Volltextsuche über das Angebot:

24 ° / 11 ° wolkig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Wie bekommt Hannover die Schadstoffe in den Griff?

Feinstaub Wie bekommt Hannover die Schadstoffe in den Griff?

Hannovers Luft ist schlechter, als die EU erlaubt. Wenn das so bleibt, drohen Strafzahlungen von 10.000 Euro pro Tag – von Gesundheitsrisiken ganz zu schweigen. Demnächst will die Verwaltung ihren Luftreinhalteplan vorlegen, mit dem die Stickoxid-Grenzwerte einzuhalten sind. Mediziner halten den Feinstaub für viel gefährlicher.

Voriger Artikel
Was Hannovers neuer Kämmerer alles können muss
Nächster Artikel
Diesen Audi dürfte es eigentlich nicht mehr geben

Mobilität ohne Grenzen? Wenn Hannover die Schadstoffgrenzwerte weiter verfehlt, könnte der Verkehr – wie hier am Aegi – ausgebremst werden.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover. Die Luft in Hannover ist schmutzig - zumindest in diesem einen Punkt herrscht Einigkeit unter Politikern, Gesundheitsexperten und Verwaltungsvertretern. Aber welche Verunreinigungen nun wirklich gesundheitsschädlich sind, schon darüber gehen die Meinungen auseinander. Stadtverwaltung und Ratspolitik halten sich strikt an die gesetzlichen Bestimmungen, und die sagen: Feinstaub ist in Hannover kein Problem mehr, denn der von der EU vorgegebene Grenzwert wird seit Jahren eingehalten. Anders dagegen beim Stickstoffdioxid. Hannovers Messstellen zeigen seit Jahren konstant zu hohe Werte bei dem schädlichen Gas. Für Mediziner liegt in der Feinstaubkonzentration aber das wahre Gesundheitsproblem und weniger beim Stickstoffdioxid.

Im Fokus der politischen Debatten steht klar das Stickstoffdioxid. Gelingt es den Behörden nicht, die Konzentration des Gases zu reduzieren, droht die EU mit horrenden Strafzahlungen von bis zu 10 000 Euro pro Tag. Das Umweltamt arbeitet derzeit an einem sogenannten Luftreinhalteplan. Alle Maßnahmen werde man prüfen, die geeignet seien, den Stickstoffdioxidgehalt der Luft zu reduzieren, heißt es aus dem Amt. Im Frühjahr wird das neue Reglement vorgelegt. In der Ratspolitik wird das Werk mit Spannung und Besorgnis erwartet, denn es könnte tiefe Eingriffe in den Verkehr bereithalten - und die Mobilität vor allem der Autofahrer empfindlich beschränken. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Thema:

Wer sagt eigentlich, dass die Schadstoffe zu hoch seien?

Das Gewerbeaufsichtsamt Hildesheim, eine Landesbehörde, ist für die Luftmessungen im Stadtgebiet Hannovers zuständig. An insgesamt sechs Orten hat das Amt Messanlagen montiert. Die bekannteste Messstation steht in der viel befahrenen Göttinger Straße. Dort wird die Feinstaubkonzentration nachgewiesen, der Stickstoffdioxidgehalt aufgezeichnet sowie diverse andere Gase. Auch auf dem Lindener Berg steht ein solches Gerät. Es soll die Hintergrundbelastung aufzeichnen, also all das, was nicht vom Stadtverkehr verursacht wird. In vier weiteren Straßen hat das Amt „Passivsammler“ postiert, das sind Geräte, die nur den Stickstoffdioxidgehalt messen. Sie befinden sich in der Marienstraße, der Friedrich-Ebert-Straße, der Bornumer Straße und in der Vahrenwalder Straße. Diese Straßen gelten als besonders belastet.

War die Luftverschmutzung früher nicht viel schlimmer?

