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Wie Lotsen dementen Patienten helfen

Friederikenstift Wie Lotsen dementen Patienten helfen

In Krankenhäusern steigt die Zahl demenzkranker Patienten. Im Friederikenstift helfen sogenannte Demenzlotsen, diese zu betreuen. Denn den Pflegekräften bleibt im Berufsalltag immer weniger Zeit, um zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen, die für Demente besonders wichtig sind.

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Die Demenzlotsinnen Angelika von Werder (68) und Annegret Buhrmeister (70) im Gespräch mit einer Patientin.

Quelle: Samantha Franson

Hannover. Die alte Dame sprach nicht mehr. Sie trank kaum noch selbstständig und registrierte nur noch wenig. Eine schwer demenzkranke Patientin. Geduldig blätterte Angelika von Werder im Krankenhaus mit der alten Frau in einem Fotoband.„Und als sie das Bild mit den Sonnenblumen sah, ging plötzlich ein Lächeln über ihre Lippen“, sagt die 68-Jährige. Sie erzählt davon wie von einem Sieg: „Für eine Sekunde hatte ich die Frau erreicht.“ Für eine Sekunde hatte sie ein Loch in die Nebelwand gerissen, die sich schon vor langer Zeit zwischen die kranke Frau und ihre Umgebung gesenkt hatte: „An dem Tag bin ich ganz enthusiastisch nach Hause gegangen.“

Demenzlotsen helfen, wenn demente Patienten ins Krankenhaus kommen.

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Die pensionierte Lehrerin ist ehrenamtliche Demenzlotsin. Seit fast drei Jahren kommt sie einmal in der Woche ins Friederikenstift und kümmert sich um demenzkranke Patienten. „Ich komme vom Haus, und ich habe Zeit mitgebracht“: Das ist ihre Begrüßungsformel. „Danach kommt man dann ins Gespräch - oder eben nicht“, sagt sie. „Manchmal muss man es auch aushalten, dass niemand etwas sagt.“

Lotse werden

Im Friederikenstift beginnt im März eine neue Schulung zum Demenzlotsen. In zehn Unterrichtsmodulen erlernen Teilnehmer den Umgang mit Erkrankten, erfahren etwas über die Krankheit und die Abläufe in der Klinik. Die Schulung, organisiert von Diakovere und der Alzheimer-Gesellschaft, ist kostenlos. Einen Informationsnachmittag gibt es am 13. Februar, 14.30 Uhr, im Friederikenstift, Humboldtstraße 5. Weitere Informationen: (0511) 1292670.

Deutschland altert, und die Krankenhäuser bekommen dies schon jetzt zu spüren: Die Patienten sind heute älter als früher, damit steigt das Demenzrisiko. Nach Schätzungen von Experten sind bereits 15 Prozent aller Krankenhauspatienten an Demenz erkrankt, fast auf jeder Station liegen ständig mehrere Betroffene - Menschen wohlgemerkt, die nicht wegen ihrer Demenz hier sind, sondern ihre Demenz mitbringen, wenn sie mit Oberschenkelhalsbruch oder Hüftfraktur im Krankenhaus landen.

Fremdheit macht Angst

Zugleich sinkt die Zahl der Pflegekräfte. „Wir sind weniger, als wir uns wünschen würden“, sagt Krankenpfleger Florian Tölle, der auf Demenzpatienten spezialisiert ist: „Oft fehlt uns schlicht die Zeit, um jene zwischenmenschlichen Beziehungen aufzubauen, die Demenzkranke dringend brauchen.“ In allen Krankenhäusern können Ärzte und Schwestern Geschichten von Patienten erzählen, die immer aufstehen wollen, trotz ihres Beinbruchs. Die immer wieder laut rufen, weil sie vergessen, wo sie sind. Die verwirrt umherirren, weil sie nach Hause wollen. Oder die hilflos um sich schlagen, weil die Fremdheit ihnen Angst macht.

