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Wie Google aus dem Schnupfen einen Notfall macht

HAZ-Aktion Fit & Gesund Wie Google aus dem Schnupfen einen Notfall macht

Wenn sie Beschwerden haben, fragen immer mehr Patienten erst einmal das Internet. Das macht Ärzten große Probleme. Denn Dr. Google ersetzt zunehmend das eigene Körperbewusstsein. Und so wird aus einer harmlosen Erkältung schnell ein vermeintlicher Notfall.

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„Vielen ist die Geduld verloren gegangen“: Prof. Jochen Wedemeyer beobachtet, dass sich die Haltung der Patienten zur Krankheit verändert.

Quelle: Samantha Franson

Hannover. Es gibt da ein paar Geschichten, die Mediziner erzählen können, ohne ihre Schweigepflicht zu verletzen. Die Geschichte von dem Mann zum Beispiel, der Nasenschnodder als austretende Gehirnflüssigkeit missdeutete. Oder die von der Frau, die sich in Panik im Krankenhaus meldete, weil sie abgelaufenen Joghurt gegessen hatte und nicht genau wusste, ob ihr nun schlecht ist oder nicht. Es sind Geschichten, die etwas über unser Verhältnis zu Krankheiten aussagen, über unser Verhältnis zur Gesundheit und darüber, wie sich die Wahrnehmung des eigenen Körpers in Teilen der Gesellschaft wandelt.

Dass Patienten mit Insektenstichen in die Notaufnahme kommen, sei schon gang und gäbe, sagt Prof. Jochen Wedemeyer. „Ich rate dann, den Stich zu kühlen, wenn es keine allergischen Reaktionen gibt“, sagt er gelassen. Seit sechs Jahren ist der 47-Jährige Chefarzt am Klinikum Robert Koch in Gehrden. Eine Zeit, in der sich bei Patienten etwas verändert habe, wie er sagt.

„Vielen ist die Geduld verloren gegangen“, sagt Wedemeyer. Er wählt einen Vergleich: Früher sei ein Brief tagelang unterwegs gewesen. Heute seien Leute teils schon beleidigt, wenn ihre Mail nicht binnen einer Stunde beantwortet wird. Und so sei es auch im Gesundheitswesen: „Ein Schnupfen verschwindet nach ein paar Tagen meist wieder. Doch viele Patienten erwarten sofortige Behandlung und Linderung - zur Not auch um den Preis aufwendiger Diagnostik- und Behandlungsmethoden.“

Anspruchsdenken wächst

Experten konstatieren ein wachsendes Anspruchsdenken. „Wer ein gesundheitliches Problem hat, will oft, dass es sofort gelöst wird - nicht erst, wenn die Praxis seines Hausarztes wieder aufmacht“, sagt Steffen Ellerhoff, Pressesprecher des Klinikums Region Hannover - und beschreibt damit einen Trend, den Krankenhäuser in ganz Deutschland wahrnehmen. Dabei spiele auch eine Rolle, dass vielen Patienten das Gefühl dafür abhandengekommen sei, wie bedrohlich ihre Krankheit wirklich ist, sagt er.

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In der Folge sind Notaufnahmen häufig überfüllt. Die Zahl der Menschen, die dort Hilfe suchen, steigt dramatisch. Die AOK berichtet, dass Bagatellleiden wie Husten oder Schnupfen dort mittlerweile zum Problem würden: Solche Fälle blockierten vielerorts den hochleistungsfähigen medizinischen Apparat. Die Krankenkasse verweist auf Studien, nach denen etwa jeder dritte Patient in der Notaufnahme an der falschen Adresse sei.

Das deckt sich mit Wedemeyers Einschätzung. Ein Drittel dieser Patienten sei im Grunde zunächst ebenso gut beim Hausarzt aufgehoben. „Jeder hat mal ein unangenehmes Grummeln im Bauch“, sagt der Gehrdener Gastroenterologe. „Doch heute wollen viele sofort eine Erklärung - und sind teils geradezu enttäuscht, wenn sich keine gravierende Ursache findet.“

Ärzte können von Patienten berichten, die permanent angstvoll den eigenen Körper beobachten und schon kleine Symptome als Vorboten schwerster Krankheiten deuten. Sie horchen ständig in sich hinein, doch sie haben es nicht gelernt, wirklich auf den eigenen Körper zu hören - und kommen zu teils fatalen Fehlurteilen.

