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Wie Hannovers Schüler mit der Terrorangst umgehen

Aufsätze in Klasse 9 Wie Hannovers Schüler mit der Terrorangst umgehen

Wie groß ist die Terrorangst? Sollte man Großveranstaltungen meiden? Hannoversche Neuntklässler geben Antworten – in ihren Deutschklausuren. Wir haben einige einsehen können.

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Zeichen der Angst: Die Fußball-Arena nach der Länderspielabsage.

Quelle: Julian Stratenschulte

Hannover. Soll man nach den Terroranschlägen von Paris und dem abgesagten Fußballländerspiel in Hannover überhaupt noch auf Großveranstaltungen gehen? Oder setzt man sich damit einem unverantwortlichen Risiko aus? Die Schüler der Klasse 9b des Kaiser-Wilhelm- und Ratsgymnasiums (KWR) haben sich in ihrer jüngsten Deutscharbeit mit dieser Frage auseinandergesetzt. Die Aufsätze sind in Form einer Erörterung abgefasst, das heißt, sie reihen eine Kette von Pro- und Kontraargumenten auf. Am Ende steht dann die zusammenfassende Entscheidung für eine Meinung.

Deutsch- und Klassenlehrer Christian Scharf erläutert, warum er die etwaige Angst vor Terror zum Erörterungsthema gemacht hat: „Schulaufsätze bleiben bisweilen im abstrakten Raum“, sagt er. Die Aufsatzform der freien dialektischen Erörterung, die für das weitere Leben sicher eine wichtige Schreibform sei, verharre dann bei Themen, die alle betreffen können, aber banal seien: Schulkleidung ja oder nein? „Nachdem ich eine Woche vor dem Aufsatz die Geschehnisse von Paris mit der Klasse aufgearbeitet hatte und mir sicher sein konnte, dass alle sich mit dem Thema unter meiner Aufsicht auseinandergesetzt hatten, schien mir das Thema sehr treffend“, sagt Scharf. „Ich war nach der Klassenlehrerstunde sicher, dass kein Schüler emotional überfordert sein würde.“

Die Mehrheit der 14- bis 15-Jährigen bezieht in ihren Texten klar dagegen Stellung, sich von Großveranstaltungen wie Konzerten, Fußballspielen oder Weihnachtsmärkten fernzuhalten. Damit spiele man den Terroristen nur in die Hände, die wollten, dass sich die westliche Welt in ihrer Freiheit einschränkt, schreiben sie. Ohnehin könne kein Land und keine Stadt dauerhaft im Ausnahmezustand leben, und richtig sicher vor Anschlägen sei man nie. Dadurch, dass man Massenansammlungen meide, könne einem zwar die Angst vor Terroranschlägen genommen werden. Dies stünde aber in keinem Verhältnis zu dem Machtgefühl, das man dem „Islamischen Staat“ (IS) damit einräume.

Es gibt aber auch Schüler, die meinen, dass man vorsichtig sein und nicht sein Leben aufs Spiel setzen sollte. Zudem sollte auch die Sicherheit bei Großereignissen erhöht werden. Es bleibe jedem einzelnen überlassen, die Frage für sich selbst abzuwägen, heißt es in einem Aufsatz. Andere Schüler betonen, dass auch der gemeinsame Besuch solcher Großveranstaltungen ein Zeichen der Solidarität sein könne.

Neun Aufsätze in Auszügen

Auch bekommt der IS durch die viel dokumentierten Anschläge Aufmerksamkeit und wird ein allgegenwärtiges Thema. Und genau darum geht es ihm, um die Aufmerksamkeit. Wenn wir nun beginnen würden, unsere Lebensweise, die auf Recht und Freiheit basiert, zu ändern, dann würde der IS näher an sein Ziel kommen. Er will, dass wir Angst haben und unsere Freiheit aufgeben. Wenn wir öffentliche Plätze meiden würden, würden wir das tun, was der IS will. Was wir tun sollten, ist, unser Leben weiterzuleben, uns nicht einschüchtern zu lassen und öffentlich gegen den IS zu kämpfen, indem wir weitermachen wie zuvor. 
Laurenz

Das stärkste Kontraargument ist jedoch, dass der IS unseren Respekt bemerken würde, falls wir Großveranstaltungen vollkommen außer Acht ließen. In der Folge würde sich dieser dadurch gestärkt fühlen und ganz Europa mit weiteren Anschlägen in Angst und Schrecken versetzen. Aus diesem Grund empfinde ich es als bedauerlich, dass das Länderspiel „Deutschland gegen Niederlande“ (...) abgesagt werden musste. Es wäre ein Zeichen der Solidarität im Kampf gegen den IS gesetzt worden. Auch ich selbst hätte das Spiel hautnah im Stadion miterlebt. Wir Europäer [sollten] unseren ursprünglichen Lebensalltag genauso wie früher weiterhin fortsetzen.
Christopher

