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Wenn aus Geschichten Geschichte wird

Geschichtsunterricht Wenn aus Geschichten Geschichte wird

Kann ein Fünftklässler durchdringen, was das alte Ägypten ausmacht? Was muss Geschichtsunterricht leisten? Fragen an einen Lehrer, einen Funktionär – und die beste Geschichtsschülerin des Landes.

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Wissen, wie es wirklich war: Geschichtslehrer René Moujaned mit seinem 12. Jahrgang der IGS Roderbruch.

Quelle: Michael Wallmüller

Hannover. Als kleines Kind hat sich Merle Niemeyer gern als Hexe verkleidet. Sie mag Fantasy - Geschichten über Elfen, Zauberer und andere Wunderwesen. Hexen sind für die Zwölftklässlerin aber auch wissenschaftliches Forschungsobjekt. Ein halbes Jahr lang hat die 18-jährige Schülerin von der IGS Roderbruch nach Spuren von Hexen in Hannover gesucht, in Archiven in jahrhundertealten Gerichtsakten geblättert, mit der Lupe die altdeutsche Schrift entziffert. Mit ihrer Arbeit „Hexenverfolgung in Hannover“ hat sie jetzt den Landessieg im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten errungen.

„Es sollte um Außenseiter in der Geschichte gehen“, sagt Merle. „Ich wollte kein Thema aus der Nazi-Zeit, das hat man in der Schule sowieso schon ständig.“ Zwingend war zudem ein persönlicher oder regionaler Bezug. Persönliche Betroffenheit schied beim Thema Hexen aus. „Das Selbstforschen hat unglaublichen Spaß gemacht“, sagt die 18-Jährige. „Es ist toll, 400 Jahres altes Papier in den Händen zu halten.“ Geschichte ist für Merle ganz klar ihr Lieblingsfach. Ihre Begeisterung fing mit „Sissy-Filmen“ an. „Als ich hörte, dass die Filme einen historischen Hintergrund hatten, wollte ich wissen, wie es wirklich war.“

Wissen, wies es wirklich war - das ist auch für Historiker seit jeher der Antrieb. Am anschaulichsten lasse sich Geschichte durch eigenes Forschen vermitteln, meint Merles Lehrer René Moujaned. Die Teilnahme am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten ist in seinem diesjährigen Leistungskurs Pflicht. Dass Merles Arbeit preiswürdig sei, habe er sofort gewusst, sagt er, aber auch andere Schüler hätten sehr gute Arbeiten eingereicht. Mit seinem Schülern ist er nach Österreich gefahren, um ihnen zu zeigen, wie unterschiedlich Länder mit der Erinnerungskultur umgehen. „In Deutschland gibt es Holocaust-Mahnmale mitten in der Stadt und Stolperstein, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. In Österreich standen wir auf einem Friedhof mit einem Massengrab von 5000 NS-Opfern, wo nicht mal eine Gedenktafel angebracht war.“ Das müsse man doch ändern, habe ein IGS-Schüler gesagt, erzählt Moujaned. Seitdem fahren Jugendliche von der IGS Roderbruch regelmäßig nach Österreich und helfen dabei.

„Cleopatra und Hildegard von Bingen braucht man nicht unbedingt“

Im Geschichtsunterricht lernten die Kinder die Grundlagen politischer Bildung, sagt Johannes Heinßen, Vorsitzender des Niedersächsischen Geschichtslehrerverbandes. Wie entsteht Demokratie? Wie viel individuelle Freiheit geht, ohne dem Gemeinwohl zu schaden? Die Bildungsreformen der vergangenen 15 Jahre hätten jedoch zu einer „Infantilisierung des Unterrichts“ geführt, meint Heinßen. Anstatt ab Klasse 7 wird seit Abschaffung der Orientierungsstufe bereits ab Klasse 5 Geschichte unterrichtet. Gelehrt wird der Stoff chronologisch - von der Steinzeit bis zur Gegenwart. Namen wurden aus den Lehrplänen weitgehend gestrichen. „Cleopatra und Hildegard von Bingen braucht man nicht unbedingt“, sagt Heinßen, „Nationalsozialmus ohne Hitler geht natürlich nicht.“ Die Folge, meint Heinßen: „Geschichte wird zum Geschichtenerzählen, aber das ist es nicht“. Fünftklässler interessierten sich für den ägyptischen Pharao, aber nicht wirklich für den systemischen Aufbau antiker Staaten.

Durch die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren an Gymnasien werde die Lage auch nicht besser, kritisiert Heinßen. In den Jahrgängen 7 bis 9 wird Geschichte künftig nur noch einstündig unterrichtet. Das heißt, dass die meisten Schulen das Fach nur noch ein Halbjahr, dann aber zwei Stunden in der Woche anbieten werden. Die bisher in den Lehrplänen vorgesehene Extrastunde für den bilingualen Geschichtsunterricht soll entfallen. Komplexe Themen wie die Französische Revolution, die früher mit Neuntklässlern behandelt worden waren, stehen jetzt schon in Jahrgang 7 auf dem Lehrplan.

Die Hausarbeit von Merle Niemeyer jedenfalls spielt schon jetzt beinahe auf Hochschulniveau. Bahnbrechende Bücher, auf die sich die Oberstufenschülerin hätte stützen können, gibt es bislang nicht: „Das ist ein eher wenig erforschtes Thema, ich habe einiges aus einer Magisterarbeit, die in den Achtzigern erschienen ist, entnommen.“ Das meiste musste sie aber aus den Quellen lesen. So fand sie heraus, dass zwischen 1512 und 1648 in Hannover 30 Menschen wegen Hexerei angeklagt wurden, oft waren es alleinstehende Frauen zwischen 40 und 60 Jahren. Insgesamt 46 Seiten umfasst ihre Arbeit.

Was hat sie am meisten beeindruckt bei der Recherche? „Die Ausweglosigkeit“, sagt Merle. „War der Prozess einmal losgetreten, kamen die Frauen da nicht mehr heraus, egal, was sie gesagt haben. Folter wurde als Mittel der Beweisführung eingesetzt, und unter Folter gibt man alles zu, selbst die absurdesten Vorwürfe.“ Manchmal suchten Bauern einen Schuldigen für das unerklärliche Viehsterben auf ihren Weiden, manchmal war es einfach Habgier, die zu der Anzeige führte. „Da wurde eine Frau der Hexerei bezichtigt, weil der Nachbar gern ihr Grundstück haben wollte.“ Das klingt nach Geschichten, die die Geschichte gut erklären.

Merle Niemeyer ist durch den Schulunterricht so für das Fach Geschichte entbrannt, dass sie es wohl auch irgendwann mal studieren möchte. „Aber ist noch weit entfernt“, sagt die 18-Jährige. Jetzt geht es um näher liegende Fragen. Zum Beispiel Was soll sie mit den 250 Euro Preisgeld machen?

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