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Aus der Stadt Wie Vertriebene sich ein Leben erarbeiteten
Hannover Aus der Stadt Wie Vertriebene sich ein Leben erarbeiteten
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00:18 03.09.2017
Einsatz in der Landwirtschaft: Auch hochqualifizierte Vertriebene verdingten sich auf dem Feld – hier ein Foto von Jungen beim Kartoffelroden am Messegelände 1951. Quelle: Foto: HMH Hauschild
Hannover

Andere mögen Abscheu empfinden. Oder Angst. Ihm jedoch machen Blutegel nichts aus. „Sie sehen doch aus wie harmlose Nacktschnecken“, sagt Franz Scholz. Als Junge, er war gerade acht Jahre alt und ein Flüchtlingskind aus Schlesien, verdiente er Geld mit Blutegeln. „Ich stieg barfuß in bestimmte Tümpel, und sofort setzten sie sich an den Füßen fest“, sagt der Wunstorfer, der nach dem Krieg zunächst im Emsland gelandet war. „Man musste sie nur schnell genug abnehmen und in einer Dose verstauen.“

Anfangs sei das noch seltsam gewesen, doch er habe sich schnell daran gewöhnt. „Ich konnte sie am Ende sogar mit der Hand fangen“, sagt er. Ärzte und Apotheken zahlten damals ein paar Pfennige für jedes Exemplar. „Die einheimischen Kinder hatten es natürlich nicht nötig, Egel zu fangen.“

Die Geschichte vom Flüchtlingskind, das seinen eigenen Körper zum Köder für blutsaugende Tiere macht, wirft ein Schlaglicht auf den unbedingten Willen vieler Vertriebener, zu etwas zu kommen. Geld zu verdienen, auf eigenen Füßen zu stehen, die Deklassierung zu überwinden. Sozialwissenschaftler bezeichnen das Phänomen als „Migrationssyndrom“. Je größer die Widerstände sind, auf die Neuankömmlinge stoßen, desto stärker wird deren Drang, sich durch Fleiß und Erfolg Anerkennung zu verschaffen.

Vertriebene waren äußerst flexibel

Ihr eiserner Wille zum sozialen Aufstieg machte die Geschichte der Vertriebenen zu einer Erfolgsgeschichte. Vielleicht zur größten in der Geschichte der Bundesrepublik. Dabei war die Arbeitslosigkeit unter Flüchtlingen in den ersten Nachkriegsjahren deutlich höher als bei den Alteingesessenen. Doch ihre Wurzeln waren gekappt, die Flüchtlinge konnten nur nach vorne sehen – und zeigten eine deutlich größere Flexibilität bei der Wahl von Wohnort und Beruf als die Einheimischen, die oft an ihrer Scholle hingen.

Als Arbeitskräfte in der Landwirtschaft rar waren, übernahmen Vertriebene – selbst solche, die aus der Stadt stammten und hochqualifiziert waren – bereitwillig einfache Arbeiten auf dem Feld, auch zu geringem Lohn. Im Gebiet der heutigen Region Hannover waren 1948 fast 30 Prozent der Vertriebenen „berufsfremd“ tätig.

Insbesondere junge, ungebundene Männer zogen auf eigene Faust dorthin, wo sie berufliche Perspektiven sahen. Obwohl für die zerstörten Städte offiziell Zuzugssperren galten, heuerten Unternehmen dort unter der Hand die oft gut ausgebildeten Vertriebenen als Arbeitskräfte an. So wurden Niedersachsens Städte auch von Flüchtlingen wieder aufgebaut.

Hannovers verlorene Orte: Viele Bauwerke in Hannover haben die Zeit nicht überdauert. Einige wurden während des Krieges zerstört, andere existieren aus anderen Gründen nicht mehr – und sind für immer verloren.

Deren Mobilität erwies sich für die Wirtschaft als Segen: Flüchtlinge zogen auch in bislang kaum entwickelte Landstriche; bei der Industrialisierung von Orten wie Wolfsburg spielten sie eine Schlüsselrolle. Und weil sie all ihr Hab und Gut verloren hatten, wurden die Vertriebenen auch als Konsumenten von Kleidung und Hausrat zum Motor des Wirtschaftswunders.

