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Aus der Stadt Wie die Bürgerstiftung Hannover Menschen hilft
Hannover Aus der Stadt Wie die Bürgerstiftung Hannover Menschen hilft
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17:41 23.10.2017
Von Susanna Bauch
Das Projekt Domiziel hilft Jungen. Quelle: Bürgerstiftung Hannover
Hannover

Angefangen hat alles vor 20 Jahren mit einer Art Nachbarschaftskreis. Der Kriminologe Christian Pfeiffer, stets zu Vorträgen vor allem in den USA unterwegs, brachte die Idee einer Bürgerstiftung zu seinen Freunden nach Hannover mit. „Der Ruf nach dem Staat bei sämtlichen Problemen erschien uns einfach überholt“, erzählt Dorothea Jäger, Vorstandsvorsitzende der Bürgerstiftung Hannover und seit Anbeginn dabei. Pfeiffer war überzeugt, dass eine Stiftung nach amerikanischem Vorbild, in der sich Bürger um viele wichtige Belange selbst kümmern, in Deutschland dringend gebraucht wurde.

Start mit 105.000 Mark

In Deutschland gab es zunächst die Bertelsmann-Stiftung, und dann gingen 1997 31 hannoversche Gründungsstifter mit einem Kapital von 105 000 Mark an den Start, um sich zunächst die Förderung der Bereiche Jugend, Kultur und Soziales auf die Fahnen zu schreiben. „Uns war es wichtig, die Bürger in die Pflicht zu nehmen“, sagt Jäger, und der Kreis der Gleichgesinnten sei schnell und bis heute stetig gewachsen. Die Initiative hat zudem Wert darauf gelegt, dass viele Bürger sich finanziell einbringen konnten - mit 3000 Mark als Minimum.

Erfolg stiftet an

Städte und Gemeinden können nicht immer alle Probleme vor Ort lösen. Eigeninitiative ist der Schlüssel zu einem lebenswerteren Miteinander – so lautet das Motto der Bürgerstiftung Hannover, getragen von Bürgern aus Stadt und Region. Seit ihrer Gründung 1997 als eine der ersten Bürgerstiftungen in Deutschland ist die Bürgerstiftung Hannover kontinuierlich gewachsen. Rund 900 Projekte wurden seitdem mit insgesamt 4 Millionen Euro gefördert. 3,2 Millionen Euro wurden gespendet, zudem gibt es unter dem Dach der Bürgerstiftung 29 weitere Stiftungen sowie 14 verwaltete Fonds. Das Gesamtvermögen beträgt aktuell 17 Millionen Euro. Erfolg, der anstiftet: Rund 400 Bürgerstiftungen sind bis heute bundesweit nach diesem Vorbild entstanden.

Zunächst hat die Bürgerstiftung selbst Projekte initiiert, „vor allem Präventionsangebote für Jugendliche auf einem schweren Weg“, berichtet Jäger. Später sei man dazu übergegangen, Projekte in Partnerschaften zu fördern. „Selber Hilfsangebote auf die Beine zu stellen war ungleich aufwendiger, finanziell und hinsichtlich des ehrenamtlichen Engagements“, sagt die Vorsitzende.

Hannover hat Pionierarbeit geleistet in Sachen Bürgerstiftungen, betont Jäger. Der Standort sei perfekt, in den vergangenen Jahrzehnten seien etliche Geldgeber akquiriert und zahlreiche Spenden eingeworben worden - nach sehr vielen, sehr persönlichen Gesprächen. „Vor allem aber müssen die Projekte schlüssig und gut präsentiert werden. Dann kommt auch das Geld“, betont Jäger. Im Jahr 2016 wurden mit einer halben Million Euro Projekte unterstützt.

Engagieren für das Image

Das Wesen einer Stiftung ist es, dass Projekte aus Erträgen gefördert werden, das Stammkapital daher nicht angerührt werden darf. Wer ins Stiftungskapital investiert, wird zum sogenannten Zustifter, eine Spende indes kann zur Erfüllung eines Stiftungszwecks verbraucht werden. In den Anfangsjahren war das mit den Erträgen kein großes Problem, seit der schlechten Zinssituation - das Kapital steigt, aber die Zinserträge sinken - ist die Bürgerstiftung trotz steten Wachstums mehr denn je auf Zuwendungen und Ehrenamt angewiesen. „Wer sich bei uns engagiert, arbeitet nicht zuletzt auch für das eigene Image“, betont Jäger. Die Stiftung wünsche sich für die Zukunft Geld, Zeit und Ideen, erklärt Sprecherin Ines Diehl. Sowie Patenschaften, denn „das sind Dauerspender“.

Auch die Thematik der geförderten Einrichtungen hat sich verändert. Widmete sich die Bürgerstiftung in ihren Anfangsjahren vornehmlich den Bereichen Prävention jugendlicher Straftäter, Integration von Kindern sowie Musiktherapien für Kinder und Jugendliche, werden mittlerweile Einrichtungen wie die Werk-Statt-Schule, Seniorenprogramme, Hospizarbeit oder Flüchtlingsinitiativen unterstützt. Da die Stiftung kaum Erträge erzielt, konnten die meisten Projekte in den letzten Jahren nur durch Spenden finanziert werden. Auch Einzefallhilfen werden gewährt. „Da kann es Zuschüsse für Brillen, Waschmaschinen oder Handwerker geben“, sagt Projektleiterin Monika Schulz.

