die Signa-Holding des Österreichers.

Die Freigabe erfolgte ohne Auflagen und Bedingungen, wie die Wettbewerbsbehörde gestern mitteilte: „Letzten Endes wird hier ein Investor durch einen anderen ausgetauscht. An der Marktstellung der einzelnen Karstadt-Warenhäuser ändert sich dadurch aus wettbewerblicher Sicht nichts.“ Benko hatte die Karstadt-Warenhäuser in der vergangenen Woche vom bisherigen Eigentümer für nur einen Euro übernommen. Durch den Ausstieg Berggruens sind die gesamten Karstadt-Warenhäuser wieder unter einem Dach zusammengeführt. Bereits im Oktober 2013 hatte Signa drei Premiumhäuser sowie die Sportgeschäfte übernommen.

jen

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