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Attentäterin in Pierre-Vogel-Video zu sehen

Nach Messerattacke auf Polizisten Attentäterin in Pierre-Vogel-Video zu sehen

Sie ist erst 15 und hat vergangenen Freitag einem Polizisten in Hannover ein Messer in den Hals gerammt. Wer ist dieses Mädchen, das zu so einer Tat fähig ist? Bekannt ist: Der salafistische Prediger Pierre Vogel hat bereits Videos mit ihr für YouTube gedreht.

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Als Achtjährige ließ der Salafist Pierre Vogel Videos mit ihr drehen.

Quelle: Screenshot

Hannover. Mit großen Augen schaut das achtjährige Mädchen zu Pierre Vogel auf. Ein Strahlen huscht über ihr Gesicht, als der salafistische Prediger davon spricht, dass sie schon „weltbekannt“ geworden sei durch das Rezitieren des Korans. Zu sehen ist das auf einem der Videos, die Vogel einst für die Internetseite seines Vereins „Einladung zum Paradies“ drehen und ins Internet stellen ließ. Der Verein, der über Jahre vom Verfassungsschutz beobachtet wurde, ist mittlerweile aufgelöst. Das kleine Mädchen ist heute 15 Jahre alt und sitzt in Untersuchungshaft, seit sie vergangenen Freitag einen 34 Jahre alten Bundespolizisten die sechs Zentimeter lange Klinge eines Küchenmessers in den Hals gerammt hat. Ermittler von Polizei und Staatsanwaltschaft beschäftigt jetzt die Frage, ob ihr Kontakt zum Salafistenprediger Vogel mit ein Grund für den Angriff am Hauptbahnhof war.

Eine 15-Jährige hat im Hauptbahnhof einen Beamten der Bundespolizei mit einem Messer attackiert und schwer verletzt.

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„Dabei muss geklärt werden, ob eine womöglich religiöse oder politische Gesinnung die konkrete Ursache für den Angriff war“, sagt Oberstaatsanwalt Thomas Klinge. Gleichzeitig überprüfe man aber auch, ob das Mädchen spontan gehandelt habe oder womöglich unter einer psychischen Krankheit leide. An den zwei hannoverschen Gymnasien, die die 15-Jährige bisher besucht hat, kann man sich Letzteres nur schwer vorstellen. Das Mädchen verhielt sich in der Schule offenbar vollkommen unauffällig, wirkte zurückhaltend. Auch, dass sie schon in der fünften Klasse ein Kopftuch trug, kam hier niemandem befremdlich vor - schließlich war sie nicht die einzige.

Für den islamischen Prediger Pierre Vogel spielt das Thema Kopftuch von jeher eine große Rolle. Immer wieder spricht er das Thema in den Videos an und warnt die damals Achtjährige, dass das „Geschrei groß sein wird, wenn du mit Kopftuch in die Schule kommst“. Von den zahlreichen Videos mit religiösen Inhalten, die mit dem Kind gedreht worden waren, wusste man an dem Gymnasium, auf das die Schülerin bis vor einiger Zeit ging. Wenn man sie danach fragte, erzählte sie, sie sei von ihrer Moschee dazu angehalten worden. Ansonsten beschreiben Menschen, die kennen, sie als unauffälliges, stilles Mädchen.

Im Internet sieht man zahlreiche Selfies der 15-Jährigen - wie von vielen Altersgenossen.

Im Internet sieht man zahlreiche Selfies der 15-Jährigen - wie von vielen Altersgenossen.

Quelle:

Auch ihr Facebook-Profil wirkt wie das einer typischen Teenagerin. Zwar hat sie dort auch Internetseiten mit dem Titel „Allah ist groß“ mit „gefällt mir“ markiert, daneben schwärmt sie aber offen für westliche Stars wie die Sängerin Taylor Swift oder Schauspieler Leonardo Di Caprio. Ein ganz besonders großer Fan scheint sie von Justin Bieber zu sein. In mehreren Beiträgen bringt sie ihr Faible für den Sänger zum Ausdruck.

