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Weit ist der Weg nach Afrika

Flüchtlinge und Bürokratie Weit ist der Weg nach Afrika

Riester-Rente, Einkommensteuer, Kurzarbeitergeld: Patrick W. (Name geändert) kam vor zwei Jahren nach Deutschland. Die Verwaltungsroutine erwischte ihn mit ganzer Wucht. Eine Geschichte darüber, was passieren kann, wenn routinierte Bürokratie auf einen Flüchtling trifft.

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Patrick W.* ließ sich von der HAZ nur von hinten fotografieren – er möchte seine Geschichte erzählen, aber nicht erkannt werden.

Quelle: Samantha Franson

Hannover. Der schlimmste Gedanke von Patrick W.* nach seinem Blick auf all diese Bögen war die Resignation. „Alles liegen lassen. Oder in den Mülleimer damit.“ Fragen, Paragrafen, Kästchen, Kleingedrucktes, Dokument in Kopie beizubringen. Irgendwas mit Riester-Rente. Der Flüchtling, Anfang 20, lebt seit zwei Jahren in Hannover, sein Deutsch ist nicht schlecht, aber was er im Wohnheim auf den Seiten las, er verstand es nicht.

Patrick W. erwischte die Verwaltungsroutine mit ganzer Wucht. Mit Glück und Fleiß hat er es zur Lehrstelle in einem Handwerksbetrieb gebracht, und vielleicht wird sie der Weg in ein selbstständiges Leben sein. Doch vorher füllte Patrick W. einen Antrag aus. Er bat um Beihilfe zur Berufsausbildung, Geld also. Dann hatte die Arbeitsagentur ein paar verrückte Fragen.

Patricks Eltern leben in einem Flüchtlingslager an der Grenze ihres Heimatlandes. Vermutlich wird niemals ein Postbote in dieses Lager kommen, um einen Umschlag mit Formularen der hannoverschen Arbeitsagentur abzugeben, aber genau das müsste passieren, wenn der Asylbewerber und Lehrling Ansprüchen der Behörde gerecht werden will. Sie fordert Informationen über die finanziellen Verhältnisse von Vater und Mutter. Routine eben. Für Deutsche. Über „geförderte Altersvorsorgebeiträge nach § 82 EStG (Beiträge zur Riester-Rente)“, erhaltenes Kurzarbeiter- und Krankengeld, beanspruchte vermögenswirksame Leistungen und Nachweise über Einkommenssteuern im Kalenderjahr. Patrick weiß nicht, was eine Riester-Rente ist. Er sagt, dass seine Eltern nicht lesen können, „und es gibt keine Adresse für das Camp“. Wohin soll er die Formulare schicken?

Patrick selbst muss angeben, wie weit entfernt er von der elterlichen Wohnung lebt. Auch das ist üblich, ehe die Agentur über finanzielle Zuwendungen entscheidet. Sybille Schaadt, seit ein paar Monaten die gute Seele an seiner Seite, sagt spöttisch: „5000 Kilometer werden das wohl sein.“ Mit einer Bahncard 25 also nicht zu erreichen, dieses Kästchen war schnell ausgefüllt. Vermutlich wird auch der Meister, der Patrick einstellte, keine Reisen ins Camp bezahlen.

Frau Schaadt verbrachte ein Berufsleben im öffentlichen Dienst und kümmert sich nun in ihrer Freizeit um die Flüchtlingsunterkunft in der Nachbarschaft. Kann ja keine große Sache sein, ein bisschen mit den Formularen zu helfen, dachte sie. „Dann hat es zwei Wochen gedauert, bis wir alles zusammen hatten, jede Behörde kennt nur ihr eigenes Gebiet, keiner guckt nach links oder rechts.“ In Sozialgesetzgebung las sie sich ein, ins Asylrecht und Förderrichtlinien der Berufsausbildungshilfe. Bei Fachleuten fragte sie nach, was zu beachten ist. Musste Patrick auf ein Amt, ging sie mit. Sie legt Wert darauf, dass sie keine Sachbearbeiter kritisieren will, „die machen nur ihren Job“, aber das System, die verstreuten Zuständigkeiten. Sie schüttelt den Kopf.

Eine Zuständigkeit kam zur nächsten. Der Flüchtling soll einen Mietvertrag vorlegen, Asylbewerber in Wohnheimen haben aber keinen. Zwar darf sich der junge Afrikaner wegen seiner Ausbildung eine eigene Wohnung suchen, um in Ruhe für Berufsschule und Lehre zu lernen – ob und wie viel Miete die Arbeitsagentur für eine Wohnung zahlt, erfährt Patrick aber nicht. Behördenlogik funktioniert anders als der Markt. Einen Bescheid über die Höhe seiner Unterstützung bekommt Patrick W. erst, wenn ein Vermieter ihm einen Vertragsabschluss bescheinigt. Frau Schaadt stellt eine sehr lebensnahe Frage: „Welcher Vermieter wartet wochenlang, bis eine Bescheinigung vorliegt?“ Patrick muss eine Wohnung suchen, ohne zu wissen, ob er sie bezahlen kann.

