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Aus der Stadt Wer ist der Obdachlose vom Braunschweiger Platz?
Hannover Aus der Stadt Wer ist der Obdachlose vom Braunschweiger Platz?
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00:23 25.12.2015
Von Simon Benne
„Hier sind die Leute freundlich“: Pedro am Braunschweiger Platz. Quelle: Benne
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Hannover

Schwer zu sagen, wo Pedro herkommt. „Ich bin in Texas geboren“, sagt er selbst und zieht an seiner Pall Mall. Er sagt es auf Italienisch. Englisch spricht er nicht. Ungewöhnlich für einen Texaner. Deutsch auch nicht. Dafür Italienisch, Französisch und Spanisch. Der Mann, der in seinem Schlafsack auf der Straße liegt, erzählt, dass er als US-Captain mit einem Fallschirm über Frankreich abgesetzt wurde und vor acht Jahren nach Deutschland kam. Man tritt Pedro nicht zu nahe, wenn man sagt, dass er in seiner eigenen Welt lebt. Vielleicht wird nie jemand die wirkliche Geschichte des Mannes erfahren, der mit seinem grauen Bart eigentlich sehr ansehnlich aussieht – und jünger, als er vielleicht ist: „Ich werde jetzt 60“, sagt er selbst: „soixante ans, am 24. Dezember.“

Obdachlose gibt es viele in der Stadt. Bis zu 2000 Menschen leben nicht in festen Wohnverhältnissen. Viele davon kommen bei Bekannten unter, schätzungsweise 500 leben auf der Straße. Die meisten richten sich irgendwo im Verborgenen ein. Scham ist die Schwester der Armut. Pedro jedoch hat sein Quartier direkt an einer Hauptstraße aufgeschlagen. Tausende von Autos rauschen täglich an seiner Schlafstatt unter der Eisenbahnbrücke am Braunschweiger Platz vorbei. Selbstbewusst hat er sich ein Stück vom öffentlichen Raum erobert. Er lebt hier unter aller Augen, ohne sich vor jemandem zu verstecken – und die Fläche, die er für seine Matratzen, Tüten und Koffer braucht, wächst.

„Hier sind die Leute freundlich“

Warum er ausgerechnet unter der zugigen Eisenbahnbrücke schläft? Mitten in der City? „Hier sind die Leute freundlich“, sagt Pedro. Die vielen Passanten, die hier vorbeikommen, stecken ihm gelegentlich etwas zu; er deutet auf den Vorrat an Brot, Wasser und Würstchen, den er neben sich gehortet hat: „Hunger habe ich nicht, und kalt ist es hier auch nicht.“ Wie aufs Stichwort fährt ein Rollstuhlfahrer vorüber und grüßt Pedro, wie man einen alten Bekannten grüßt. Pedro winkt lächelnd zurück: „Un amico“, sagt er. „Ein Freund. Wir sind in Vietnam zusammen in Gefangenschaft geraten.“

Die Polizei bekommt manchmal Anrufe seinetwegen. Passanten beschweren sich dann, weil er sich zu breit gemacht hat, oder sie machen sich Sorgen um ihn. „Grundsätzlich ist der Mann harmlos“, sagt ein Polizeisprecher. Einigen Anwohnern jedoch ist er ein Dorn im Auge: „Ein Schandfleck“, sagt ein Nachbar: „Der macht sich so breit, dass es die Verkehrssicherheit gefährdet.“ Jeder hier kennt Pedro, der so gar nicht zu dem Bild passt, das man sich landläufig von Bettlern macht: „Der macht, was er will“, sagt eine Frau. „Er ist für uns nur schwer zu erreichen.“

„Ich bin hier im Dienst der Wahrheit“

Beim Kontaktladen Mecki, der Obdachlose betreut, kennt man Pedro. Viel über ihn weiß auch hier niemand. „Als Ausländer hat er keinen Anspruch auf Grundsicherung“, sagt Straßensozialarbeiter Pascal Allewelt. Allenfalls könnte er in eine städtische Unterkunft umziehen, wenn es kalt wird. Doch das will Pedro nicht: „El Refugio? Da schlafen ja vier, fünf Leute in einem Raum – hier bin ich zufrieden“, versichert er.

Ein Hund kommt und schnüffelt an seinen Decken, ehe der Besitzer ihn zurückziehen kann. Natürlich sei es nicht immer leicht, hier draußen zu liegen, sagt Pedro. Doch er ist überzeugt davon, dass er hier sein muss. Um Beobachtungen zu machen, für den Geheimdienst. Vielleicht versöhnt ihn das mit seinem Schicksal: der Glaube, dass er unter dieser Brücke eine Bestimmung hat. „Ich bin hier im Dienst der Wahrheit“, sagt er und lächelt wieder. „Pour la vérité.“

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