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Aus der Stadt „Dunkle Geheimnisse des Hauses Hannover“
Hannover Aus der Stadt „Dunkle Geheimnisse des Hauses Hannover“
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07:14 19.08.2014
Von Simon Benne
Herzog Ernst August (Zweiter von rechts) im großen Garten Herrenhausen 1938 – den Arm zum Hitlergruß erhoben. Quelle: Historisches Museum
Hannover

Hitler empfing das Herzogspaar in der Reichskanzlei. Die Kaisertochter Viktoria Luise brachte ihm bei der Visite 1933, so heißt es, einen selbst gepflückten Alpenstrauß mit, und Hitler soll ihr formvollendet die Hand geküsst haben. Viktoria Luises Mann, der Welfenherzog Ernst August von Hannover, hatte schon bei der Machtübernahme der Nazis an die Welfentreuen appelliert, „dem Führer zu folgen“. Dass das Welfenhaus kein Hort des Widerstands war, ist seit Langem bekannt. Dennoch ist um die Rolle des Adelshauses in der NS-Zeit jetzt Streit zwischen der Welfen-Familie und dem NDR entbrannt. In dem Zwist geht es um einen abgründigen Politkrimi – und um ein deutsches Drama.

Wie braun waren die Welfen? Um die Frage gibt es Streit zwischen dem Adelshaus und dem NDR.

Anlass des Zwists ist die Dokumentation „Adel ohne Skrupel“, die schwere Anschuldigungen gegen das Welfenhaus erhebt. Der Film von Michael Wech und Thomas Schuhbauer, zu sehen ab 23 Uhr in der ARD, deckt laut Ankündigung „die dunklen Geschäfte der Welfen“ auf. Drei Jahre lang haben die Filmemacher recherchiert – und dabei, wie sie schreiben, „brisante Unterlagen“ und „dunkle Geheimnisse des Hauses Hannover“ ans Licht gebracht. So seien sie einer Rüstungsfirma der Welfen auf die Spur gekommen, die „an der Produktion von Hitlers fliegenden ,Wunderwaffen’“ beteiligt war und Zwangsarbeiter in unterirdischen Stollen schuften ließ. Erstmals veröffentlichte Akten zeigten, wie die Welfen die Zwangslage jüdischer Unternehmer ausnutzten: So habe Ernst August 1939 die österreichische Talkumfirma des jüdischen Unternehmers Lothar Elbogen billig erstanden – der Ex-Besitzer wurde von den Nazis ermordet.

Heinrich Prinz von Hannover, Enkel des damaligen Welfenchefs, protestiert in einem Schreiben an NDR-Intendant Lutz Marmor gegen die Filmemacher: Nach dem Krieg hätten Elbogens Erben einen Vergleich mit seinem Großvater geschlossen und diesen gebeten, wegen des „hohen Ansehens der Familie“ Teilhaber der Firma zu bleiben: „Der Herzog hat nach 1945 alle Fakten auf den Tisch gelegt“, versichert Heinrich Prinz von Hannover. Alle Beteiligungen der Welfen an jüdischen Firmen könnten im Landesarchiv Hannover eingesehen werden.

Außerdem beschwert sich Heinrich Prinz von Hannover über das Vorgehen der Filmemacher: Diese hätten telefonisch um ein Interview zum 300. Jubiläum der Personalunion gebeten. In seinem Büro hätten sie ihn dann aber mit Fragen zur NS-Zeit konfrontiert. Der zuständige NDR-Redakteur Kuno Haberbusch zeigt sich angesichts dieser Vorwürfe „verblüfft“: Er versichert, die Filmemacher hätten im Vorfeld sehr wohl deutlich gemacht, dass es in dem Gespräch um die Welfen im 20. Jahrhundert gehen sollte. Der Beitrag sei gründlich recherchiert worden, die Filmemacher hätten „erstaunliche Unterlagen“ entdeckt.

Der Streit rührt an ein bislang wenig  erforschtes Kapitel der Geschichte von Europas ältestem Adelshaus: „Für die Geschichtswissenschaft sind die Welfen in der NS-Zeit bislang kaum ein Thema gewesen“, sagt Christine van den Heuvel, Leiterin des Landesarchivs Hannover. Gleichwohl sind bereits 1999 Vorwürfe laut geworden, die Welfen hätten sich bei Arisierungen bereichert. Der Fall des ermordeten Unternehmers Elbogen kam damals ebenso ans Licht wie der Einstieg von Ernst August bei einem österreichischen Baukonzern, der Porr AG, im Jahr 1942: Damals warfen ihm NS-Behörden vor, einen überhöhten „Entjudungsgewinn“ gemacht zu haben, der durch das Reich eingezogen werden müsse. Dazu kam es jedoch nie. Die Welfen gaben einen Teil der Aktien in den fünfziger Jahren an die Vorbesitzer zurück, einen anderen Teil behielt die Familie bis in die neunziger Jahre.

Im Jahr 1999 forderte Welfenchef Ernst August, der nach einer Regenschirmattacke auf einen Reporter damals ohnehin mit der Presse im Clinch lag, Zeitungen zum Dementi auf, die über NS-Verstrickungen seines Großvaters berichtet hatten. Dieser sei als „Anti-Nazi“ bekannt gewesen, und sein Sohn sei 1944 aus der Wehrmacht ausgeschlossen worden – wie alle Angehörigen ehemals regierender Fürstenhäuser, deren „internationale Bindungen“ Hitler suspekt waren. Andererseits gibt es eine Fülle von Fotos, die den Großvater mit NS-Größen oder erhobenem rechten Arm zeigen.

Vor 15 Jahren versprach Ernst August, die NS-Vorwürfe gegen seine Familie durch Historiker prüfen zu lassen, um sie zu entkräften. Inzwischen führt sein Sohn, der 31-jährige Erbprinz Ernst August, die Geschäfte der Familie – doch zur versprochenen Aufarbeitung ist es bislang nicht gekommen: Diese „konnte krankheitsbedingt nicht mehr durch den Vater umgesetzt werden“, heißt es in einer Erklärung, die das Welfenhaus jetzt gegenüber der HAZ abgab: „Der Erbprinz wird sich nun selbst dieses Themas annehmen.“

Er sei angesichts der Vorwürfe betroffen und empfinde die historische Belastung und Verantwortung. „Derzeit besteht aber erhebliche Unwissenheit über die Zusammenhänge zur Familie der Welfen in dieser Epoche“, heißt es in der Erklärung: „Die gewissenhafte Aufarbeitung wird sich nicht kurzfristig erledigen lassen.“ Man rechne mit einem Zeitraum „eventuell bis zu einem Jahr“.

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