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Wem gehört Hannovers Wasser?

Angler befürchten Konflikte Wem gehört Hannovers Wasser?

Freizeitspaß mit der Leinewelle? Ein Flusskraftwerk am Döhrener Wehr? Oder die Nutzung der Flüsse als Naturerlebnis? Hannovers Angler fordern mehr Mitspracherecht – und wollen sich künftig auch um die Maschseekarpfen kümmern.

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Proteste gegen das geplante Wasserkraftwerk: Andy Krüger vom Vereinsvorstand fischt unterhalb des Döhrener Wollewehrs. Fotos: Burkert, Wilde (Archiv), Meding; Computersimulation: Eric Meier

Quelle: christian burkert

Die Pläne für das Wasserkraftwerk an der Döhrener Wolle werden derzeit komplett überarbeitet. Auf den Naturschutz soll mehr Rücksicht genommen werden, versprechen Stadt und Investor. Hannovers Fischereiverein, mit 4000 Mitgliedern größter Anglerverein Niedersachsens, hat trotzdem eine Klage gegen das Projekt angekündigt. Er fürchtet um die Fische - und weiß die mächtige Wasserrahmenrichtline der EU im Rücken. Unversöhnlich steht Umweltschutz (ein Wasserkraftwerk) gegen Naturschutz (Tierwohl). Nicht der einzige Konflikt. An der Wasserkunst neben dem Landtag wollen Surfenthusiasten die Leinewelle installieren - auch hier fürchten die Angler und Naturschützer um das Wohl der Fische: Freizeitspaß gegen Naturschutz. Die Konflikte sind programmiert.

Sonntag hat der Fischereiverein eine klare Aussage der Stadt eingefordert. Zu seiner Jahresversammlung war Sabine Tegtmeyer-Dette geladen, als Wirtschafts- und Umweltdezernentin die mächtigste Frau der Stadt nach Oberbürgermeister Stefan Schostok. Tegtmeyer-Dette gab sich eloquent, lobte die Angler für ihr Naturschutzengagement - legte sich aber weder zur Leinewelle noch zum Wasserkraftwerk fest: Zu viele Details müssten noch geprüft werden. Eines aber machte sie klar: Beide Fälle stünden beispielhaft für die zunehmende Konkurrenz um Flächen in Hannover. Die Stadt wächst um jährlich 5000 Menschen, also gut 15 000 zusätzliche Einwohner seit 2012. „Die Menschen brauchen Platz zum Wohnen, zum Arbeiten und für die Freizeitgestaltung“, sagt Tegtmeyer-Dette: „Wasser hat einen hohen Erholungs- und Freizeitwert, wie etwa die Idee der Leinewelle zeigt - wir müssen schauen, dass wir einen fairen Ausgleich der unterschiedlichen Interessen bewältigen.“

Aber nicht nur Hannover wächst, auch der Fischereiverein wird immer größer. 30 bis 40 Mitglieder kämen jeden Monat hinzu, allein die Jugendgruppe umfasse mittlerweile 430 Aktive, konnte der Vereinsvorsitzende Heinz Pyka vorrechnen. Und mit der Mitgliederkartei wächst das Selbstbewusstsein. „Unser Landesverband ist landesweit der größte anerkannte Naturschutzverband“, sagt Pyka, und: „Nur bei uns Anglern und bei den Jägern müssen die Mitglieder Fachprüfungen ablegen - das gilt für keinen anderen sogenannten Umweltverband.“ Der Ärger sitzt tief, dass Umweltorganisationen wie der Nabu oder der BUND mit ihren Anliegen bei der Landesregierung schneller Gehör fänden als Jäger und Angler: „Verbände, die ihre Mitgliederversammlung in einer Telefonzelle abhalten könnten, dürfen beim Landesumweltminister Stefan Wenzel ein- und ausgehen - wir bekommen nicht einmal einen Termin“, schimpft Pyka. Für Mai immerhin sei nun mit Ministerpräsident Stephan Weil ein Gespräch vereinbart.

Diese Themen treiben Hannovers Freizeitfischer derzeit um

Maschsee als Anglerrevier: Wegen wirtschaftlicher Probleme des Maschseepächters würde dort seit Jahren das Fischereirecht nicht ausgeübt, sagt Hans-Werner Seifert, Schatzmeister des Vereins. Dadurch gingen der Stadt Einnahmen verloren - denn die Pachthöhe sei an die Erlöse des Maschseefischers gekoppelt, also derzeit nicht existent. „Der Pachtvertrag läuft ohnehin aus - wir können uns vorstellen, dass unser Verein die Aufgabe übernimmt und es damit auch endlich wieder Maschseekarpfen zu Weihnachten gibt“, sagt Seifert. Der Verein könnte sich zudem vorstellen, Angelplätze am weniger genutzten Westufer des Maschsees einzurichten - über diese Themen will man jetzt mit der Stadt ins Gespräch kommen.