Es würde nicht lange brauchen, bis niemand mehr seinem Alltag nachgehen könnte, somit wäre der Gang zum Supermarkt ein Kampf gegen die Angst, und dies wäre genau das Ziel der Terroristen, sie wollen, dass die westliche Bevölkerung ihr Leben nicht normal weiterführen kann und alle ihre Freiheit verlieren, für die Menschen Jahrhunderte lang gekämpft haben. Zusammenfassend sage ich, dass es nicht richtig wäre, Orte zu vermeiden wegen der geringen Möglichkeit eines Anschlags, und dass es die falsche Nachricht übermitteln würde, sein Leben wegen Angst zu ändern. Es würde den Terroristen zeigen, dass sie machen können, was sie wollen (...).
Luise

Beispielsweise wäre an einen entspannten Nachmittag auf dem Weihnachtsmarkt mit Freunden nicht mehr zu denken, da sich entweder gar nicht erst hingetraut wird oder man durchgehend angespannt und ängstlich wäre. So würde es keinen Spaß mehr machen. Anstatt sich zu verstecken ist es möglich, anderen ein gutes Beispiel zu sein, indem man Mut beweist und weiterhin in die Öffentlichkeit geht. (...) Insgesamt würde ich sagen, dass es keine gute Lösung ist, große, öffentliche Veranstaltungen zu meiden, da sowohl der Alltag als auch das soziale Leben zu sehr eingeschränkt werden würden. Wir haben ein Recht darauf und sollten uns nicht einfach vertreiben lassen.
Naja

Andererseits haben Menschen, wenn sie zu Hause bleiben, nicht mehr so viel Spaß und langweilen sich. Sie haben nicht mehr die Chance, sich mit Freunden über ihre Meinungen zu unterhalten, aber sehr viel Zeit, um allein über dieses Thema nachzudenken und (...) Angst zu entwickeln. (...) Das wichtigste Argument ist aber, dass die Menschen, die dem „Islamischen Staat“ angehören, genau dieses Ziel haben. Sie wollen unter den Menschen Angst verbreiten (...), um später die Weltherrschaft zu erlangen. (...) deshalb müssen wir einen Punkt setzen und dürfen nicht das tun, was der IS erreichen möchte.
Friederike

Außerdem sollten keine Menschen dafür sterben, dass ein Zeichen gegen den Terror gesetzt wird, denn das hilft den Terroristen, das wollen sie. Es ist zwar nicht möglich, sich so vor Terroristen zu verstecken, dass hundertprozentige Sicherheit gewährleistet ist, es ist aber möglich, seine Überlebenswahrscheinlichkeit deutlich zu erhöhen, indem Großveranstaltungen gemieden werden. Letztendlich sollte Sicherheit vorgehen, da es sich nicht lohnt, ein Zeichen gegen den Terror zu setzen und deshalb zu sterben oder wegen einer Veranstaltung den Rest seines Lebens zu verpassen.
Vincent

Die Terroristen wollen erreichen, dass wir Angst haben und dass wir uns aus Misstrauen von unseren Freunden trennen. Deshalb positioniere ich mich gegen das Meiden von Großveranstaltungen, weil die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) genau dies erreichen will. Denn wir sind ein freies Volk und lassen uns nicht von Terroristen unterdrücken. Das Prinzip „Sicherheit geht vor“ mag für manche Menschen gelten, aber mein Grundsatz lautet „Lebe dein Leben“, und die Anschläge in Paris haben mich in meinem Vorhaben nur noch bekräftigt: Die Angst vor Terror soll nicht mein Leben diktieren oder beeinflussen.
Luc

(Durch das Meiden von Großveranstaltungen) demonstrieren wir ihnen ihre Macht, die sie jetzt schon über uns haben, obwohl hier noch nichts Schlimmes passiert ist. Dies ist genau das, was sie wollen. Warum ihnen geben, was sie wollen, ohne es, jedenfalls noch nicht, zu müssen? Man muss zusammenhaöten, seine Stärke demonstireren (...) Diese Macht über uns, die wir ihnen selbst in die Hand geben würden, ist das, was der IS will. Man sollte sie ihm nicht geben. Alles in allem entscheide ich mich gegen die Meidung von Großveranstaltungen, da ich finde, dass man dem IS die Stirn bieten sollte, allerdings wären bestimmte Vorsichtsmaßnahmen bei derartigen Ereignissen sinnvoll.“ 
Konstanze

Allerdings würde auch unsere Gesellschaft unter ständigen Absagen von Großveranstaltungen leiden (...) Auch neue Konflikte könnten entstehen. Beispielsweise könnten Fans gegen den Staat rebellieren, schließlich würde ihnen etwas Wichtiges genommen werden. Zudem würden sich große Menschenmassen gar nicht vermeiden lassen. Was ist mit den Bahnhöfen oder auch mit den Schulen? Man kann doch nicht einfach den kompletten Bahnverkehr lahmlegen. (...) Und indem wir Großveranstaltungen meiden, geben wir ihnen das, was sie wollen, die Macht, über unsere Freiheit zu entscheiden. 
Sara

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