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Wie der Strom vor 125 Jahren nach Hannover kam

Elektrizität in der Stadt Wie der Strom vor 125 Jahren nach Hannover kam

Ab 1891 ließ die „electrische Lichtanstalt“ 8000 Laternen in der City leuchten. Einige Geschäfte, Kneipen und Banken waren die ersten privaten Kunden, die von dort ihre elektrische Energie bezogen. Das Großkraftwerk in Herrenhausen wird dieser Tage nach 114 Jahren endgültig abgeschaltet.

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Früher und heute: Die Geschichte von den ersten Kraftwerken bis zum Betrieb der "Warmen Brüder" in Linden.

Quelle: Archiv/Montage/R.

Hannover. Hier eine amtliche Mitteilung: „Wie aus einer Bekanntmachung des Elektrizitätswerkes ersichtlich ist, sind die Arbeiten nunmehr so weit beendet, dass am Mittwoch mit der öffentlichen Stromabgabe begonnen werden konnte. Die Stromlieferung wird für den ganzen Monat März unentgeltlich erfolgen.“ Das klingt für den heutigen Sprachgebrauch nicht nur nach vorvorgestern, es ist auch so. Die Mitteilung erschien vor 125 Jahren und markiert den Beginn der öffentlichen Stromversorgung in Hannover. Am 1. April 1891 ging die „electrische Lichtanstalt“ - so lautete der genaue Name - an der Osterstraße offiziell und feierlich in Betrieb. Auf einen Schlag erleuchteten 8000 Straßenlaternen in der Innenstadt. Diejenige mit der weitesten Entfernung vom Werk lag gut 800 Meter weit weg, für mehr reichte das Netz nicht.

Foto: 1891: Die ersten Generatoren standen in einem Haus an der Osterstraße.

Foto: 1891: Die ersten Generatoren standen in einem Haus an der Osterstraße.

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In Hannover waren schon Jahrzehnte vorher nicht mehr nachts alle Katzen grau gewesen. Zum einen ging bereits 1822 Deutschlands erste öffentliche Gasbeleuchtung ans Netz - „Jubel und Freudenrufe begrüßten das schöne, reine Licht“, wie das „Hannoversche Magazin“ notierte. Zum anderen hatten fortschrittlich denkende Unternehmer wie der Maschinenhändler M.H. Thofehrn schon einige Jahre vorher auf privater Basis Dynamomaschinen, sogenannte Blockanlagen, aufgestellt, um damit per Strom Straßenzüge zu erleuchten. Die von Thofehrn befand sich in der Ständehausstraße, andere an der Grupen-, Karmarsch- und Bahnhofstraße. Auch später hatte das öffentliche Elektrizitätswerk an der Osterstraße kein Monopol. Zu den Konkurrenten gehörte zeitweilig die Üstra, die mit der Elektrifizierung ihres Straßenbahnnetzes Stromleitungen in die Vororte legte und dort auch Privatkunden belieferte.

Hannovers „electrische Lichtanstalt“ bestand aus je drei Kesseln, Dampf- und Dynamomaschinen, alles untergebracht auf 870 Quadratmetern Grundfläche an der Osterstraße. Damals konnte noch niemand ahnen, welche Bedeutung Strom einmal für die Industrie und die Privatkunden erlangen sollte. Bis zum 31. März 1891 waren ganze 279 Hausanschlüsse eingerichtet. Der Grund dafür: Für einen normalen Arbeiterhaushalt waren die 40 Pfennig, die für die Kilowattstunde verlangt wurden, schlicht nicht erschwinglich.

Foto: 1902: Das erste Kaftwerk entstand in Herrenhausen.

1902: Das erste Kaftwerk entstand in Herrenhausen.

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Warum sich der städtische Magistrat trotzdem zum Bau des Werkes für knapp 1,9 Millionen Mark entschieden hatte, steht in einer Untersuchung über die Anfänge der kommunalen Stromversorgung: „Reiz der Neuheit und Repräsentationsbedürfnisse, neue Form der wirtschaftlichen Werbung, Verbesserung der Luftverhältnisse gegenüber Gas- und Petroleumlicht, Reduzierung von Brandgefahr bei der Beleuchtung, Erzielung künstlerischer Effekte.“ Man könnte sagen, dass der Magistrat hellsichtig war. Werbung und Repräsentation mit Licht sowie künstlerische Effekte spielen noch heute eine wichtige Rolle, wenn es um Innenstadtbeleuchtung geht. Hannover hat ein eigenes Konzept dafür.

Acht Jahre nach Inbetriebnahme waren immer noch nur 310 Wohnungen am Netz, aber schon mehr als 400 Geschäfte, 60 Gaststätten, 116 Banken, dazu Theater, Kirchen, Schulen, Museen und 24 Fabriken sowie eine spezielle Heilanstalt. Die befand sich an der Langen Laube und warb mit „Doppel-Lichtbädern, Bodenlichtbestrahlung und anderen Wohltaten“ um Patienten.

Kurz vor der Jahrhundertwende zeichnete sich ab, dass das Werk an der Osterstraße an seine Leistungsgrenze stieß. Weil unter anderem die beengten Raumverhältnisse eine Erweiterung nicht zuließen, beschäftigte sich der Magistrat mit einem Neubau. Die Entscheidung fiel schnell und wurde auch umgehend umgesetzt. 1902 nahm das erste Großkraftwerk der Stadt in Herrenhausen seinen Betrieb auf. Auch Ökostrom hat in Hannover eine lange Geschichte, denn seit 1921 produziert das Wasserkraftwerk am Schnellen Graben.

