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„Wer im Netz bestellt, schädigt das Klima“

Interview mit Raimund Nowak „Wer im Netz bestellt, schädigt das Klima“

Raimund Nowak ist seit 2009 einer von zwei Geschäftsführern der Metropolregion Hannover-Braunschweig-Göttingen-Wolfsburg. Der 60-Jährige warb während der Weltklimakonferenz in Paris für Elektromobilität. Im Gespräch mit Gunnar Menkens gibt er Tipps, wie die Stadt Hannover, aber auch jeder Einzelne, zum Klimaschutz beitragen kann. 

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Raimund Nowak, Chef der Metropolregion Hannover-Braunschweig-Göttingen-Wolfsburg, in einer VW-Attrappe.

Quelle: von Ditfurth

Herr Nowak, Sie waren sechs Tage lang während der Weltklimakonferenz im Grand Palais in Paris. Auch der französische Präsident war in der Halle. Eine tolle Chance, oder?

François Hollande hat sogar seinen Rundgangsplan geändert und unseren Stand besucht. Er war wohl beeindruckt, dass wir die einzigen Aussteller aus Deutschland waren, eine unserer französischen Mitarbeiterinnen hat ihn allerdings auch sehr eindringlich darauf aufmerksam gemacht. Ein bisschen hofften wir auch, dass er als Franzose eine Frau nicht stehen lässt.

Geschickt. Elektromobilität ist ja kein Thema, das runtergeht wie Öl. Was sagten Sie ihm?

Das habe ich mir vorher auch überlegt, er hatte ja nicht viel Zeit. Wir hatten zwei große Botschaften. Elektrofahrzeuge müssen mit Strom aus erneuerbarer Energie unterwegs sein, und Europa sollte bei der Elektromobilität zusammenarbeiten. Wenn die beiden großen Fahrzeugnationen Deutschland und Frankreich nicht kooperieren, kaufen wir bald Elektrofahrzeuge von Apple oder aus China.

Ein Passus im Pariser Vertrag sieht vor, dass Kommunen sofort beginnen sollten, das Klima zu schützen. Was kann eine Stadt wie Hannover tun?

In den Städten der Welt wird sich die Klimapolitik entscheiden. Es geht natürlich um die Reduzierung des CO2-Ausstoßes, und das bedeutet weniger Autos und andere Autos. Wir müssen den Wechsel zu Elektrofahrzeugen schaffen, auch bei Bussen. Sehr wichtig ist der Lieferverkehr, der wegen des Internethandels in den Städten weiter wächst.

Wer im Internet bestellt, statt vor Ort einzukaufen, schädigt das Klima?

Im Grunde ist das so. Attraktive Innenstädte mit gutem Einzelhandel sind ein Beitrag zum Klimaschutz.

Aber die Stadt hat keinen Einfluss darauf, welche Transporter Logistikunternehmen kaufen.

Städte können Elektrofahrzeugen Vorrang bei Zufahrten einräumen. Das macht es für Unternehmen interessanter, solche Autos zu kaufen. Hannover, die ganze Region, hat das Potenzial, zu einer Vorzeigestadt in der Klimapolitik zu werden. Das öffentliche Verkehrssystem ist gut ausgebaut und auch das Radwegenetz, das alles kann aber noch besser werden. Die Region steigt auf Elektrobusse um. Unsere Metropolregion hat 2011 den vollständigen Umstieg auf erneuerbare Energien bis 2050 beschlossen. Und wenn wir den globalen Maßstab nehmen, dann sind wir hier nicht so dicht besiedelt, dass nicht noch ausreichend Platz für Windräder wäre. Da verstehe ich manchen Streit nicht.

Schöne Sicht auf heimische Landschaften ist manchen Menschen eben näher als ein abstrakter Klimawandel.

Ja, stimmt. Maßnahmen für den Klimaschutz bringen viele Leute oft mit Ängsten und Verboten in Verbindung. Ich bin dafür, Chancen zu betonen. In Paris konnte man direkt erfahren, dass eine Verkehrswende mit weniger Individualverkehr, emissionsfreien Autos und Bussen die Lebensqualität enorm steigern wird. Klimaschutz sorgt einfach für bessere Luft. Die Oberbürgermeisterin von Paris hat während des Gipfels eine Initiative gestartet, die Dieselfahrzeuge von 2020 an in der Innenstadt verbietet.

In Hannover werden Elektrofahrzeuge nicht eben leidenschaftlich nachgefragt. Woran liegt das?

In ganz Deutschland werden viel zu wenig Elektroautos gekauft. Das liegt in erster Linie am Kaufpreis und daran, dass attraktive Modelle fehlen. Beides wird sich ändern. Batterien werden billiger und damit auch die Autos. Ich bin gespannt, wie Apple die Elektroautowelt verändern wird. Die haben nicht nur die finanziellen Möglichkeiten, sondern auch die Macht, weltweit Einfluss auf Geschmack und Lebenseinstellungen zu nehmen. Unseren Stand hatten wir übrigens mit einer Seitenansicht eines VW-Bullis im Hippiestil dekoriert. Ich kann Volkswagen nur raten, baut so ein Ding elektrisch, es wird der Hit.

Was kann jeder Einzelne dazu beitragen, das Klima zu schützen?

Zwei Dinge muss sich jeder fragen. Wie viel Erdöl kostet meine Fortbewegung? Wie viel Fleisch aus Massentierhaltung esse ich? Je weniger Öl und je weniger Fleisch, desto besser ist es für das Klima. Diese einfache Rechnung versteht jeder. Mit seinem Konsumverhalten trifft man jeden Tag eine Klimaentscheidung.

Die Öko-Wunschliste

Bei der Bürgerinitiative Umweltschutz (BiU) mit Sitz in Linden betrachtet man den Klimavertrag von Paris als wichtigen Schritt, hätte sich jedoch eine größere Verbindlichkeit des Abkommens gewünscht. Geschäftsführer Ralf Strobach hat aufgeschrieben, was die Stadt Hannover jetzt tun sollte, um ihren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Seine Wunschliste:
„Der ProKlima-Fonds muss verdoppelt werden, so wie es bei der Gründung ursprünglich vorgesehen war. So können Wärmedämmung und Stromeinsparung gezielter unterstützt werden. Beratungen zur Einsparung bei Betrieben oder Abwrackprämien für alten Strom fressende Kühlgeräte senken den Verbrauch.
Das Kohlekraftwerk in Mehrum muss vom Netz. Kurzfristig. Die Stadtwerke müssen deutlich mehr in Windkraft und Biogasanlagen investieren. Die Biogaseinspeisung ins Gasnetz der Stadtwerke muss deutlich erhöht werden. Zögerlichkeiten wie beim Bau von Windanlagen auf dem Kronsberg oder der Wasserkraftanlage in Döhren können wir uns nicht leisten.
Neubauten müssen in Passivhausstandard erstellt und im Altbaubestand Fernwärme ausgebaut werden. Die Stadt muss Gebiete schaffen, in denen Fernwärme Vorrang hat. Heizöl muss per Satzung ausgeschlossen werden.
Hannover muss weg von gepflasterten Radwegen. Städte wie Kopenhagen oder Utrecht machen es vor: Attraktive Radwege sind asphaltiert, breit und eigenständig sowie baulich getrennt von Fahrbahn und Gehweg. Der Radweg muss zur Einladung werden, dass hier zügig, bequem und sicher gefahren werden kann.“     

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