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Aus der Stadt Wie die VW-Krise Stöcken nervös macht
Hannover Aus der Stadt Wie die VW-Krise Stöcken nervös macht
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00:17 26.10.2015
Von Gunnar Menkens
Das VWN-Werk in Stöcken. Quelle: Archiv/Eberstein
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Hannover

Klar, dass man seinen Kiosk nicht so nennt, wie man selbst heißt. Jedenfalls wäre Manfred Schütt, 57, kaum auf so eine lahme Idee gekommen. „Trinkhalle bei Manfred Schütt“, das würde sich nicht nach Schweiß und Maloche und Halbliterflaschen Herri anhören, nicht nach einem Typ hinterm Fenster, der die Welt erklärt, wenn VW-Arbeiter bequatschen wollen, wie die Lage ist, zu Hause oder in Wolfsburger Chefetagen, wo die Flitzpiepen Mist statt Autos bauen. Also nannte Schütt seine Trinkhalle vor 30 Jahren „Bei Männe“.

Der kleine Pavillon ist die letzte Trinkhalle vorm Werkstor, oder auch die erste, kommt darauf an, aus welcher Ecke die meist männliche Kundschaft strömt, Richtung Fabrik oder Richtung Feierabend. Erstes Haus am Platze zwischen Stadtbahnendpunkt und Zubringerstraße und damit Umschlagplatz von Nachrichten und Gerüchten, nur 50 Meter entfernt vom Nutzfahrzeugriesen.

„Das ist doch eine Schweinerei“

Zu besprechen gibt es hier seit Wochen Unerfreuliches. Dieselskandal, Rücktritte, Razzien, Rückrufe, wer weiß, was noch kommt. VW steht weltweit als Unternehmen da, das Behörden und Kunden betrogen hat mit einer Software, die Abgastester täuschte. Nicht die Leute vor der Trinkhalle haben das getan, die bauen Transporter zusammen und bisher weiß man nichts darüber, ob sie auch in Stöcken Motoren mit einer Software montierten, von der Leute irgendwo im Konzern wussten, dass sie auf Manipulation programmiert ist.

 Manfred Schütt, 57, in seiner Trinkhalle. Quelle: Jan Philipp Eberstein

Manfred Schütt will, dass es einen Schuldigen gibt im Abgasskandal. „Das ist doch eine Schweinerei“, sagt er, „es muss ja einen geben, der die Bestellung unterschrieben hat.“ Für die Software oder ihren illegalen Einsatz. Das ist wie in der Trinkhalle. Was du bestellst, musst du unterschreiben. Auf Kioskebene ist die Welt da recht übersichtlich.

Spätestens seit der Spekulation, dass im Werk womöglich Hunderte Leiharbeiter ihren Job verlieren, geht es im Stadtteil nicht mehr um Stimmungen, jetzt sind Jobs in Gefahr. Schütt erzählt, das habe er schon gehört, als es noch nicht in der Zeitung stand. Er hört ständig Geschichten aus den Hallen. Und wer nach einer handfesten Beziehung sucht zwischen Stöckens lokaler Wirtschaft und Volkswagen, der wird hier fündig. Ohne VW gäbe es „Bei Männe“ nicht.

Mehr VW-Beschäftigte als der Stadtteil Einwohner hat

Volkswagen hat für Stöcken und Hannover nicht die Bedeutung, die Volkswagen für Wolfsburg hat. Hannover lebt nicht wie die Nachbarstadt vom Erfolg eines einzigen Konzerns, auch wenn im Norden der Stadt bis zu 14 000 Menschen an Nutzfahrzeugen arbeiten, womit im Werk, das sich auf Hunderten von Metern ausdehnt, mehr Menschen beschäftigt sind, als der Stadtteil Einwohner hat. Wolfsburgs Zentrale finanziert einen Fußballverein, der in der Champions League gegen Manchester United spielt, Kleeblatt Stöcken läuft in Hannovers Kreisliga gegen Anderter Sportfreunde aufs Feld. Sicher, 96 bekommt auch Geld von VW. Aber längst nicht genug für den Kauf leicht angerauter Weltmeister.

Der Stadtteil und der mittlerweile größte Arbeitgeber der Landeshauptstadt fingen nach dem Zweiten Weltkrieg bei null an, in direkter Nachbarschaft. Continental und Varta waren schon da, als 1955 Bauarbeiter das Fundament für die ersten Produktionshallen legten, was in Stöcken zu emsiger Bautätigkeit führte. So entstanden bis weit in die Sechzigerjahre hinein viele, meist kleine Wohnungen für VW-Arbeiter und ihre Familien. Aus dieser Zeit stammt das vertraute Verhältnis von Stöckenern und Werk.

Dann trennten sich die Wege zwischen Stadtteil und Konzern. VW Nutzfahrzeuge wurde zu einem erfolgreichen Unternehmen im Wolfsburger Konzern, sein Schlachtschiff, der Bulli, entwickelte sich zum Verkaufsschlager und zur Ikone der Hippie-Bewegung. Stöcken aber wurde zum stadtpolitischen Sozialfall. Geschosswohnungen prägen noch immer das Bild. Im Stadtteil leben deutlich mehr alleinerziehende Eltern, Migranten und arbeitslose junge Erwachsene als anderswo in Hannover. Eines der Probleme: Große Wohnungen in gutem Zustand und Grundstücke für Eigenheime sind Mangelware. Gut verdienende VW-Angestellte der jüngeren Generation, also beinahe alle, leisten sich bessere Stadtteile oder Orte außerhalb Hannovers.