„Von meinen ersten Ersparnissen kaufte ich mir 1951 eigene Möbel“, sagt Ruth Wolpers, die als 22-Jährige in einem Flüchtlingszug aus Schlesien in den Westen gekommen war. Der Zug hielt damals in Wunstorf. Die junge Stenotypistin sollte eigentlich noch weiter fahren, raus aufs Land. „Da wollte ich aber auf keinen Fall hin, denn ich sah keine Chance, dort Arbeit zu finden“, sagt sie. Ihre Vertreibung war noch nicht abgeschlossen, da plante sie bereits für den Neuanfang: „Ich blieb in Wunstorf auf dem Bahnsteig sitzen und weigerte mich, in den Zug einzusteigen, der mich immer weiter von Hannover wegbringen würde.“  

Schließlich quartierte man sie in Luthe ein, bei einer Bauersfrau. Und tatsächlich fand sie in Hannover eine Stelle als Sekretärin im Wirtschaftsministerium. „Der Personalchef fürchtete beim Vorstellungsgespräch, dass ich wegen der weiten Anfahrt wohl oft zu spät kommen würde, doch ich versprach, dass das nicht passieren würde“, sagt Ruth Wolpers. „Die Züge, die morgens um 6.08 Uhr nach Hannover fuhren, waren proppenvoll, oft fiel ich nach zehn Minuten in Ohnmacht – doch zu spät gekommen bin ich nie.“

Integration am Arbeitsplatz: Telefonistinnen 1950 im Fernsprechamt Kleefeld.

Solche Selbstdisziplin ist symptomatisch für die Aufsteigerbiografien zahlreicher Vertriebener. Viele von ihnen gründeten in Eigeninitiative ihr eigenes Kleinunternehmen: Die „Norddeutsche Zeitung“ berichtete am 7. Februar 1949, dass von den 34 000 seit Kriegsende in Niedersachsen gegründeten Handwerksbetrieben mehr als 9000 von Flüchtlingen geführt wurden – gut 27 Prozent.

Und doch wäre die Integration nicht gelungen, hätte es nicht auch staatliche Hilfen gegeben. Gemäß Flüchtlingsbetreuungsgesetz gab es seit 1948 Kredite zur Betriebsgründung für Vertriebene. Der Bedarf war groß: Allein im Kreis Springe wurden im Jahr 1950 Existenzgründungsdarlehen in Höhe von mehr als 515 000 Mark beantragt – nur 30 000 Mark standen anfangs zur Verfügung.

Große Umsiedlungsprogramme boten Vertriebenen 1949 zudem die Möglichkeit, aus Niedersachsen beispielsweise in die französische Zone zu kommen, in der es bis dahin kaum Vertriebene gab. So sollte die Flüchtlingsarbeitslosigkeit gesenkt werden. Und der seit 1952 gezahlte Lastenausgleich bot den Vertriebenen zwar keine angemessene Entschädigung für ihre Verluste, doch die Solidarleistung erwies sich oft als Hilfe beim Aufbau einer neuen Existenz. Bis heute wurden rund 75 Milliarden Euro Lastenausgleich gezahlt.

Staatliche Hilfe für Existenzgründer

Vor allem aber führten nach der Währungsreform groß angelegte Bauprogramme, teils von den Alliierten finanziert, zu einer Entspannung am Wohnungsmarkt – und zu einem Boom im Baugewerbe. Um 1949 gründeten sich verschiedene Siedlungsbaugesellschaften im Raum Hannover. Etwa 30 Prozent aller Siedler waren Flüchtlinge. So profitierten Vertriebene von dem Wirtschaftswunder, das sie zugleich befeuerten.

Auf in eine neue Runde: Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.

In den elf Ortschaften der heutigen Stadt Seelze beispielsweise hatte sich die Zahl der Einwohner von 13 000 im Jahr 1939 auf fast 22 000 im Jahr 1950 fast verdoppelt. Dort entstanden ganze Straßenzüge neu, deren Namen von „Masurenweg“ bis „Breslauer Straße“ noch heute an die Heimat der Vertriebenen erinnern. Hier fanden vor allem Neubürger mit Flüchtlingsausweis ein Domizil. „Meine Familie bekam eine Wohnung mit zwei Räumen, Küche und eigenem Bad – das war Luxus pur“, erinnerte sich später eine Vertriebene, die zuvor im Lager Velber gelebt hatte. Reihenhäuser statt Nissenhütten: Oft packten die Flüchtlinge selbst mit an, um sich als Bauherren im Wortsinne eine neue Heimat aufzubauen – und um durch harte Arbeit die Erfahrung des Verlustes zu bewältigen – oder zu verdrängen.

Ende der Fünfziger war der Anteil der Vertriebenen an den Arbeitslosen nicht mehr höher als bei den Einheimischen. Zu Beginn des Jahrzehnts war er noch doppelt so hoch gewesen. Die wirtschaftliche Integration war gelungen. Auch wenn sich das neue Heim oft noch nicht wie eine neue Heimat anfühlte.  

Alle Artikel zum Thema

1. Wie Vertriebene sich ein Leben erarbeiteten
2. Wie ein ganzes Unternehmen nach Laatzen kam
3. Interview: Was macht die Flucht mit den Menschen?
4. Zeitzeugen erinnern sich an die Flucht

Von Simon Benne

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