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Aus der Stadt Wer ruht wirklich im Leibniz-Grab?
Hannover Aus der Stadt Wer ruht wirklich im Leibniz-Grab?
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21:15 02.09.2009
Von Simon Benne
Brisantes Dokument: Martina Trauschke, Pastorin der Neustädter Kirche, mit dem Originalprotokoll der Öffnung des Leibniz-Grabes von 1902. Quelle: Decker

Ehrfürchtig blickten die Männer hinab in die aus Backsteinen gemauerte Gruft, die im Kirchenfußboden zum Vorschein kam, als man den Grabstein anhob. Gewissenhaft bargen Kirchenvorsteher und Wissenschaftler, was sie an diesem 4. Juli 1902 unter der Platte mit der Aufschrift „Ossa Leibnitii“ („Leibniz’ Gebeine“) fanden. In der Gruft, die sie beim Umbau der Neustädter Hof- und Stadtkirche geöffnet hatten, kamen ein „wohlerhaltener Schädel und die Mehrzahl der Gebeine des Rumpfes“ zum Vorschein. So geht es aus einem jetzt aufgetauchten Originalprotokoll der Graböffnung hervor, das offenbar der damalige Gemeindepastor Mohr angefertigt hat.

„Das Dokument habe ich in den Unterlagen meiner Eltern gefunden“, sagt 
Roswitha von Lingelsheim. Ihr Großvater, der Stabsarzt Felix Berthold, war seinerzeit bei der Graböffnung dabei. Sie hat die Handschrift jetzt an Pastorin Martina Trauschke übergeben, für das Gemeindearchiv. Ein wenig brisant ist das Manuskript schon – schürt es doch erneut Zweifel daran, dass im Grab des berühmten Gelehrten auch tatsächlich die Gebeine des berühmten Gelehrten liegen.

Unstrittig ist, dass Leibniz 1716 in der Kirche bestattet wurde. Deren Fußboden bestand aus rund 200 Sandsteinplatten, unter denen wichtige Persönlichkeiten die letzte Ruhe fanden. Im Kreise der Wichtigen galt Leibniz damals als eher unwichtig. Sein Grab wurde nicht gekennzeichnet, und es spricht viel dafür, dass dessen genaue Lage im Laufe der Jahrzehnte schlicht in Vergessenheit geriet. Überliefert ist, dass ein Göttinger Student das Grab 1775 suchte und noch nicht einmal der Küster es ihm zeigen konnte.

Bald erhob sich in Zeitschriften Spott über die kulturvergessene Stadt. Inzwischen florierte in Deutschland der Geniekult; Gräber waren zu Denkmälern und Pilgerstätten avanciert – da wollten sich die Hannoveraner nicht nachsagen lassen, als Hüter der Reliquien eines Genies geschlampt zu haben. Die Angst vor der Schmach muss wohl ihre Bereitschaft beflügelt haben, ein Grab zweifelsfrei als Leibniz-Grab zu identifizieren. Und so versahen sie 1790 eine Steinplatte mit der Aufschrift „Ossa Leibnitii“. Diese lag direkt vorm Altarraum, unverstellt von Kirchenbänken, an prominenter Stelle.

„Und genau das macht die Sache so verdächtig“, sagt der renommierte Leibniz-Kenner Eike Christian Hirsch, der seit geraumer Zeit Zweifel an der Echtheit der Leibniz-Gebeine hegt. Denn bei der spektakulären Graböffnung 1902 sahen die Lokalpatrioten über allerlei Ungereimtheiten großzügig hinweg. So war der Tote im Grab auffallend groß gewesen, während Zeitgenossen Leibniz als mittelgroß beschrieben. Knochen und Schädel passten farblich ohnehin nicht recht zueinander. Und während Leibniz’ Sekretär in seinen Aufzeichnungen einen Tannenholzsarg erwähnte, fand man nur Spuren von Eichenholz. Vom auffälligen Sargschmuck aus Zinn, den der Sekretär erwähnte, war im Grab keine Spur – stattdessen lagen dort, wie Pastor Mohr notierte, „ornamentierte Puttenköpfe“, von denen die Überlieferung nichts wusste.

Hans Graeven, 1902 Mitarbeiter des Kestner-Museums, hatte dafür eine Erklärung parat: Am Grabrand wollte er Aufbruchspuren erkannt haben – vermutlich habe jemand den Zinnschmuck später entfernt. Laut Protokoll hingegen befand der Architekt Hermann Schaedtler bei der Graböffnung, dass die Gruft „seit der Beisetzung im Jahre 1716 nicht geöffnet wurde“. Das Protokoll beschreibt, wie der Anatomieprofessor Wilhelm Krause die Gebeine noch in der Sakristei untersuchte. Erfreut stellte er an den Beinknochen Spuren von Arthritis fest, was gut zu Leibniz’ Altersleiden zu passen schien.

Der offenbar auch in Sachen Rassenkunde beschlagene Professor wunderte sich nur, dass der Schädel „klein im Verhältniß zur Körpergröße“ sei, mit „hervortretenden Backenknochen und Kinn; diese Charaktere entsprechen den gewöhnlichen Befunden bei Slaven, speciell Polen und Slovenen“. Leibniz soll zwar eher einen großen Kopf gehabt haben, doch sein Name zeuge ja von slawischen Wurzeln, befand der Professor – und attestierte, die Gebeine seien echt. Man nahm Gipsabdrücke, machte Fotos und bestattete den vermeintlichen Leibniz in einem kleinen Kupferkasten neu. Die Ruhe der wissenschaftlich geprüften Reliquien sollte noch mehrmals gestört werden: Beim Wiederaufbau nach dem Krieg wurden sie 1957 in eine Seitennische umgebettet. Bauarbeiter hinterließen im Grab damals eine Bierflasche, „Gilde hell“.

Die unorthodoxe Grabbeigabe teilte die Totenruhe des Verstorbenen 35 Jahre lang, bis das Grab 1992 bei Umbauten erneut geöffnet wurde: „In den Kupferkasten war Wasser eingedrungen“, erinnert sich der frühere Kirchenvorsteher August Kasten. „Wir haben die gut erhaltenen Gebeine getrocknet und zeitweise in der Leichenhalle des Laher Friedhofs unter Verschluss gehalten.“ Man wollte keine Begehrlichkeiten wecken, schließlich kursierten Gerüchte, reiche Amerikaner hätten viel Geld für die Gebeine geboten. Beigesetzt wurden sie dann zunächst im Turmbereich der Kirche.

Als Kritiker monierten, man habe Leibniz damit gewissermaßen des Gotteshauses verwiesen, zogen die Gebeine nach einigen Monaten noch einmal um. Heute liegen sie wieder im Kupferkasten, eingebettet in blauen Samt, eingelassen in einen kleinen Sandsteinsarkophag vor der aufgestellten Grabplatte. „Ob sie wirklich echt sind, ist gar nicht so wichtig“, sagt Leibniz-Kenner Eike Christian Hirsch: „Reliquien gewinnen ihren Wert nicht nur durch ihren Ursprung, sondern auch durch den Gebrauch.“ Wenn Menschen also heute vor den angeblichen Gelehrtengebeinen stehen und skeptisch die Stirn runzeln, wäre das vermutlich schon ganz im Sinne des Denkers Leibniz.

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