Foto: Strom für Hannovers Haushalte: In den Fünfzigerjahren werden Hunderte Kilometer Kabel unterm Pflaster verlegt.

1950: Strom für Hannovers Haushalte: In den Fünfzigerjahren werden Hunderte Kilometer Kabel unterm Pflaster verlegt.

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Die Dinge änderten sich rasant mit dem Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg. Erstens verlangte die Industrie nach Strom, zweitens rüsteten die privaten Haushalte auf. Kühlschränke, Waschmaschinen, Staubsauger, Bügeleisen, Föhne, Toaster sowie Fernsehgeräte wurden angeschafft und wollten betrieben werden. 1959 bauten die mittlerweile gegründeten Stadtwerke das Heizkraftwerk Linden, in den Sechzigerjahren das Kraftwerk in Mehrum (Landkreis Peine). 1989 schließlich nahm das Gemeinschaftskraftwerk am Kanal in Stöcken seinen Betrieb auf.

Zwischendurch schmolz im russischen Atomkraftwerk Tschernobyl in der heutigen Ukraine am 26. April 1986 der Kern; eine radioaktive Wolke breitete sich Richtung Norden bis nach Skandinavien aus. Umgehend beschloss Hannovers Rat, dass die Stadt sich vom Atomstrombezug zu verabschieden habe. Zwei Jahre später nahmen die Stadtwerke mit dem Strategiepapier „K2000: ökologisch orientiert - ökonomisch erfolgreich“ den Umwelt- und Ressourcenschutz erstmals als Unternehmensziel auf. Sichtbares Zeichen war das Windrad auf dem Kronsberg, das die Stadtwerke als eines der ersten seiner Art im Binnenland errichteten.

Foto: 2016: Lindener Lichterspiel: Die „drei warmen Brüder“ am Ihme-Ufer.

2016: Lindener Lichterspiel: Die „drei warmen Brüder“ am Ihme-Ufer.

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Man kann den Rotor als Vorboten einer neuen Zeit betrachten. Zum einen wurden die Energiemärkte liberalisiert, die Stadtwerke in Deutschland verloren ihre einstigen Monopolstellungen. Zum anderen rückte der Klimaschutz in den Fokus, verbunden mit dem Wunsch, immer mehr und irgendwann sämtlichen Strom aus Quellen wie Sonne, Wind und Wasser zu gewinnen. „Der Energiemarkt im Jahr 2025 wird erneuerbar, dezentral, dienstleistungsorientiert und wettbewerbsintensiv sein“, heißt es im aktuellen Strategiepapier der Stadtwerke. Schon jetzt tun sie sich schwer, ihre konventionellen Anlagen kostendeckend zu betreiben. Das Kraftwerk in Herrenhausen wird dieser Tage nach 114 Jahren endgültig abgeschaltet. An der Osterstraße, wo alles angefangen hatte, war schon 1909 wieder Schluss.
 

„Wir erleben eine Richtungsumkehr des Stromflusses“

Nachgefragt bei Harald Noske, Technik­vorstand der Stadtwerke.

Herr Noske, sind Sie neidisch auf die Bedingungen, unter denen die Gründerväter der hannoverschen Stromversorgung arbeiten konnten?
Nein, eigentlich nicht, denn jede Generation hatte ihre speziellen Herausforderungen. Die Kollegen damals mussten Pionierarbeit beim Aufbau der Stromversorgung leisten, wir hingegen bei dem durch die Energiewende bedingten Umbau.

Was ändert sich?
Strom wurde über Jahrzehnte zentral in Kraftwerken produziert und auf die Kunden verteilt. In Zukunft werden buchstäblich Millionen Betreiber kleiner und großer Solaranlagen oder Windparks ihren Eigenbedarf erzeugen und den Rest in die Netze einspeisen. Wir erleben eine Richtungsumkehr des Stromflusses.

Das klingt fundamental und nach einer technischen Herausforderung...
...Die aber in einer Stadt wie Hannover gar nicht so groß ist. Das engmaschige Netz kann Strom in beide Richtungen transportieren; wir brauchen lediglich einige zusätzliche Kabel, ein neues Umspannwerk und ein wenig Messtechnik. In ländlichen Gebieten sieht das anders aus.

Wird es künftig überhaupt noch konventionelle Kraftwerke geben?
Als zentrale Versorgungeinheiten sind sie weitgehend unverzichtbar, solange keine neuen Speichersysteme existieren. Wind weht eben nicht stetig und die Sonne scheint nicht immer. Sie werden aber anders aussehen.

Wie denn?
Ich glaube, dass die Zeit der Kohlekraftwerke in den nächsten Jahrzehnten abläuft. Deren Aufgabe wird von den großen Windkraftanlagen auf hoher See, von gasbetriebenen Turbinen und von Motorenkraftwerken übernommen, die man sich im Prinzip wie große Schiffsmotoren vorstellen muss.

Werden Stadtwerke vor diesem Hintergrund mit der Stromerzeugung noch Geld verdienen?
Wir werden deutlich weniger Kilowattstunden zentral erzeugen und verteilen – im Jahr 2050 wahrscheinlich höchstens noch halb so viel wie heute. Geld verdienen können wir, indem wir selbst in den Ausbau der Windenergie investieren. Damit haben wir längst begonnen.

Interview: Bernd Haase

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