Der „Scheißfußball“ allein, wie sie sagen, kann es nicht gewesen sein. Wer macht so etwas schon, zwei Menschen zu erschießen, weil ihr Heimatland Italien einen Weltmeistertitel mehr errungen hat als Deutschland? Familie, Freunde, Kollegen von Franco S. und Giuseppe L. stellen sich diese Frage wieder und wieder, sie hat sich vor ihnen ausgebreitet wie ein tiefes, schwarzes Loch, das jeden andere Gedanken in sich aufsaugt. Wer ist dieser Kerl mit dem kahlen Schädel und den Radlerhosen, der am Montagmorgen im Suff in einer Steintorkaschemme zwei Menschen erschoss, den 47 Jahre alten Pizzabäcker Franco S. und den 49 Jahre alten Koch Giuseppe L.?
Wer ist Holger B.?
Seit jenem unglückseligen Montag findet sich, versatzstückartig, manches über B. in der Welt. Zeugen aus der Steintor-Kneipe „Columbus“ haben das ihre gesagt über „den Holger“, den sie offenkundig nur vom Kneipentresen kannten. Nachbarn aus Linden-Süd haben dieses oder jenes zu Protokoll gegeben, auch Bekannte, die ihn seit Kindheitstagen kennen oder die an Sonnabenden in einer Lindener Kneipe die Fußballspiele von Hannover 96 mit ihm verfolgten. Am Dienstag schließlich hat Holger B., von einem Verwandten und einem Anwalt begleitet, in einem spanischen Gericht gegenüber einem Untersuchungsrichter und einem forensischen Gutachter Auskünfte gegeben. All das ergibt ein Bild, das falsch sein kann oder richtig. Nicht von der Hand zu weisen ist allerdings, dass vieles von dem, was Holger B. auf Mallorca ausgesagt haben soll, sich in das hannoversche Puzzlespiel fügt.
„Der Holger ist ein supernetter Typ“, sagt etwa einer der Bekannten aus B.’s Fußballkneipe, „Aber wenn er was getrunken hatte“, erzählt ein anderer, „konnte er auch richtig aggressiv werden, weil sich der Alkohol nicht mit den Pillen vertragen hat, die er nehmen musste.“ In B.’s Umfeld kursieren Geschichten über kleinere und größere Aussetzer, cholerische Anfälle. Immer wieder ist von einer psychischen Erkrankung des 42-jährigen die Rede, deretwegen er in seinen jungen Jahren nach einer kurzen Zeit bei einem Paketdienst frühzeitig berentet worden sei. Im „Columbus“ weiß am Tattag zwar keiner der Zechkumpane den Nachnamen vom Holger zu sagen. Aber dass er psychisch krank sei und Medikamente nehmen müsse, wollen auch sie gehört haben.
Das deckt sich mit dem, was die mallorquinische Tageszeitung „Diario de Mallorca“ über B.’s Geständnis beim Richter berichtet. Zwar habe seine Erinnerung an den Montagmorgen Lücken, soll B. angegeben haben. Jedoch erinnere er sich, dass er sich gegen fünf Uhr mit den beiden Italienern über Fußball gestritten habe. Zuvor habe er viel getrunken und dazu Medikamente eingenommen, die ihn „verrückt“ gemacht hätten. Die spanische Justiz hat einen forensischen Gutachter hinzuzogen, der B. untersuchte. Dem Medienbericht zufolge kommt der zu dem Ergebnis, eine depressive oder eine sogenannte bipolare Störung könne nicht ausgeschlossen werden.
Experten lässt vor allem letztere Diagnose aufhorchen. „Sollte eine bipolare Störung mit einer manische Verfassung vorgelegen haben, könnte dies in Verbindung mit Alkohol für die Frage der Schuldfähigkeit vor Gericht von Bedeutung sein“, sagt der Psychiater und Forensiker Professor Andreas Spengler, früherer Leiter des Landeskrankenhauses Wunstorf. Wichtig werde daher sein, zu klären, ob B. tatsächlich unter einer solchen Krankheit leidet, wie sie bisher behandelt worden ist und ob sie seine Verfassung bei der Tat beeinflusst hat.
