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Wie Hannoveraner ihr Hobby zum Beruf machen

Existenzgründer Wie Hannoveraner ihr Hobby zum Beruf machen

Drei hannoversche Existenzgründer haben ihr Hobby zum Beruf gemacht, ein Ökomodelabel, eine Kochschule und ein Familien-Café gegründet. Was treibt sie an? Wie fühlt es sich an, wenn man plötzlich nicht mehr angestellt ist?

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Die ganze Familie macht mit: Simon (10), Selma (2), Charlotte (36), Christoph (36) und Mika (7) (Bild oben, v. l.) gehören zu „Cmig“.

Quelle: Wallmüller

Hannover. Man merkt sofort, dass es hier nicht nur um einen Job, sondern um eine echte Leidenschaft geht. Denn die Skizzen der märchenhaften Tiere, die das schwedisch-deutsche Ökomodelabel „Cmig“ aus der Calenberger Neustadt auf T-Shirts oder Kapuzenpullis druckt, hängen überall im Wohnzimmer, das zugleich Werkstatt des Familienbetriebs ist.

Da kann man den ewig hungrigen Vegetarier „Duchs“ bewundern, ein aus Dachs und Fuchs gemixtes Fabelwesen. Oder den „Schnigel“, eine Schnecken-Igel-Mischung, die durch die Wälder des Nordens zieht. In den Köpfen ihrer Erfinder, Charlotte Sörmann und Christoph Wust, spukten die Tiergestalten lange herum, bevor sie ihren Weg aufs Papier und dann auch auf fantasievolle Kleidungsstücke für Kinder und Erwachsene fanden.

Vor drei Jahren gab Christoph Wust, 36, seine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei den Landschafts- und Freiraumplanern der Uni Hannover auf, um aus dem gemeinsamen Faible einen Beruf zu machen: „Wir wollten wissen, was passiert, wenn wir mehr Zeit in unsere Märchenwelt investieren“, sagt er. Und: „Ich hätte es mir nicht verziehen, wenn ich nicht ausprobiert hätte, ob wir davon leben können.“

Designermärkten rund um Malmö

Zu diesem Zeitpunkt hatte Charlotte Sörmann, 36, eine aus Schweden stammende Textildesignerin, schon Erfahrung damit, wie ihre im Siebdruck bearbeiteten Produkte bei Kunden wirkten. Die quirlige Frau mit den Rastalocken verkaufte sie seit 2005 auf Designermärkten rund um Malmö, wo sie zeitweilig mit dem aus Hannover stammenden Ehemann Christoph lebte. Sie merkte schnell, dass es einen Markt dafür gibt. Zurück in Hannover vertrieb sie „Schwedisches Design made in Germany“ über einen Blog und das Internetportal Dawanda.

Der erste „Cmig“-Onlineshop entstand, das Interesse wuchs stetig. Als klar war, dass beide sich gemeinsam selbstständig machen, ließen sie sich beraten, gewannen den hannoverschen Kreativwettbewerb „drei/v“. „Wir können mittlerweile gut davon leben“, sagt Sörmann über den Familienbetrieb, bei dem selbst die drei Kinder als Website-Models (www.cmig.se) mitmachen.

Der Kundenstamm habe sich genauso wie die Produktpalette erweitert. Mittlerweile gibt es auch bequeme Haushosen aus Nickistoff. Eine Kooperation mit einem österreichischen Stoffladen, der Stoffe mit „Cmigs“-Motiven herstellen will, ist zudem in Sicht. Das Muster: schwedische Blaubeeren.

"Man geht glücklich zur Arbeit"

Das „Café Rockzipfel“ ist ihr Baby. Eigene Kinder hat Sabine Stockmann, Betreiberin des gleichnamigen Eltern-Kind-Cafés am Lister Körtingplatz, noch nicht. Aber mit ihrem „Lebenstraum“ ist die 31-Jährige bislang auch so vollauf beschäftigt. Sie kocht (vom Milchreis bis zu Dinkelpenne mit Pesto) und backt: Selbstgemachtes, frische Zutaten aus der Region gehören zum Konzept. Sogar Babybreie stellt sie selbst her, bedient, kümmert sich um sieben Angestellte, alles studentische Aushilfen.

Stockmann ist gelernte Bürokauffrau und lange in vielen verschiedenen Jobs unterwegs. Sie arbeitet im Büro, kellnert nebenbei, betreut ein beeinträchtigtes Mädchen. Zum „Café Rockzipfel“ kommt sie ganz plötzlich. Auf einer Party lernt sie die Vorbesitzerin kennen, die schwanger ist und aufhören möchte. Ein eigenes Café ist Stockmanns Lebenstraum. Drei Monate arbeitet sie mit, bevor sie den Laden im September 2012 übernimmt.

