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„Wer nicht weiterkonnte, wurde gnadenlos erschossen“

Todesmärsche aus Hannover „Wer nicht weiterkonnte, wurde gnadenlos erschossen“

Vor 70 Jahren trieben die Nazis Häftlinge aus Hannovers Konzentrationslagern nach Bergen-Belsen. In ganz Deutschland starben bei solchen Todesmärschen etwa 250.000 Menschen – das NS-Terrorsystem ging in seine letzte, besonders grausame Phase.

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„Was soll ich feiern, dass ich lebe“: Der 95-jährige Henry Korman in seinem Lieblingscafé in Hannover.

Quelle: Michael Thomas

Hannover. Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein“, hat Nietzsche gesagt. Henry Korman weiß, wie wahr das ist. Vor 70 Jahren war er einer der ausgezehrten Häftlinge, die im KZ Bergen-Belsen Leichen schleppen und in große Gräber werfen mussten. „Als ich am Rand der Grube stand, da war es, als riefen die Toten: ‚Komm rein!‘“, sagt er. „Als wollten sie mich zu sich ziehen, damit alles ein Ende hat.“

Korman atmet tief durch, wenn er davon spricht. Oft hat der 95-Jährige schon vor Schulklassen von seinem Schicksal erzählt, doch die Erinnerung fällt ihm immer wieder schwer. Damals, am Rand der Grube, riss er sich zurück und schleppte sich zu einem Berg von Leichen, in dem er sich eine Art Höhle machte. Inmitten der Toten versteckte er sich hinter einer Decke. Am Abend wankte er dann zum Zählappell und zurück in seine Baracke: „Auf allen Vieren bewegte ich mich fort, wie ein Hund.“ Auf der Pritsche hielt er Zwiesprache mit seinen schon ermordeten Eltern: „Wir sehen uns bald!“ Henry Korman schloss mit seinem Leben ab. „Ich wusste, dass ich nicht mehr aufstehen würde“, sagt er. Am nächsten Tag jedoch weckte ihn ein Freund: „Ein englischer Panzer! Wir sind frei!“ Es war der 15. April 1945.

dpa

Fast 70 Jahre danach sitzt Henry Korman in der Holländischen Kakao-Stube, seinem Lieblingscafé. Auf seinem iPad zeigt der weißhaarige Mann, der abwechselnd in Hannover und New York lebt, Fotos von Orten seiner Jugend: Da ist Auschwitz, wo man ihm die Nummer A 19195 in den Unterarm tätowierte und wo er von KZ-Arzt Josef Mengele zu denen sortiert wurde, die vorerst weiterleben durften. Und da ist das KZ Hannover-Mühlenberg. Dort war der junge Jude aus dem polnischen Radom nach einer Odyssee durch verschiedene Lager 1945 gelandet. Für die Hanomag schuftete er in der Flak-Produktion: „Zu essen gab es nur dünne Suppe und Brot, durch das man die Sonne sehen konnte“, sagt er. „Und am 6. April begannen dort mit dem Todesmarsch die schlimmsten Tage meines Lebens.“

Das KZ 
Bergen-Belsen

Die Bilder schockierten die Welt: Als britische Truppen 1945 Bergen-Belsen befreiten, nahmen Kamerateams erschütternde Bilder von Leichenbergen auf. Stärker noch als Auschwitz stand in der westlichen Welt damals Bergen-Belsen als Synonym schlechthin für das Morden in den KZ. Mehr als 70 000 Menschen fanden hier zwischen 1941 und 1945 den Tod. Nach der Befreiung lebten etwa bis 1950 teils 12 000 „Displaced Persons“, meist Juden aus Osteuropa, auf dem Gelände: Ausgerechnet Bergen-Belsen wurde zur größten jüdischen Gemeinde Nachkriegsdeutschlands. Heute erinnert die 2007 eingerichtete Dauerausstellung des Dokumentationszentrums an die Geschichte des Ortes. Neben 300 000 Einzelbesuchern werden jährlich rund 1000 Gruppen durch die Anlage geführt.