Lars Olbrich, 43, kam als Leiharbeiter zu VW und ist als Montagewerker jetzt fest angestellt. Gutes Gehalt, Boni, ausgezeichnete Sozialleistungen. Auf die schlechten Nachrichten reagiert er gelassen. „Wir machen unsere Arbeit, jedes Auto wird gebraucht. Ich mache mir noch keine Sorgen um die Zukunft“, erzählt er. Sein Kollege Achim Helmers, 44, lackiert Transporter, seit zwanzig Jahren ist er dabei. Wenn Helmers über andere Autos redet, nennt er keine Marken, sondern spricht mit spitzen Fingern von „Fremdfabrikaten“. Die Folgen des Dieselgates für die Beschäftigten in Stöcken sieht er nüchtern: „Wer klar denkt, kann sich ausrechnen, dass es dieses Jahr mit einem Bonus nichts wird.“ Sei aber auch nicht wichtig. „Wichtig ist, dass der Arbeitsplatz bleibt.“

Zusammenhalten ist angesagt: VW-Mitarbeiter Lars Olbrich (li.) und Achim Helmers. Quelle: Jan Philipp Eberstein

Nun könnte man sauer sein auf die Männer ganz oben, die verantwortlich sind. Aber eher scheint es, als würden sich Olbrich und Helmers wünschen, dass man in Krisenzeiten zusammenhält, den Sturm durchsteht und nicht alles schlechtredet. Neulich hat sich sogar ein Wunsch von Lars Olbrich erfüllt, als Ministerpräsident Stephan Weil die Wolfsburger Zentrale besuchte und VW insgesamt ganz großartig fand. Mist gehört aufgeklärt, sagen sie; aber dass der frühere Konzernchef Martin Winterkorn gehen musste, verstehen sie nicht. „Der hat doch VW aus der Autokrise geführt“, sagt Helmers. Winterkorn gilt ihnen als Mann, der für Stabilität und Aufschwung sorgte. Lars Olbrich und Achim Helmers wollen stolz sein auf die Autos, die sie jeden Tag bauen, auf das, was sie immer „das Produkt“ nennen. Helmers sagt: „Kann ja nicht sein, dass heute schlecht sein soll, was vor drei Wochen gut war.“

Bei VW einen Job zu haben, das gilt in Stöcken seit Jahrzehnten als Glücksgriff, fast als eine Verbeamtung. Heidi Stolzenwald war Bezirksbürgermeisterin, ihr verstorbener Mann im Werk beschäftigt, und nun sitzt sie im Bürgerdialog, einem Forum, in dem sich Anwohner und VW-Vertreter zweimal im Jahr austauschen. Unterhalb der Großwetterlage gab es immer Alltagsdinge zu besprechen. Mal verbreiteten sich Gerüche im Wohngebiet, dann meinten Anwohner, der Boden vibriere. Bis heute nicht aus der Welt geschafft ist das Parkplatzproblem. „Das kann ja nicht sein, dass Mitarbeiter in den Nebenstraßen parken“, sagt Stolzenwald.

Sonst aber lässt sie nichts auf Volkswagen Nutzfahrzeuge kommen. „Es ist eine gute Nachbarschaft. Die machen, was sie können und unterstützen auch Projekte. Aber Sorgen, wie es weitergeht, machen wir uns schon.“

14 000 Beschäftigte, 9,3 Millionen Autos – das ist VWN in Stöcken

Das VW-Werk in Hannover hat für die Stadt einige Superlative zu bieten: Mit seinen mehr als 14 000 Beschäftigten ist es mit Abstand der größte privatwirtschaftliche Arbeitgeber. Auch bei der Nutzfläche kann keine andere Fabrik mithalten: Mit 110 Hektar belegt es gut eineinhalbmal so viel Fläche wie der Maschsee. Allein die Gleisanlagen auf dem Gelände kommen zusammen auf zehn Kilometer Länge. In den 59 Jahren seit der Gründung des Standorts sind hier rund 9,3 Millionen Fahrzeuge vom Band gelaufen.

Der Transporter ist seit jeher das Kernprodukt des hannoverschen Werks. Den Start erlebte der auf die Idee eines niederländischen VW-Importeurs zurückgehende „T“ vor 65 Jahren noch in Wolfsburg, Hannover übernahm dann von 1959 an. Heute werden einige Varianten des Fahrzeugs auch im polnischen Schwesterwerk Posen gebaut. Insgesamt sind von der T-Baureihe in 65 Jahren mehr als zwölf Millionen Fahrzeuge verkauft worden.

Auch der Pick-up Amarok wird in Stöcken gefertigt. Für Porsche werden zudem Karosserien des Viertürers Panamera lackiert und anschließend per Zug ins Werk des Sportwagenbauers aus dem VW-Konzern nach Leipzig verfrachtet. Dieser Auftrag läuft 2016 aus. Als Kompensation soll der Standort künftig auch hochwertigere Varianten des Großtransporters Crafter bauen.

Alle Bereiche rund um den Autobau – von Presswerk über Karosseriebau und Montage bis hin zu Lackiererei und Logistik – zählen zusammen mehr als 9100 Beschäftigte. Rund 3000 weitere Mitarbeiter gibt es in der Verwaltung der Marke VW Nutzfahrzeuge. Das Werk ist aber auch VW-interner Zulieferer, Sitz eines Teils der Konzernlogistik und der Sitztochter Sitech – macht noch einmal rund 1800 Beschäftigte. lr     

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