Das ist tatsächlich so. Seit 1984 zeichnet die Messstation auf dem Lindener Berg die Stickstoffdioxidkonzentration auf, und die Werte sind seitdem deutlich zurückgegangen. Die Messstation Göttinger Straße registriert Stickstoffdioxidwerte seit 1990. Damals lag die Konzentration im Jahresmittel bei 77 Mikrogramm (= Tausendstelgramm) pro Kubikmeter Luft, im vergangenen Jahr bei 48 (vorläufiger Wert). Beim Feinstaub ist der Unterschied noch deutlicher. Im Jahr 2001, dem ersten Jahr der Feinstaub-Aufzeichnung, lag die Konzentration noch bei 43 Mikrogramm, im vergangenen Jahr hat sich der Wert fast halbiert. Der Grund: bessere Filter in Industrieschloten, schadstoffärmere Autos, weniger Kohlekraftwerke.

Ist also alles halb so wild?

Der von der EU vorgegebene Grenzwert für Feinstaub liegt im Jahresmittel bei 40 Mikrogramm, Hannover bewegt sich seit Jahren weit unterhalb dieser Linie. Hier sieht die Stadt folglich keinen Handlungsbedarf. Anders beim Stickstoffdioxid. Auch hier gibt die EU 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft vor. Im vergangenen Jahr registrierten alle Messstationen einen deutlich höheren Wert (ausgenommen die Hintergrund-Station auf dem Lindener Berg). Besonders stark belastet ist die Friedrich-Ebert-Straße (55 Mikrogramm im Mittel), dicht gefolgt von der Marienstraße.

Wer verursacht die Luftverschmutzung?

Auch in diesem Fall muss zwischen Feinstaub und Stickstoffdioxid unterschieden werden. Nach Angaben des Gewerbeaufsichtsamts Hildesheim wird Stickstoffdioxid zu 60 bis 70 Prozent vom lokalen Verkehr verursacht. Vor allem Dieselfahrzeuge blasen das Gas in die Luft. Einen geringeren Anteil haben Industrieabgase und der nicht lokale Verkehr auf Autobahnen. Beim Feinstaub verhält es sich umgekehrt. Nur etwa 30 Prozent des Feinstaubs in der Stadtluft werden vom Stadtverkehr verursacht, größeren Anteil haben Industriequalm und Autobahnabgase.

Haben eigentlich auch Wind und Wetter einen Einfluss auf die Schadstoffbelastung?

Ja, einen sehr großen sogar. Bei sogenannten Inversionswetterlagen ist die Luftverschmutzung deutlich höher. Das bedeutet, dass die höheren Luftschichten wärmer sind als die tieferen. Das wirkt wie ein Deckel, sodass Schadstoffe nicht abziehen können. Bei Wind und Regen hingegen verteilen sich die Partikel besser. Kaltes, klares Winterwetter mit einem Hochdruckgebiet über Osteuropa kann aber auch von Nachteil sein. Die Luftströmung bringe Industrieabgase aus osteuropäischen Ländern mit sich, sagt das Gewerbeaufsichtsamt.

Hat die Umweltzone nichts gebracht?

Da scheiden sich die Geister. Stadtverwaltung, SPD und Grüne meinen, die Plakettenregelung habe dazu geführt, dass die Feinstaubwerte sanken und auch das Stickstoffdioxid nicht über alle Maßen angestiegen sei. Schließlich habe man seit 2008 nur Fahrzeuge mit schadstoffarmen Motoren in die City gelassen. Kritiker meinen, dass die Werte auch ohne Umweltzone zurückgegangen wären - aufgrund des technischen Wandels hin zu Motoren mit weniger Schadstoffausstoß.

Was kann man nun tun gegen die Luftverschmutzung?

Beim Feinstaub sieht sich die Stadtverwaltung nicht in der Pflicht, schließlich werden die Grenzwerte eingehalten. Anders beim Stickstoffdioxid. Da der lokale Verkehr und insbesondere Dieselmotoren Hauptverursacher sind, wird Hannover kaum um Einschnitte herumkommen. Im Gespräch ist etwa, besonders belastete Straßen wie die Marienstraße zeitweise zu sperren.

