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Aus der Stadt Was wird aus den kaum genutzten Regiobuslinien?
Hannover Aus der Stadt Was wird aus den kaum genutzten Regiobuslinien?
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00:32 08.11.2017
Von Gunnar Menkens
Alltag auf manchen Linien, wenn Schüler weg sind: Viele freie Sitze. Quelle: Villegas
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Hannover

Ganz hoch im Norden, in einem Ort, der selbst im ausklappbaren Faltplan des Großraum-Verkehrs keinen Platz mehr findet, dreht Sevcan Waron ihren schweren Mercedes, parkt ihn vor der Endstation und stellt den tuckernden Diesel aus. Stöckendrebber, 320 Einwohner, letztes Dorf von Neustadt am Rübenberge. Kein Mensch ist zu sehen. Kein Fahrgast wartet. Dafür wartet jetzt fahrplanmäßig die öffentliche Daseinsvorsorge: ein Bus, am Steuer mit Frau Waron.

Weiter raus als die 460 fährt keine Linie. Endstation heißt hier nicht Hochbahnsteig, elektronische Anzeigen, Ticketautomat und alle paar Minuten eine Bahn. Im Norden Neustadts ist das Wartehäuschen aus Holz gezimmert und ein Fahrplan angeklebt. Von einem verwitterten Brett über dem Eingang grüßt mit eingekerbten Namen „Die Jugend Stöckendrebber“. Hinten sind Felder. Niemand ist mitgefahren an diesen Ort, die Türen am Endpunkt öffnet Sevcan Waron zum Lüften. Zeit für eine Zigarette. „Freitagnachmittag, da ist nicht so viel los.“

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120 Linien fahren für Regiobus im Umland. Manche Strecken sind sehr teuer, weil nur wenige Menschen mitfahren. Jetzt wird über Sparen diskutiert. Doch auch die Wenigen wollen auf ihre Busse nicht verzichten. Eine Ausfahrt aufs Land.

Die Region Hannover diskutiert in den nächsten Wochen, in welchem Umfang die kommunale Verkehrsgesellschaft Regiobus in Zukunft Strecken bedient. Ein Gutachten ist eben zu dem Schluss gelangt, dass das Unternehmen wirtschaftlicher betrieben werden müsse, um privater Konkurrenz standhalten zu können. Bei bevorstehenden Ausschreibungen könnte sonst die Konzession verloren gehen. Die Frage ist nun: Streichen Verkehrspolitiker Verbindungen? Wenn ja, welche? Oder genügt es, mancherorts seltener zu fahren?

Die Linie 460 steht beispielhaft für diese Debatte. Von Stöckendrebber fährt Sevcan Waron eine knappe Stunde bis zum Nordhafen. Pro Fahrt sind im Schnitt weniger als sieben Passagiere dabei, womit diese Verbindung zu den am schlechtesten ausgelasteten Strecken im Netz zählt. Wie auch Busse zwischen Bad Nenndorf und Empelde sowie Engensen und Altwarmbüchen.

Aber dafür kann ja zum Beispiel Vanessa nichts. Sie ist 16 Jahre alt, wohnt in Helstorf und muss jeden Morgen mit dem 460er nach Hannover, weil sie in einem Altenheim ein Praktikum im Büro macht. Ihr Bus fährt um 6.46 Uhr los, eine halbe Stunde später wäre es schon sehr ungünstig. Dass über Kürzungen gesprochen wird, hat sie noch nicht gehört. Aber wenn es passieren sollte, „dann komme ich ja gar nicht mehr weg“. Oder mindestens seltener. Oder später nach Hause.

An diesem Freitag ist der Bus von Sevcan Waron zunächst recht voll. Am Nordhafen wartet sie noch auf eine verspätete Stadtbahn. Junge und alte Fahrgäste steigen ein, zwei Männer haben ihren zusammenklappbaren Roller mitgenommen. Es geht los. Der Diesel röhrt, die Kabine schaukelt, der öffentliche Personennahverkehr fährt über Land. In der folgenden Stunde steigt kaum jemand ein. Es geht durch Wohngebiete, an Wiesen entlang, durch Alleen, bald tauchen Tiere auf. Schafe vor Bauernhöfen, ein Pony auf dem Fußweg in Begleitung eines jungen Mädchens, weiter entfernt steht ein Reh, ungerührt vom Verkehr, offenbar ein Stoiker. Schilder warnen vor Wild.