Die Verunsicherung ist groß

„Viele Menschen können Krankheiten nicht mehr richtig einschätzen“, sagt Björn-Oliver Bönsch vom Kinderkrankenhaus Auf der Bult. Früher fragten Eltern, wenn ihre Kinder krank wurden, erst einmal die erfahrene Großmutter um Rat. Heute googeln sie die Symptome - und finden so heraus, dass bestimmte Anzeichen neben einem Erkältungshusten auch eine lebensbedrohliche Lungenentzündung oder eine schwere Tuberkulose anzeigen können. „Das Internet ist nicht immer hilfreich“, sagt Bönsch, „zumal Eltern häufig ohnehin besorgter und verunsicherter sind als früher.“ Halbwissen ist dann oft verhängnisvoller als Unwissen.

Drei Tipps zur besseren Selbsteinschätzung

  1.  Auf Symptome achten: Natürlich kann es keine allgemein gültige Faustregel geben. Doch es gibt einige Alarmsymptome, bei denen Kranke besser schnell einen Arzt konsultieren sollten. Dazu gehören Gewichtsverlust, Blut in Stuhl oder Urin, Nachtschweiß, Luftnot und Fieber. Hingegen sind Husten, Schnupfen und Heiserkeit in den meisten Fällen binnen weniger Tage wieder vorüber – ob daheim oder im Krankenhaus.
  2.  Geduld bewahren: Das Auskurieren vom Krankheiten braucht Zeit. Das Wort Patient kommt vom lateinischen Wort für „duldend, leidend“. „Es ist also mit Geduld verwandt“, sagt der Gehrdener Mediziner Jochen Wedemeyer. Das Auskurieren mancher Krankheiten dauert eben eine Weile. Wenn man das weiß, verliert manche Krankheit viel von ihrer Bedrohlichkeit.
  3.  Soziale Kontakte: Oft kann der Austausch mit Freunden oder Nachbarn helfen, eine Krankheit besser einzuordnen oder mit dieser klarzukommen. Und fürsorgliche Betreuung im Familienkreis bewahrt manchen vor einer Nacht in der Notaufnahme.

Als Halbgötter in Weiß haben Ärzte ausgedient; jeder Kranke will ja heute ein mündiger Patient sein. Zur Schattenseite dieser Entwicklung gehört jedoch der Trend, dass Patienten sich gern selbst eine Diagnose stellen - die dann schon mal verheerend ausfallen kann: „Bei Kopfschmerzen denken viele als Erstes an einen Hirntumor - und nicht an die exzessive Feier vom Vorabend“, sagt Antje Bierschwale. Die internistische Hausärztin betreibt ihre Praxis in der City von Hannover. „Dr. Google sollte man nicht vertrauen - es ist im Zweifel immer besser, Krankheiten vom Arzt einschätzen zu lassen“, sagt die promovierte Medizinerin.

Einige Hausärzte nehmen parallel zur Diagnose bereits eine Art „Medienanamnese“ vor, um herauszufinden, in welchen Internetforen der Patient sich unbewusst welche Symptome angelesen haben könnte. Denn Google ersetzt zunehmend das eigene Körpergefühl. Bei der Internetsuche nach Erlösung bleibt dann oft die Zuversicht auf der Strecke, dass das Magengrummeln schon von selbst wieder verschwinden wird. Die Gelassenheit weicht einer alarmierten Selbstbeobachtung, es wächst die Bereitschaft zu „Doktor-Hopping“ und zu kostspieligen Untersuchungen mit spektakulären Apparaten.

Schnupfen in der Notaufnahme

Die Ursachen dafür sind teils höchst banal. Da sind die Arztserien im Fernsehen, in denen es aus dramaturgischen Gründen bei jeder Erkrankung gleich um Leben und Tod geht. Und weil immer mehr Menschen allein leben, ist auch die Versorgung im Krankheitsfall für immer mehr Menschen problematisch.

„Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass Familienangehörige da sind, die dem Kranken bei einer Erkältung eine Tasse Tee ans Bett bringen oder eine Hühnersuppe kochen“, sagt die Ärztin Antje Bierschwale. Vielleicht auch deshalb steigt bei vielen Patienten die Bereitschaft, ein ganz banales Unwohlsein zur dramatischen Krankheit zu erklären - und mit einer gewöhnlichen Erkältung schleunigst die Notaufnahme anzusteuern.

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