„Unsere Aufgabe ist es dann, sie zu beruhigen“, sagt Angelika von Werder. „Der Patient will mir ja etwas mitteilen, und ich muss herausfinden, was das ist“, sagt die Demenzlotsin. „Ich muss mich in ihn einfühlen, um ihn zu verstehen - nicht er sich in mich“, fügt sie an. Sie hilft schon mal, eine Tasche zu suchen, die der Patient quälend vermisst, obwohl sie genau weiß, dass es diese Tasche gar nicht gibt.

„Unsere Gesellschaft dämonisiert die Demenz"

Um Zugang zu den Kranken zu finden, zeigt sie ihnen Bilder von Schaukelpferden oder alten Schreibmaschinen: „Jedes Bild kann der Schlüssel zu einer Erinnerung sein - und der Einstieg in ein Gespräch“, sagt sie. Zu ihrer Ausstattung gehören Puzzles mit besonders großen Teilen, damit die Kranken Erfolgserlebnisse haben. Zur Kontaktaufnahme gibt es auch eine Lotion für Handmassage. „Unsere Gesellschaft dämonisiert die Demenz - dabei kann man auch mit der Krankheit noch viel Freude im Leben haben, wenn man lernt, mit ihr umzugehen“, sagt sie.

Allmählich stellen sich Krankenhäuser auf Demenzpatienten ein. Im Friederikenstift gibt es demnächst wieder einen Kurs für angehende Demenzlotsen. Angehörige von Betroffenen können dort in Biografiebögen vermerken, was ihre kranken Verwandten gerne trinken oder ob diese ihre Socken beim Schlafen lieber anbehalten. Und Patienten, die zwanghaft etwas in den Händen haben müssen, bekommen auf einigen Stationen Kuschelteddys zum Greifen.

Singen ist immer gut

Insgesamt zehn Demenzlotsen engagieren sich derzeit im Friederikenstift. Pflegerische Aufgaben übernehmen sie nicht - und doch leisten sie oft harte Arbeit: „Manchmal ist es anstrengend, besonders im Anfangsstadium der Krankheit, wenn die Patienten selbst merken, dass sie abbauen“, sagt Annegret Buhrmester, die seit zwei Jahren Demenzlotsin ist. „Aber über Bilder und Gefühle kann man sie oft erreichen - und Singen ist immer gut.“

Annegret Buhrmester sitzt in der „Guten Stube“ des Friederikenstifts, wo sie mit Demenzpatienten manchmal Mensch-ärgere-dich-nicht spielt. Die Möbel hier könnten aus Kulissen der „Familie Hesselbach“ stammen; vom Röhrenradio bis zum Wählscheibentelefon sind die meisten Einrichtungsgegenstände aus den Fünfzigerjahren. In einer Vitrine liegt ein „Mecki“-Bilderbuch. Ein optimaler Raum für Demenzpatienten. „Das Langzeitgedächtnis ist oft lange intakt“, sagt Krankenhausseelsorgerin Monika Diercks, „da bauen all diese Gegenstände Brücken in die vertraute Welt der Erinnerung.“

Drei Tipps zum Umgang mit Dementen

„Widersprechen bringt nichts“ , sagt Demenzlotsin Angelika von Werder. Zu Kranken lasse sich oft leichter ein emotionaler als ein rationaler Zugang finden. „Man muss auf sie eingehen, auch wenn es irrational erscheint.“ Sie sucht für die Kranken schon einmal einen Teller oder einen Schlüssel, obwohl sie genau weiß, dass diese die Dinge gar nicht brauchen.

„Positive Gefühle wecken“ , sagt Krankenhausseelsorgerin Monika Diercks. Es sei wichtig, Blickkontakt zu Demenzpatienten zu suchen, diese behutsam zu berühren, um Kontakt aufzubauen. Um Vertrauen zu gewinnen, braucht es Zeit und Geduld.

„Eigene Gefühle nicht verstecken“ , sagt Krankenpfleger Florian Tölle. „Demenzkranke spüren intuitiv oft stärker als gesunde Menschen, ob jemand sich verstellt.“ Wenn ein Pfleger oder Betreuer also traurig ist oder sich unwohl fühlt, dann sollte er dies dem Kranken ruhig auch mit einfachen Worten erklären.

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