Manchmal hält Sevcan Waron jede Minute, manchmal kann sie fünf Minuten Tempo machen, wenn keine Haltestelle im Fahrplan steht. Dorfstraßen ähneln Feldwegen, und wenn Fahrgäste Pech haben, verschleppen Trecker voraus das Tempo.

In Resse, Leipziger Straße, steigt Katharina Schenk-Olischewski aus. Die Verbindung zum Nordhafen braucht sie, um in Hannover einzukaufen, Ärzte zu besuchen und Freunde zu treffen. „Der Bus“, sagt sie, „ist in jeder Form notwendig, auch für die Berufsschüler.“ Wer ein Auto habe, könne mit dem Wagen zum Nordhafen fahren und dann weiter mit der Bahn, aber Menschen ohne Auto könnten das eben nicht. Und Resse mit seiner Insellage sei sowieso nicht gut angebunden. Schenk-Olischewski, Kundin der Regiobus, meint im Grunde: Zum Dasein gehört die Möglichkeit, wegzukommen.

Kommentar zu Regiobus

Was ist uns Nahverkehr wert?

Aus Gründen der Wirtschaftlichkeit müssten weniger Busse durch die Region fahren. Die Politik muss wissen, ob sie das will, meint HAZ-Redakteur Bernd Haase.

Vier Minuten später ist Negenborn erreicht. 800 Einwohner, sechs Haltestellen. Im Walde, An der Düpe, Waldesruh, Friedhof, Kapelle, Hummelweg. Nirgendwo steigt jemand ein, nur ein junger Mann verlässt die Handvoll Mitreisende.

Dass die Regiobus mit solchen Fahrten kein Geld verdient, wissen sie dort natürlich selbst. Umso mehr ärgern sich manche im Betrieb über Kritik aus der Politik, man fahre zu hohe Defizite ein. Es sei ja eben diese Politik, die Linien und Fahrpläne fordere, die Regiobus erfülle nur Wünsche und Beschlüsse. Darunter die, mit hohen Verlusten ländliche Gegenden regelmäßig mit Bussen zu versorgen.

Eine Untersuchung konstatierte jetzt, dass bei 20 Prozent aller Fahrten das Verhältnis zwischen Fahrgastzahlen und Aufwand nicht stimme. Auf den besten Linien der Regiobus sind täglich zwischen 5000 und 10 000 Menschen unterwegs. Voll ist es immer, wenn am Morgen und mittags Schüler unterwegs sind, sie machen fast 60 Prozent aller Fahrgäste aus. Der Unterschied zwischen Einnahmen und Ausgaben ist auf alle 120 Linien gerechnet dennoch erheblich. Die Kosten für Busverkehr betragen jedes Jahr rund 65 Millionen Euro, die Erlöse liegen bei 28 Millionen Euro. Die Region Hannover gleicht die Verluste aus.

Freitag, später Nachmittag. In Stöckendrebber startet Sevcan Waron ihren Bus. Es dämmert schon, auf zum Nordhafen. 19 Haltestellen passiert nichts, dann steigt ein junger Mann zu, für zwei Stationen. In Negenborn/Kapelle haben deshalb Karin und Peter Reuß freie Sitzplatzwahl. Das Paar ist auf dem Weg zu einer Feier, mit Blumenstrauß. Die Daseinsvorsorge wird sie bis nach Kirchrode zu einer Feier führen. Der Bus ist für sie Grund, nicht mit dem Auto zu fahren. „Da kann man auch mal ein Bier trinken.“ Der 460er ist für sie eine wichtige Anbindung an Hannover, auch wenn sie nicht jeden Tag den Bus nehmen.

Die Politik wird erklären müssen, wenn sie Hand anlegt ans Netz.

Region muss mehr für Schülertickets zahlen

Die Region rechnet rechnet 2018 mit steigenden Kosten für die Schülerbeförderung. Für das nächste Jahr wurden 34,5 Millionen Euro berechnet, das sind etwa 100.000 Euro mehr als 2017. Der größte Kostenpunkt ist die Ausgabe der Schülercards für Kinder, die mehr als zwei Kilometer von der Schule entfernt wohnen. Mehr zum Thema.

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