Und wie fühlt es sich an, wenn man plötzlich nicht mehr angestellt ist? Stockmann merkt schnell, dass es nur ein Aspekt ist, dass man auf einmal „morgens immer glücklich zur Arbeit geht“. Sie versucht lange, sogar an Tagen, in denen sie nicht im Café ist, die Kontrolle über alles zu behalten. Erst jetzt kann sie loslassen, wenn sie frei hat. „Wenn man sein eigener Chef ist, lastet auch ein großer Druck auf einem“, sagt sie. Die ersten beiden Jahre seien hart gewesen. Missen möchte sie das „Rockzipfel“ dennoch keinesfalls: „Es ist auch toll. Man macht eben sein eigenes Ding.“

„Es fühlte sich von Anfang an richtig an“

Kann man als Autodidaktin eine Kochschule eröffnen? Oder muss man dazu ausgebildete Köchin sein? Die Tunesierin Saoussen Ben Ameur Villain hat etwas gewagt, wovor Experten Existenzgründer oft warnen. Die 33-Jährige hat ein reines Hobby zum Beruf gemacht. Biotechnologie hatte sie studiert und danach im französischen Montpellier einen Doktortitel in Verfahrenstechnik erworben. Als die Liebe sie nach Hannover verschlägt, lernt sie zunächst Deutsch. Dann gibt sie Kochkurse. Mit so großem Erfolg, dass sie irgendwann überlegt, sich damit selbständig zu machen. Et voilà: Bislang läuft es gut.

„Es war ein Sprung ins kalte Wasser, aber gleichzeitig fühlte es sich von Anfang an richtig an“, sagt sie. „Ma petite Cuisine“ heißt die Kochschule, die sie vor rund einem Jahr im Gründerzentrum in der Davenstedter Straße eröffnet hat. Arabisch, Französisch oder Italienisch kochen kann man dort unter ihrer Anleitung. Sie bietet die Abende als Firmenfeiern, Geburtstage, Junggesellinnenabschiede an.

Ihr Erfolgsrezept ist vermutlich, dass das Kochen bei ihr nie nur Lernen, sondern immer auch ein geselliges Ereignis ist. Zu Hause bei ihrer Mutter hat sie zudem viele Familienrezepte gelernt, „die man nicht im Internet findet und vermutlich auch nicht in einer normalen Ausbildung lernt“. Die Idee, leidenschaftliche Laien aus fremden Ländern mit anderen kochen zu lassen, will sie künftig sogar ausbauen. „Wenn Leute, die zu Hause kochen gelernt haben, über das Essen und ihr Land reden, hat das einen eigenen Charme.“

Was der Experte rät

Beruf, Berufung? „Was bedeutet es für einen selbst, wenn aus einer Leidenschaft eine Pflicht wird?“ Und: „Kann man mit dem, was man macht, nicht nur den Bekanntenkreis, sondern auch Wildfremde überzeugen?“ Diese beiden Fragen stellt Christof Starke, Bereichsleiter von Hannoverimpuls, als Erstes, wenn potenzielle Existenzgründer von ihrem Hobby leben wollen. Denn diese Aspekte unterschätzen dem Wirtschaftsförderer zufolge zukünftige Selbstständige vor allem, wenn sie nicht mit einer kühl kalkulierten Geschäftsidee, sondern mit einer Herzensangelegenheit Geld verdienen wollen.
Oft schätzten solche Existenzgründer zum Beispiel nicht richtig ein, was es heiße, ein in der Freizeit ohne Zeitstress liebevoll kreiertes Produkt unter Auftragsdruck herzustellen. Häufig planten sie zudem nicht ein, dass der erhoffte Verdienst nicht nur Material-, sondern auch Werbekosten decken müsse. 10 000 Euro müsse man als Startkapital dafür rechnen, sagt Starke. Zudem hätten sich die Werbewege stark verändert. Neben Flyern oder Zeitungsanzeigen spiele die auch auf Tablets oder dem Smartphone abbildbare Website, die zudem bei Google mit wenigen Suchbegriffen gefunden werde, eine immer größere Rolle. Starke empfiehlt, gerade wenn man „für ein Thema brennt“, wenn möglich erst einmal eine nebenberufliche Gründung. Etwa 1200 potenzielle Gründer nähmen die Angebote von Hannoverimpuls im Schnitt jährlich in Anspruch. Im Schnitt 450 von ihnen machten sich dann tatsächlich selbstständig.

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