Obwohl die Todesmärsche das Grauen der Konzentrationslager buchstäblich auf die Straße holten, sind sie im öffentlichen Bewusstsein heute kaum präsent. Dabei sind sie ein besonders düsteres Kapitel der letzten Phase der NS-Herrschaft: Um zu verhindern, dass die anrückenden Alliierten die Häftlinge befreien, schickten die Nazis diese auf mörderische Märsche von Lager zu Lager. „Insgesamt fielen Räumungstransporten und Todesmärschen in den letzten Kriegsmonaten rund 250 000 Häftlinge zum Opfer“, sagt Jens-Christian Wagner, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Besonders das noch nicht von den Alliierten eingenommene Bergen-Belsen wurde zum Zielort geschundener Menschen aus Auschwitz, Buchenwald oder Ravensbrück: Zwischen Januar und April 1945 kamen dort rund 100 Transporte mit rund 90 000 Menschen an. Und Henry Korman war einer von ihnen.

„Wir marschieren!“, riefen die Wachmänner, SS-Leute und ältere Marinesoldaten, morgens im KZ Mühlenberg. Wer nicht laufen könne, solle zum Krankenrevier gehen - er würde später nachgeholt, hieß es. „Dort war aber schon eine Grube ausgehoben - in der sind viele von ihnen dann gelandet“, sagt Korman. Er selbst wurde mit Hunderten Leidensgenossen aus dem Lager getrieben, unter dem Gebrüll der SS.

Rettung durch US-Truppen: Soldaten verpflegen Gefangene eines KZ in Hannover, die dem Todesmarsch entgangen waren.

Rettung durch US-Truppen: Soldaten verpflegen Gefangene eines KZ in Hannover, die dem Todesmarsch entgangen waren.

Quelle: Historisches Museum

„Für die geschwächten und oft kranken Häftlinge war der lange Weg eine furchtbare Strapaze“, sagt der Historiker Rolf Keller. Durch Ricklingen und Kleefeld wurde Kormans Kolonne zur Podbielskistraße getrieben, weiter ging es durch Isernhagen und Großburgwedel. „Wer nicht mehr weiterkonnte, wurde im Wald erschossen“, erinnert sich Korman. Die erste Erschießung gab es schon am Rande der Eilenriede in Hannover.

Flüsternd beratschlagten die Häftlinge: Sollen wir abhauen? Wird uns ein Bauer verstecken? Uns versorgen? Und was, wenn er es tut, aber dann kommt seine Frau, und die hat Angst? „Schließlich sagte ich: Wir gehen weiter“, sagt Korman. Ein anderer Jude, Martin F., türmte tatsächlich. Die Wachen feuerten ihm nach; mit einem Steckschuss im Oberschenkel konnte er humpelnd entkommen. Ein Isernhagener Bauer versteckte ihn mehrere Tage lang und brachte ihn dann ins Krankenhaus nach Großburgwedel. Martin F. überlebte.

Bei Fuhrberg übernachteten die Häftlinge aus Mühlenberg vor einer Scheune. Aufstehen durften sie nicht: „Schon wer sich aufgesetzt hätte, wäre erschossen worden“, sagt Korman. Als es unter Gefangenen, die in eine überfüllte Scheune gepfercht worden waren, ein Gerangel um Platz gab, feuerte ein Bewacher in die Dunkelheit - und traf den erst 17-jährigen Belgier Isaak Hecht in den Bauch. Ein Mithäftling erinnerte sich später, der Verletzte habe noch eine halbe Stunde geschrien - dann sei er „still geworden“.

„Überall Tote“: Das Lager Bergen-Belsen nach der Befreiung.

„Überall Tote“: Das Lager Bergen-Belsen nach der Befreiung.