Im realen Leben bezeichnen Schüler des hannoverschen Gymnasiums, das sie derzeit besucht, sie hingegen als schüchtern, unscheinbar. Fremd, auffällig, habe sie nicht deshalb gewirkt, weil sie ein Kopftuch trug, hieß es gestern. Das täten mehrere Mitschüler. Befremdlich sei höchstens gewesen, wie sehr sie sich abgeschottet habe: „Sie war nie im Pausenraum zu sehen, saß oft ganz still, alleine auf der Treppe und sagte nichts.“ Angeblich war sie erst vor Kurzem noch einmal an ihre alte Schule zurückgekehrt und hatte gesagt, dass sie zurück wollte, weil sie sich an der neuen Schule nicht wohl fühle.

Bruder interessiert sich offenbar für IS

Auffälliger als sie wirkte offenbar ihr etwas älterer Bruder. Er besuchte dieselben Gymnasien wie sie, hatte aber wohl deutlich mehr Schwierigkeiten mit dem Lernstoff - und musste beide Schulen verlassen. Als Spaßmacher, überdreht, lustig, als Junge in ganz normalen Klamotten, Jeans und Kappe wird er beschrieben. Auf seiner Facebook-Seite jedoch zeigt sich, dass er sich auch für die radikalen Strömungen des Islam interessiert. Einen Beitrag darüber, dass die USA Probleme mit dem Kampf gegen den Islamischen Staat haben, kommentierte er mit den Worten: „Ist schwer gegen einen Feind anzukämpfen, der ALLAH auf seiner Seite hat!“

Aus seinem Umfeld heißt es, der junge Mann habe sich irgendwann radikalisiert und versucht, nach Syrien zu kommen, sei aber aufgehalten worden. Auch die 15-Jährige selbst hat angeblich versucht, in die Türkei auszureisen, sei aber von ihrer Mutter zurückgeholt worden. Manche, die Bruder und Schwester kennen, vermuten, dass der Ältere die Jüngere entscheidend geprägt hat.

Pierre Vogel hat eine andere Theorie: „Wenn man einen Schuldigen für die Radikalisierung vieler junger Muslime suchen möchte, sollte man sich bei den Behörden wie dem Verfassungsschutz bedanken“, ließ er per E-Mail auf eine Anfrage der HAZ ausrichten.

Salafismus in Niedersachsen

Bereits 2014 ging der niedersächsische Verfassungsschutz davon aus, dass es rund 400 Salafisten im Land gibt, Tendenz steigend. Zwar sei die Mehrheit der Mitglieder der radikalsten islamistischen Bewegung politisch-missionarisch ausgerichtet, „die Übergänge vom politischen zum jihadistischen Salafismus sind jedoch fließend“, erklärten die Verfassungsschützer und warnten vor sogenannten Lone-Wolf-Attentätern, die vor allem in westlichen Demokratien unabhängig von einem Terrornetzwerk Anschläge verüben können.

Das Gefährliche an der Radikalisierung vor allem junger Menschen ist, dass es kein typisches Profil der Täter gibt. Die Männer und Frauen stammen aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus. Jedoch gibt es laut Verfassungsschutz eine Reihe von sozialen Einflussfaktoren, die zur Radikalisierung beitragen können. „Oftmals sind durch Alter und durch familiäre Verhältnisse bedingte Orientierungslosigkeit und die daraus resultierende Suche nach Werten, Anerkennung, Gemeinschaft und Geborgenheit ein Grund“, heißt es weiter. Zudem finde eine salafistische Radikalisierung, die in der Teilnahme am militanten Jihad enden kann, zumeist über Kontakte im persönlichen Umfeld statt. Dabei können auch salafistische Prediger wie Pierre Vogel eine entscheidende Rolle spielen.  jki

Von Jutta Rinas, Susanna Bauch und Jörn Kießler

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