Neubau auf der Halbinsel: Seit mehr als 100 Jahren hat der Fischereiverein sein Domizil auf der Ricklinger Halbinsel - und etwa genauso alt sehen die dortigen Gebäude aus. Der Verein würde die barackenähnliche Anlage gerne durch einen kleinen Neubau ersetzen, der wegen des regelmäßigen Hochwassers dann gleich auf Stelzen stehen sollte. „Beim Tag der offenen Tür zu unserem 100. Geburtstag hatten wir die Öffentlichkeit eingeladen und viel Resonanz bekommen - aber derzeit taugen unsere Anlagen dort nicht einmal zur Mitgliederschulung“, sagt Pyka. Stadträtin Tegtmeyer-Dette hat eine Prüfung zugesagt: „Wir werden eine Lösung für alle finden.“

Kein Wehr an der Wolle: In dieser Frage ist der Verein sich einig mit den Anwohnern der Döhrener Wolle - an der Stelle des breiten Leinewehrs darf kein Wasserkraftwerk errichtet werden. Für die Stadtspitze ein Dilemma, denn das Kraftwerk ist als Ausgleichprojekt für Energienutzungen der Nullemmissionssiedlung zero:e in Wettbergen versprochen worden, wo bereits mehr als 100 Familien wohnen. Derzeit werden die Pläne für die Rechenanlage am Wehr erneuert, statt eines Vertikalrechens ist jetzt ein Horizontalrechen geplant, was dem Fischschutz dient. Die Stadt gibt sich in einem Nachbarschaftsdialog Mühe, Interessen unter einen Hut zu bekommen. Im Rathaus ist man sich aber sicher, dass eine Umweltklage des Fischereivereins das Projekt zum Scheitern bringen würde. Tegtmeyer-Dette wollte das nicht bestätigen: „Wir arbeiten an der Planfeststellung“, sagt sie dazu.

Fischtreppe am Landtag: Auch das ehrgeizige Projekt des Vereins Leinewelle, am Landtag eine Surfwelle zu errichten, ist derzeit im Prüfstatus - die Initiatoren müssten noch viele Unterlagen vorweisen, sagt Tegtmeyer-Dette, die zugleich aber betont, dass derartige Initiativen zur Steigerung der Attraktivität Hannovers die Sympathie der Stadtspitze genießen. Inzwischen scheint festzustehen, dass solch ein Projekt ohne eine sogenannte Fischtreppe, mit deren Hilfe Fische gegen die Strömung des Wassers durch den Fluss wandern können, keine Chance hat. Pyka kündigte trotzdem Widerstand an und warb dafür, die Fischtreppe auch ohne die Leinewelle zu bauen. „Dort lässt sich ein Fenster zur Leine einrichten, bei dem Schulklassen und Erwachsene einen Einblick in die Natur unseres Flusses erhalten.“

Schulterschluss mit Jägern: Hannovers Jägermeister Thomas Sporn, der als Gastredner geladen war, warb für einen engen Schulterschluss zwischen Jägern und Anglern. Beide seien Naturschützer und Naturnutzer und müssten ihre Interessen gemeinsam durchsetzen. „Wir leben Nachhaltigkeit vor mit dem Ziel, Artenvielfalt aktiv zu erhalten“, während bei vielen Menschen „die Tierliebe am unteren Ende der Hundeleine“ aufhöre. Falls in Niedersachsen ein neues restriktives Jagdrecht eingeführt werde, wolle man gemeinsam mit den Anglern demonstrieren. In Nordrhein-Westfalen waren 15 000 Menschen aus diesem Anlass auf die Straße gegangen.

130.000 Euro 
für Fischbesatz

Mit gut 4000 Mitgliedern zählt der Fischereiverein Hannover (FvH) zu den größten Sportvereinen der Stadt. Er hat das Fischereirecht an etlichen privaten und kommunalen Gewässern gepachtet. Allein im Pachtvertrag mit der Stadt Hannover sind 450 000 Quadratmeter Fläche ausgewiesen für die Teiche der südlichen Masch, den Laher Teich und den Annateich (Kleefeld). Leine, Ihme und Mittellandkanal dürfen befischt werden, weitere Gewässer liegen im Umland. Der Preis ist nach Angaben von Stadträtin Sabine Tegtmeyer-Dette „überschaubar“, er beträgt 8000 Euro im Jahr. Im Gegenzug pflegt der Verein mit Mitgliedereinsätzen zahlreiche Wasser- und Grünflächen für die Stadt, Tegtmeyer-Dette lobte gestern ausdrücklich das „große Engagement“ für den Naturschutz. Der Jahresetat des FvH beträgt gut eine halbe Million Euro, vor allem aus Mitgliedsbeiträgen. 133 083 Euro hat der Verein im vergangenen Jahr allein für Fischbesatz ausgegeben. Dabei werden bedrohte Arten wie der heimische Lachs eingesetzt, aber auch Angelfische.

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Finanzierung nur mit Spenden
Hat jetzt eine Chance auf Realisierung: die Leinewelle. Finanzieren sollen sie Sponsoren.

Für die sogenannte Leinewelle, einen Surfplatz im Flussbett in Höhe des Landtages, gibt es nach langem Hin und Her eine politische Mehrheit im hannoverschen Rat. SPD und Grüne haben die Verwaltung aufgefordert, eine rechtliche Grundlage für die weitere Planung und Realisierung zu schaffen.

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