Und was ist mit der blauen Plakette?

Die blaue Plakette wäre eine einschneidende Maßnahme für alle Dieselfahrzeughalter. Sie bewirkt, dass nur Dieselmotoren der Euro-6-Klasse in die City gelassen werden. Nach Angaben des Verbands der Automobilindustrie blieben drei von vier Dieselautos ausgeschlossen. Den rechtlichen Rahmen für die Plakettenregelung muss ein Bundesgesetz setzen, die Initiative dafür liegt derzeit auf Eis.

Gibt es denn viele Dieselautos in der Stadt?

Insgesamt steigt nach Auskunft der Stadt die Zahl der Fahrzeuge in Hannover stetig an, von knapp 238 000 im Jahr 2014 auf gut 245 000 im Jahr 2016. Auch die Zahl der Dieselfahrzeuge ist in den vergangenen drei Jahren gestiegen. Die Erstzulassungen beim Diesel sind jedoch von 2015 auf 2016 leicht gesunken, vermutlich weil der Ruf des Dieselmotors gelitten hat. Ernüchternd sind die Zahlen bei den Elektroautos. Nur knapp 400 E-Mobile kurven durch Hannovers Straßen, Tendenz sinkend. 2016 wurden gerade mal 59 E-Autos neu zugelassen, 2015 waren es noch 102.

Das müssen Sie zum Thema wissen

Was ist Feinstaub?

Feinstaub bezeichnet Partikel in der Größe von rund einem hundertstel bis etwa einem zehntausendstel Millimeter Durchmesser. Zum Vergleich: Ein menschliches Haar hat als groben Richtwert den Durchmesser von einem zwanzigstel Millimeter.

Feinstaub wird vor allem durch menschliches Handeln erzeugt: durch Emissionen von Autos, Kraft- und Fernheizwerken, Öfen und Heizungen in Wohnhäusern, bei der Metall- und Stahlerzeugung. In Ballungsgebieten ist der Straßenverkehr die dominierende Staubquelle. Dabei gelangt Feinstaub nicht nur aus Motoren – vorrangig aus Dieselmotoren – in die Luft, sondern auch durch Bremsen- und Reifenabrieb.

Beim Gesundheitsrisiko durch Feinstaub entscheidet nicht allein die Menge, sondern auch die Größe. Die kleinsten Feinstaubteilchen geraten nicht nur beim Atmen durch die Bronchien in die Lunge, sondern dort sogar durch Gewebemembranen in den Blutkreislauf und so schließlich in weitere Organe, wo sie Krebs auslösen können.

Was sind Stickoxide?

Stickstoffoxid ist eine Sammelbezeichnung für verschiedene gasförmige Verbindungen, die aus den Atomen Stickstoff (N) und Sauerstoff (O) aufgebaut sind. Vereinfacht werden nur die beiden wichtigsten Verbindungen Stickstoffmonoxid (NO) und Stickstoffdioxid (NO2) dazugezählt.

Stickstoffoxide entstehen bei Verbrennungsprozessen. Die Hauptquellen von Stickstoffoxiden sind Verbrennungsmotoren und Feuerungsanlagen für Kohle, Öl, Gas, Holz und Abfälle. In Ballungsgebieten ist der Straßenverkehr die bedeutendste NOx-Quelle.

In der Umwelt vorkommende Stickstoffdioxidkonzentrationen sind vor allem für Asthmatiker ein Problem, da sich eine Bronchialkonstriktion (Bronchienverengung) einstellen kann, die zum Beispiel durch die Wirkungen von Allergenen verstärkt werden kann.

Was ist die 
blaue Plakette?