Quelle: Historisches Museum

In einer Scheune landeten auch Häftlinge aus dem KZ Stöcken: Ihre Peiniger hatten sie nach Gardelegen verfrachtet. Dort sperrte man sie in die Isenschnibber Feldscheune und zündete diese an. Wer versuchte, den Flammen zu entfliehen, wurde erschossen. Mehr als 1000 Menschen fanden den Tod. Die Trümmer der Scheune rauchten noch, als die Amerikaner wenige Stunden später dort eintrafen. „Diese Verbrechen kurz vor dem Ende des Regimes wirken besonders irrational“, sagt Historiker Wagner. Tatsächlich scheint es, als hätten die Nazis noch so viele Menschen wie möglich mit in den Untergang reißen wollen: „Entweder die oder wir - dieses Denken folgt ganz der Vernichtungsideologie der NS-Propaganda“, sagt Wagner.

Die Stiftung niedersächsiche Gedenkstätten hat ein Internetprojekt mit dem Titel "70 Tage Gewalt, Mord, Befreiung. Das Kriegsende in Niedersachsen". Es ist hier zu finden.

Das Kommando über den Todesmarsch aus Mühlenberg hatte der berüchtigte SS-Oberscharführer Walter Quakernack, der 1946 hingerichtet wurde. Korman hatte ihn schon in Auschwitz erlebt und wusste, dass er Häftlinge auch eigenhändig erschoss. Als Anwohner bei Winsen versuchten, die Gefangenen mit Wasser zu versorgen, verhinderte Quakernack dies.

Die Häftlinge aus Mühlenberg stützten sich gegenseitig. „Nur weitergehen! Nicht nach hinten geraten!“ Korman marschierte schon in der letzten Reihe, arbeitete sich dann aber vor bis zu dem Leiterwagen mit dem Gepäck der Wachen, den die Häftlinge ziehen mussten: „Dort konnte ich mich wenigstens aufstützen.“ Vor Belsen, an einer abschüssigen Stelle, drohte der Wagen auszubrechen, aber die Häftlinge hielten ihn auf Kurs: „Da sagte Quakernack: ,Hinsetzen!‘ und gab jedem von uns ein halbes Stückchen Brot“, sagt Korman. Er klingt noch immer etwas ungläubig, wenn er davon erzählt, als könnte er diese Regung der Menschlichkeit bis heute nicht richtig einordnen.

Unter Aufsicht britischer Soldaten laden nach der Befreiung von Bergen-Belsen ehemaligen KZ-Wachmannschaften die Opfer von Lastwagen und bringen sie zu den Massengräbern.

Unter Aufsicht britischer Soldaten laden nach der Befreiung von Bergen-Belsen ehemaligen KZ-Wachmannschaften die Opfer von Lastwagen und bringen sie zu den Massengräbern.

Quelle: dpa

Vor Belsen wurde die Kolonne noch einmal bombardiert: „Wir sprangen in den Graben, danach ging es weiter“, sagt Korman. Der Weg führte an einen Ort unbeschreiblichen Grauens: „Im Lager lagen überall Tote herum.“ Ein Mädchen, das aus seiner Heimatstadt Radom stammte, warf ihm ein Stück Brot über einen Stacheldrahtzaun. Inmitten der Leichen aß er Kartoffelschale. Es sollten quälende Tage vergehen, bis endlich die Alliierten kamen.

Der Mann, der damals knapp dem Tod entging, ist gerade 95 Jahre alt geworden. Doch Geburtstage sind ihm nicht wichtig: „Was soll ich feiern, dass ich lebe, wenn meine ganze Familie ermordet wurde“, sagt er. Dafür ist er im Januar nach Auschwitz gereist, zum Jahrestag der Befreiung des Lagers. Und am 26. April will er zur offiziellen Gedenkveranstaltung nach Bergen-Belsen fahren. Auch wenn es Kraft kostet. Er feiert nicht das Leben, er feiert die Freiheit. „Ich werde dabei sein“, sagt er leise. „Ich werde dabei sein.“

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