Eigentlich ging es zuletzt voran in seinem Leben. Ein Unternehmer aus der Nachbarschaftsinitiative beschäftigte Patrick in seinem Betrieb als Aushilfe. Weil er geschickt und fleißig war, bekam er schließlich einen Ausbildungsplatz in einem Job, der Deutsche kaum noch interessiert. Der Tag der Unterschrift war ein großes Glück für den Afrikaner. Seitdem geht er früh am Morgen zur Arbeit und an manchen Tagen zur Berufsschule.

Nach Abzug aller Schwierigkeiten mit amtlichen Formularen stieß der Flüchtling Patrick W. auf eine weitere Überraschung. Denn nach Abzug von Steuern und Sozialversicherungen hat er weniger Geld zur Verfügung als zuvor. Lebte er in den Tag, er stünde besser da. Von seinem Lohn bleiben Patrick nach Steuern und Sozialabgaben 370 Euro. In etwa so viel bekommen Asylbewerber, wenn sie 15 Monate in Deutschland leben, den Platz im Wohnheim zahlte das Sozialamt. Diese Unterstützung entfällt, wenn er eigenes Geld verdient, als Lehrling muss Patrick W. sein Zimmer selbst bezahlen: 186 Euro im Monat. Von seinem Nettolohn bleibt ihm also nur die Hälfte, deutlich weniger als zuvor mit fast 400 Euro. Seine Hoffnung ist, dass die Ausbildungsbeihilfe diese Lücke schließt.

Bei der Arbeitsagentur will man sich zum Einzelfall nicht äußern, wundert sich aber über die Kritik. Man habe „in vielen Arbeitsagenturen und Jobcentern Flüchtlingsteams eingerichtet, in denen auch Sprachen wie Arabisch gesprochen werden“, sagt Sonja Kazma, Sprecherin der Regionaldirektion. Formulare seien manchmal schwer verständlich und erfassten nicht jeden Fall: „Um alle Menschen gleich und gerecht zu behandeln, sind unsere Formulare präzise juristisch formuliert. Unsere Mitarbeiter helfen aber bei Bedarf, die einzelnen Punkte zu erklären.“

Patrick hat seinen Antrag ohne die Eltern-Formulare abgegeben. Stand im Juni ist: Ohne private Hilfe hätte er weder eine Lehrstelle noch all die Formulare ausfüllen können. Er hätte eine schlechtere Perspektive für sein Leben in Deutschland. Und er würde keine Sozialbeiträge bezahlen. Sybille Schaadt hat in den letzten Wochen in den Medien viel von Politikern gehört, die beschwören, wie wichtig es sei, Flüchtlinge zu integrieren. Wohl ebenso oft erlebte sie, dass der Alltag anders ist als das Reden. Das ist der Grund, warum sie Patrick W. hilft. „Ich möchte nicht, dass hier eine Parallelgesellschaft entsteht, weil Flüchtlinge an der Bürokratie scheitern.“     

*Name und Details sind geändert, Patrick W. möchte nicht erkannt werden.

Weil wünscht sich mehr Hilfe vom Bund

Niedersachsen fordert bei der Integration von Flüchtlingen ein stärkeres Engagement des Bundes. Noch immer gebe es zu viele bürokratische Hemnisse, sagte Ministerpräsident Stephan Weil am Montag bei der zweiten Integrationskonferenz des Aktionsbündnisses „Niedersachsen packt an!“ in Hannover. Besonders nachteilig sei das bei den Sprachkursen. Das zuständige Bundesamt helfe nur Flüchtlingen mit einer sogenannten sicheren Bleibeperspektive beim Deutschlernen – „für die anderen fühlt sich keiner zuständig.“ Es sei jedoch ein Irrglaube, dass diese Menschen alle in ihre Heimatländer zurückgehen.

Im vergangenen Jahr sind 102.000 Flüchtlinge nach Niedersachsen gekommen, knapp 20.000 folgten bis Ende April. Nach Angaben von Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Klajic wird das Land im laufenden Jahr 33.000 Menschen in Sprachkurse vermitteln, 25.000 Migranten lernen über die Bundesagentur für Arbeit Deutsch, in niedersächsische Schulen gehen 28.000 Flüchtlingskinder. „Der Spracherwerb ist das Schlüsselproblem“, sagte Weil. Über das Deutschniveau nach dem ersten Kursus dürfe man sich aber keine falschen Hoffnungen machen: „Das ist etwa so wie mein Englisch nach dem Besuch eines altsprachlichen Gymnasiums.“

jen     

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