Lust auf Solidarität wecken

Fördern auf Antrag sei derzeit das Hauptgeschäft. Es gebe aber auch testamentarisch gebundene Zuwendungen, „da wird dann ein bestimmtes Projekt gewünscht“, sagt Schulz. Zielgruppe in puncto Stifter seien Menschen, die etwas Bleibendes hinterlassen wollen. „Die Arbeit der Stiftung soll Lust auf Solidarität wecken anstatt sie als Last zu empfinden.“

Bundesweit hat Hannover Pionierarbeit geleistet. „Es gibt mittlerweile 29.000 Stifter und 25.000 Ehrenamtliche in rund 400 Bürgerstiftungen sowie rund 334 Millionen Stiftungskapital“, betont Jäger. Aus den Nachbarschaftskreisen ist eine Bewegung geworden.

Projekt 1: Domiziel hilft Jungen

Diese Jungen zwischen acht und 16 Jahren haben schon vieles hinter sich und bisher keinen leichten Weg gehabt. Die Jugendhilfeeinrichtung Domiziel bei Uetze hat Modellcharakter. Ein ehemaliges dörfliches Hotel ist von dem Ehepaar Marc und Monika Breuer in ein verlässliches Zuhause für junge Teenager umgewandelt worden. Es handelt sich um Kinder aus schwierigen familiären Verhältnissen, die Vernachlässigung und Gewalt erfahren haben, an den schulischen Anforderungen scheiterten und oftmals straffällig geworden sind. Bei Domiziel lernen die Jungen erstmals ein Leben kennen, in dem sie Geborgenheit, Sicherheit und Zuwendung erfahren. Zudem erhalten sie eine fundierte Schulausbildung. Kern des Konzeptes sind ein geregelter Tagesablauf, konsequentes Handeln und die Einhaltung eines verbindlichen Regelsystems. Auf diese Weise versuchen die Pädagogen, Jungen aus dem Negativ-Kreislauf von Scheitern, Kränkung, Aggression und Gewalt herauszuholen und ihnen eine Zukunftsperspektive zu geben.

Projekt 2: Ältere in Not

Älter werden und trotzdem aktiv am Leben teilnehmen: In Zeiten demografischen Wandels widmet sich die Bürgerstiftung auch älteren Mitmenschen. Ziel des Engagements ist der Erhalt von Lebensqualität und Freiheit, aber auch Hilfe bei Aktivitäten und gesundheitlichen Problemen. Mit dem im Jahr 2013 errichteten Fonds zur Unterstützung älterer Menschen fördert die Bürgerstiftung Senioren, die in einer Notlage sind oder besonderer Hilfe bedürfen. Der Fonds ermöglicht gemeinnützigen Organisationen, bedürftigen, erkrankten oder einsamen älteren Menschen eine Hilfe nach Maß anzubieten und damit Einschränkungen und Vereinsamung entgegenzuwirken. Darunter fallen Hilfe zur Förderung von Mobilität sowie die Finanzierung von Einkaufshilfen. Vielen älteren Personen konnte schon durch die Finanzierung einer Waschmaschine, eines Hörgeräts oder einer Brille erheblich geholfen werden. Auch Hilfe im Bereich des Betreuten Wohnens gehört dazu, etwa in Alten- und Pflegeheimen oder bei Hospiz- und Palliativdiensten.

Projekt 3: Qualifizierung von Jugendlichen

Mehr Praxis in der Theorie: Bei der Werk-statt-Schule handelt es sich um eine vielseitige Bildungsstätte, die an sechs Lernorten angesiedelt ist. Sie wurde 1982 als selbst­ver­wal­te­ter, gemein­nüt­zi­ger Bil­dungs­trä­ger gegrün­det und bietet derzeit rund 300 Kindern und Jugendlichen umfas­sende Ori­en­tie­rungs­hilfe und praxisorientiertes Lernen. Insbesondere Jugendliche mit persönlichen und schulischen Problemen erhalten hier neue Lebens­per­spek­tiven. Der Name ist zugleich das Leitbild der Werk-statt-Schule. Über und mit der praktischen Arbeit wird zugleich die Theorie vermittelt, etwa für Schul- und Berufsabschlüsse, Berufsorientierung und viele Sonderprojekten. Einer der großen Bereiche ist die Produktionsschule in Limmer. Die Jugend­li­chen arbeiten in den drei Werk­statt­be­rei­chen Gas­tro­no­mie, Büro­ser­vice und Haustechnik und bringen das erworbene Wissen auch gleich an den Markt – die Speisen werden für das schuleigene Bistro oder für Catering-Kunden gekocht, das Gebäu­de­team übernimmt die tech­ni­sche Unter­hal­tung aller Lern­orte und klei­nere Auf­träge im Reno­vie­rungs­be­reich.

Projekt 4: Freizeittage für Intensivkinder

Auszeit vom Pflegealltag: Von dem Verein Intensivkinder zuhause Niedersachsen werden während des Jahres an mehreren Sonnabenden Freizeitangebote für schwer mehrfachbehinderte und intensivpflegebedürftige Kinder angeboten. Teilnehmen können bis zu 15 Kinder ab neun Jahren. Betreut werden sie von einer Krankenschwester sowie pädagogisch-pflegerischem Personal. An den Nachmittagen können der Kontakt der Kinder untereinander und die Freizeitgestaltung ohne Eltern gefördert werden. Durch eigene Unternehmungen werden das Selbstbewusstsein gestärkt und der oft begrenzte Erfahrungshorizont erweitert. Spaß in der Gruppe mit anderen Kindern und die Entlastung der Eltern stehen allerdings im Vordergrund. Das Freizeitprojekt ermöglicht den Kindern, öfter „außer Haus“ zu sein – so haben sie etwa den Familienpark Sottrum besucht, waren im Zoo, in einem Indoor-Spielplatz und im Sealife. Die Kinder genießen diese Angebote und haben Spaß daran, außerhalb der Schule mit anderen Kindern zusammen zu sein. Die Eltern haben eine Entlastung bei gesicherter qualifizierter Pflege.

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