Patienten mit einer bipolaren Störung durchleben wiederkehrende Phasen größter Euphorie, tiefster Depression oder starker Gereiztheit. „Man kann sich das vorstellen wie eine Art emotionalen Tornado“, sagt Spengler. „Es können erregte Zustände auftreten, die die Selbststeuerung stark beeinträchtigen, auch über Tage und Wochen.“ Das sei für Außenstehende aber nicht immer erkennbar. Auch seien diese Störungen meist gut behandelbar: „Es kann sein, dass ein solcher Patient hinterher fassungslos und voll Reue auf seine Taten zurückblickt.“ Aufschluss über B.’s Situation werde sicherlich ein gründliches forensisches Gutachten geben.
Ein bisschen passt das zu dem, was die Gäste in Holger B.’s Fußballkneipe sagen: „Der rastet nicht noch einmal aus, und wenn er wieder nüchtern ist, wird er schnell begreifen, was er getan hat.“
Die Krankheit allein jedoch, mahnen Experten, macht noch keine Tat. Warum zum Beispiel, fragen sie sich, hatte Holger B. eine Waffe zu Hause? Dem mallorquinischen Richter erzählt B., die Waffe habe seinen Eltern gehört. Nach deren Scheidung wächst B. hauptsächlich bei seinen Großeltern auf. Glaubt man Gerüchten, macht das familiäre Umfeld den Besitz einer Schusswaffe zumindest erklärlich. Eingesetzt hat Holger B. sie zuvor jedoch offenbar nicht, jedenfalls ist er der Polizei bis zu jenem 5. Juli 2010 noch nicht aufgefallen. Gewisse Abläufe im Kopf könnten sich bei Patienten, die unter bipolaren Störungen leiden, verselbstständigen, sagen Psychiater. Vielleicht ist das am vergangenen Montag geschehen. Dem spanischen Richter sagt Holger B., er könne sich nicht an alle Details erinnern. Es scheint, sagt ein Fachmann, als seien möglicherweise viele unglückliche Faktoren zusammengekommen: Eine psychische Krankheit, ein betrunkener Kopf, ein instabiles Umfeld.
Holger B.’s Nachbarn in Linden-Süd versichern glaubhaft, von den Problemen des 42-Jährigen nichts mitbekommen zu haben. Unauffällig sei der gewesen, freundlich, unkompliziert. Keine Beschwerden über Krach oder ungewischte Treppen. Na ja, sagt einer, hin und wieder habe man ihn sehen können, wenn er nachts betrunken mit seinem Fahrrad nach Hause gekommen sei. Die Staatsanwaltschaft Hannover geht davon aus, dass Holger B. sich des Mordes schuldig gemacht hat. Heimtücke sieht sie in der Tat, einen sogenannten niederen Beweggrund ohnehin. Er habe, sagt Oberstaatsanwältin Irene Silinger, offenkundig „Mordlust“ verspürt. Nach allem, was Holger B. vor dem spanischen Richter vorgebracht hat, ist zu erwarten, dass er diese „Mordlust“ als wahnhafte Phase beschreiben wird. Das, sagen Psychiater, werde auch durch die lange Zeitdauer von einer guten Stunde, die am Montagmorgen zwischen Streit und Mord verging, nicht zwingend widerlegt. Eine solche wahnhafte Phase könne sich durchaus über Wochen erstrecken.
Ob all das zusammenpasst oder nicht, ob Holger B. krank ist oder mit seiner Aussage den Kopf aus der Schlinge zu ziehen versucht, wird Gegenstand langer Begutachtungen sein. Am Ende wird sich wohl zumindest bestätigen, was Familie und Kollegen von Franco S. und Giuseppe L. längst wissen: Der „Scheißfußball“ war nicht alles.
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