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Wie ein Betrieb aus Preußen nach Laatzen kam

HAZ-Serie „Aufbruch 1945“ Wie ein Betrieb aus Preußen nach Laatzen kam

Die Geschichte von Erich Kraushaar zeigt, wie ein ganzes Bauunternehmen samt Belegschaft aus Ostpreußen in das vom Krieg gezeichnete Laatzen kam – und dort Teil einer Erfolgsgeschichte wurde. Kraushaar half mit seinem Unternehmen, die zerstörte Stadt wieder aufzubauen - und brachte so seinen alten Kollegen eine neue Heimat.

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„Wir waren fast nur Ostpreußen“: Die Belegschaft von Firma Kraushaar im Jahr 1951 auf dem Betriebsgelände des Bauunternehmens in Laatzen.

Quelle: Privat

Hannover. In den letzten Kriegstagen versuchte Erich Kraushaar zu retten, was zu retten war. Sein Vater Emil hatte 1920 im masurischen Willkassen bei Lötzen eine Baufirma gegründet, unweit des Bahnhofs. Als die Rote Armee anrückte, verlud der Sohn dort alle Baumaschinen auf einen Zug Richtung Westen. Er selbst landete nach der Flucht bei Verwandten in Timmendorf. Dort erfuhr er, dass drei Waggons seines Zuges in Hildesheim liegengeblieben waren.

„Auf dem Weg dorthin sah er, dass in Laatzen viel zerstört war“, sagt Elke Eidt, die Tochter des im Jahr 2000 verstorbenen Ostpreußen. Kaputte Häuser verheißen Bauunternehmern goldene Zeiten. Also bezog Kraushaar ein Zimmer bei einem Laatzener Bauern, richtete sich ein provisorisches Firmengelände mit Nissenhütte her – und begann, seine alten ostpreußischen Arbeiter in ganz Deutschland zu suchen.

Hannovers verlorene Orte: Viele Bauwerke in Hannover haben die Zeit nicht überdauert. Einige wurden während des Krieges zerstört, andere existieren aus anderen Gründen nicht mehr – und sind für immer verloren.

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„Teils holte er sie sogar aus der Gefangenschaft heraus“, sagt der 85-jährige Klaus Kliss, dessen Vater schon in Ostpreußen zur Kraushaar-Belegschaft gehört hatte und 1945 nach Laatzen kam. Die Arbeiter scharten sich mit ihren Familien um ihren Chef und um das vertraute Unternehmen, das ihnen einen Anlaufpunkt in der Fremde bot. „Bald lebten 80 Leute aus unserem Heimatort in dem damaligen Dorf Laatzen“, sagt Kliss. Eine kleine ostpreußische Kolonie. „Heute sind wir noch sieben.“

Foto: „Er war fleißig – und hatte den richtigen Beruf“: Bauunternehmer Erich Kraushaar.

„Er war fleißig – und hatte den richtigen Beruf“: Bauunternehmer Erich Kraushaar.

Ihn selbst hatte es mit seiner Mutter zunächst nach Greifswald verschlagen. „Als Vater uns 1946 nach Laatzen holte, hatte er schon angefangen, ein eigenes Haus zu bauen“, sagt Kliss. Die Gemeinde begünstigte Vertriebene bei der Vergabe von Bauland, die Siedlungsgenossenschaft lieferte Material, und die Flüchtlinge halfen sich gegenseitig. Man kannte sich ja.

Einer der drei Waggons in Hildesheim war halbwegs heile geblieben; ein Betonmischer und ein Steinbrecher waren gerettet. Bald richtete Kraushaar mit seinen Maschinen die Häuser von Bauern aus der Umgebung wieder her, teils gegen Entlohnung in Naturalien. Und seine Firma wuchs.

„In den ersten Jahren waren wir nur Ostpreußen und ein paar Schlesier“, sagt Kliss, der selbst eine Maurerlehre bei Kraushaar machte und mehr als 40 Jahre lang dort blieb. In seiner Glanzzeit hatte das Unternehmen dann 230 Mitarbeiter. Kraushaar baute halb Laatzen auf; dazu kamen prestigeträchtige Bauten wie das Landheim in Torfhaus, das Schwesternheim am Gehrdener Krankenhaus, mehrere Schulen und die Laatzener Immanuelkirche.

"Er hatte den richtigen Beruf zur richtigen Zeit“

Es gibt viele Beispiele von Firmen aus dem Osten, die im Westen neu aufblühten. Sudentendeutsche Geigenbauer schufen im fränkischen Bubenreuth eine florierende Instrumentenfabrikation. Töpfer aus dem schlesischen Bunzlau ließen sich im niedersächsischen Fredelsloh nieder, auch weil es dort geeignete Tonvorkommen gab. Und Vertriebene aus dem böhmischen Gablonz etablierten in Neugablonz – einer von fünf Vertriebenengemeinden in Bayern – eine Glas- und Schmuckproduktion. Lauter Beispiele für unternehmerischen Willen zum Erfolg.

„Mein Vater war fleißig – und er hatte den richtigen Beruf zur richtigen Zeit“, sagt Kraushaars Tochter Elke Eidt heute. Binnen weniger Jahre gehörte ihr Vater zu Laatzens Honoratioren. Er saß im Rat, gründete 1962 einen Reiterverein, züchtete selbst Trakehner-Pferde.

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Zeitlebens trank der hemdsärmlige Unternehmer gern ostpreußischen Bärenfang. Und immer wieder reiste er mit ganzen Gruppen seiner Mitarbeiter zu Besuch ins polnisch gewordene Lötzen, das jetzt Gizycko hieß.
Bis heute hängen in den Häusern seiner früheren Angestellten Elchwappen und Ostpreußen-Karten. Nostalgische Reminiszenzen an die alte Heimat. Doch Erich Kraushaar selbst sagte irgendwann den Satz: „Auch wenn ich könnte – ich ginge nicht zurück.“ Der Erfolg hatte ihm und seinen Arbeitern eine zweite Heimat geschaffen.

Von Simon Benne

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