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Was wurde aus Hannovers Nazi-Größen?

Aufarbeitung der NS-Verbrechen Was wurde aus Hannovers Nazi-Größen?

„Ich stand nicht auf dem Standpunkt, daß ein guter Nationalsozialist zum Frühstück und Abendbrot je einen Juden zu verspeisen hatte“: Auch Hannovers Nazi-Größen kamen trotz eindeutiger Beteiligung an den Verbrechen zum Teil glimpflich davon. Die HAZ hat nachgeforscht, was aus Gestapo-Angehörigen, Gauleitern und Parteibonzen geworden ist. 

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Arbeitete für den BND: Hartmann Lauterbacher (rechts). Als Mitläufer eingestuft: Henricus Haltenhoff.

Quelle: HAZ/M

Hannover. Der ehemalige Gauleiter machte eine bemerkenswerte zweite Karriere: Hartmann Lauterbacher stand nach dem Krieg zwar wiederholt vor Gericht, unter anderem wegen Blausäure-Morden an Gefangenen im Zuchthaus Hameln, doch er wurde freigesprochen. Stattdessen tummelte er sich bald in der Halbwelt der Geheimdienstler: Im Auftrag der Amerikaner – der Westen schätzte stramme Antikommunisten – soll er unter anderem in Ungarn aktiv gewesen sein. In den Fünfzigern arbeitete er dann für den Bundesnachrichtendienst (BND). In den Sechzigern beriet er die Regierung in Ghana. In den Siebzigern beriet er den Sultan von Oman. Und vor seinem Tod 1988 am Chiemsee veröffentlichte er seine Memoiren, in denen er wenig Reue erkennen ließ.

Der Fall Lauterbacher ist symptomatisch für einen Teil der juristischen Aufarbeitung der NS-Zeit: Viele Täter blieben ungeschoren, oft standen Urteile in krasser Diskrepanz zu den Verbrechen. Im Jahr 1948 stand Kurt Schmalz vor Gericht, der ehemalige Gauleiter-Stellvertreter. Mit ungeheurer Frechheit trat er dort auf: Er leugnete nicht, Antisemit gewesen zu sein. Doch „ich stand nicht auf dem Standpunkt, daß ein guter Nationalsozialist zum Frühstück und Abendbrot je einen Juden zu verspeisen hatte“, erklärte er jovial. Am Ende kam er mit ein paar Monaten Gefängnis davon. „Kurt Schmalz war kein Parteibonze“ titelte darauf die „Hannoversche Presse“ mit ironischem Unterton. Auch SS-Obersturmbannführer Ludwig Hoffmeister, der von 1942–1944 eine Art Oberbürgermeister Hannovers gewesen war, kam mit einem Jahr Haft davon.

Während die Deutschen ihre Stadtverwaltungen – unter den Augen der Alliierten – selbst entnazifizieren durften, behielten diese sich die Verfolgung der NS-Verbrechen selbst vor. Erst 1955 wurde die deutsche Justiz dafür zuständig. Die Urteile, die britische Militärgerichte fällten, kamen vielen Deutschen damals bizarr vor („Die Kleinen hängt man ...“). Auch heute lassen sie sich oft kaum nachvollziehen. So kamen die Kommandanten der Konzentrationslager Ahlem und Stöcken, Kurt-Adolf Klebeck und Otto „Tull“ Harder, mit Haftstrafen davon, während einige ihrer Untergebenen zum Tode verurteilt wurden. Nicht das Erteilen, sondern das Ausführen von Befehlen wurde geahndet.

Zum Tode verurteilt wurde auch der berüchtigte SS-Oberscharführer Walter Quakernack, der als Kommandant des KZ Mühlenberg unter anderem für die Todesmärsche nach Bergen-Belsen in den letzten Kriegstagen verantwortlich war. Er wurde am 11. Oktober 1946 in Hameln gehängt.

Todesurteile oder lange Haftstrafen ergingen auch gegen sechs Gestapo-Angehörige, die kurz vor Kriegsende an einem Massaker an Zwangsarbeitern auf dem Seelhorster Friedhof beteiligt waren. Zwei Männer, die bei der Zerstörung der Synagoge in der „Kristallnacht“ mitgemacht hatten, wurden zu ein paar Monaten Haft verurteilt. Besser erging es Henricus Haltenhoff: Der SA-Standartenführer, Oberbürgermeister von 1937–1942, wurde im Entnazifizierungsverfahren als Mitläufer eingestuft – bei einigen Nazis hatte er als „Judenfreund“ gegolten. In den Fünfzigern saß er dann kurz im Landtag. Als Fraktionsmitglied im „Gesamtdeutschen Block / Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten“.

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