Die blaue Plakette ist eine Verschärfung der bestehenden Umweltzonen-Regelung. Sie soll die Zufahrt für Dieselfahrzeuge in deutsche Innenstädte stärker beschränken. Nur Autos mit Euro-6-Motoren bekommen den blauen Aufkleber und dürfen in die City-Zonen fahren. Doch das Bundesumweltministerium hat die Planungen für die neue Plakette gestoppt. Zu viel Gegenwind gab es im Herbst vergangenen Jahres aus der Autoindustrie, aber auch aus den Bundesländern. Umweltverbände warfen Ministerin Barbara Hendricks (SPD) vor, dem Konflikt aus dem Weg zu gehen – auf Kosten der Gesundheit der Bürger in den Großstädten. Neuen Schwung bekommt die Debatte jetzt dadurch, dass die Landesregierung in Baden-Württemberg vorgeprescht ist und in Stuttgart ein Fahrverbot für Dieselautos verhängt. Ab dem kommenden Jahr dürfen Diesel unterhalb der Euro-6-Norm nicht mehr in den Stuttgarter Talkessel fahren, wo die Feinstaubbelastung besonders hoch ist. Damit wird in Stuttgart faktisch die blaue Plakette eingeführt, ohne das Kind beim Namen zu nennen. In Niedersachsen zeigte man Verständnis für die Stuttgarter Entscheidung.

wie/asl

Euro-6-Umrüstung schwierig

In Stuttgart sollen viele Dieselautos 2018 zeitweise draußen bleiben, damit die Luft besser wird. Das haben die Behörden kürzlich beschlossen. Also schnell sein Auto in die Werkstatt bringen und die vermeintliche Dreckschleuder sauber bekommen? Die Autobranche hält eine Umrüstung von Dieselautos wegen absehbarer Fahrverbote für kaum möglich. Solche temporären Verbote plant Stuttgart ab 2018 – dann sollen Dieselautos ohne die strengste Abgasnorm Euro 6 an bestimmten Tagen aus Teilen der Stadt verbannt werden. „Eine komplette Nachrüstung von Euro 5 auf Euro 6 wäre sehr komplex und würde umfangreiche und tiefe Eingriffe in die Motorsteuerung und Abgasanlage erfordern“, teilt der Verband der Automobilindustrie (VDA) auf Anfrage mit. Eine solche Nachrüstung von Gebrauchtwagen wäre „technisch sehr aufwendig und mit hohen Kosten verbunden“.

Im Gegensatz zum VDA hält die Deutsche Umwelthilfe (DUH) die Nachrüstung für praktikabel. DUH-Chef Jürgen Resch sieht die Skepsis der Autohersteller als Beleg, dass die Firmen kein Interesse an der Nachrüstung hätten. Der Tenor der Autobauer hingegen ist klar. Eine Umrüstung sei „in technischer und wirtschaftlicher Hinsicht nicht sinnvoll“, teilte Daimler mit. Solch ein Eingriff würde eine Neuzertifizierung der Fahrzeuge bei den Behörden voraussetzen. „Aus unserer Sicht ist dies für den Kunden keine praktikable Lösung und somit nicht zu empfehlen.“ Nach Schätzung des VDA dürften Anfang 2018 drei von vier Dieselautos (71,8 Prozent) keine Euro-6-Norm haben – und müssten bei einem Fahverbot stehen bleiben.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Aus der Stadt
Es war einmal in Hannover. Aber wo?

Auf in eine neue Runde: Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.

Am 8. und 9. Juli wird Ernst August Erbprinz von Hannover Ekaterina Malysheva heiraten. Nicht auf der Marienburg in Pattensen, wo sein Vater 1981 geheiratet hat, sondern in der Marktkirche. Kenner gehen davon aus, dass sie voll sein wird mit Ehrengästen. Etliche gekrönte Häupter aus Europas Hochadel werden erwartet. Auf unserer Themenseite halten wir Sie stets auf dem Laufenden.

Lina Larissa Strahl im Capitol

Bibi-Darstellerin Lina Larissa Strahl singt im Capitol.