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Wie in Hannover die Integration der Vertriebenen gelang

HAZ-Serie Wie in Hannover die Integration der Vertriebenen gelang

Der sechste Teil der großen HAZ-Serie über Vertriebene: Nach dem Krieg blieben Flüchtlinge in Hannover oft lange unter sich. Über Vereine und Kirchengemeinden gelang dann ihre Integration – obwohl diese eigentlich unter keinem guten Stern stand.

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Zeichen der Solidarität: Spruchbanner am Ernst-August-Platz anlässlich des Schlesiertreffens um 1950. 

Quelle: HMH Hauschild 074025

Hannover. Das Freibad macht die Menschen gleich. Arme und Reiche, Fremde und Einheimische - in der Badehose sind sie sich oft ganz ähnlich. „Im Sommer verbrachten wir meist den ganzen Tag im Freibad“, sagt Erika Hesse, die als Flüchtlingskind unter elenden Bedingungen im Lager Empelde aufwuchs: „Dort knüpften wir Kontakte zu Einheimischen.“ Auch in der Volksschule und in einer evangelischen Jugendgruppe schloss sie Freundschaft mit alteingesessenen Empeldern: „Wir empfanden uns ja auch nicht als Fremde“, sagt sie heute.

Natürlich waren die Vertriebenen als Deutsche unter Deutschen gelandet, nach einem gemeinsam verlorenen Weltkrieg. Sie waren meist gut ausgebildet, sprachen dieselbe Sprache, waren beseelt vom Aufstiegswillen. In einigen Landstrichen Niedersachsens waren bereits wenige Jahre nach dem Krieg Flüchtlingskinder an Gymnasien deutlich überrepräsentiert.

Und dennoch grenzt es an ein Wunder, dass die Integration von Millionen entwurzelter Menschen binnen weniger Jahrzehnte gelang - obwohl diese eigentlich unter keinem guten Stern stand: Im Nachkriegselend war jeder sich selbst der Nächste; Fremde sah man oft als Konkurrenten. Zudem hatte es vertriebene Städter aufs Dorf verschlagen, Katholiken in protestantische Gegenden und umgekehrt.

Vertriebene blieben unter sich

„Meine Mutter wurde zwar von anderen Frauen im Dorf zum Kaffee eingeladen - aber sie schwieg dabei meist, weil sie kein Platt verstand“, sagt Sigrid Zerwer, die als Kind aus Westpreußen nach Wulfelade bei Neustadt gekommen war.

Gerade in der ersten Zeit setzten Vertriebene oft alles daran, unter sich zu bleiben. Unter Nachbarn aus der alten Heimat, auf deren Zusammenhalt sie zählen konnten. Obwohl ihre Gruppen bei der Verteilung auf die Dörfer oft auseinandergerissen wurden, gelang es sieben Familien aus dem schlesischen Welkersdorf, gemeinsam nach Velber zu kommen. Ein ganzer Treck von Pferdewagen aus dem Gut Klarphul in Hinterpommern blieb ebenfalls dort. Das Dorf wuchs von 350 Seelen im Jahr 1939 auf 920 Einwohner im Jahr 1950.

HAZ-Serie über Vertriebene: Der Weg in den Alltag - Sie haben keine Berechtigung dieses Objekt zu betrachten.

„Die Verbindung zu Menschen aus der eigenen Heimat hatte eine wichtige soziale Funktion“, sagt Wieland Machleidt, emeritierter Professor für Sozialpsychiatrie an der MHH: Die Rückversicherung im Vertrauten stärkte die Neubürger oft für den Alltag in der Fremde - und schuf so erst die Basis für ihre Integration: „Studien belegen, dass es besser um die seelische Gesundheit von Migranten bestellt ist, wenn diese Kontakt zu Menschen aus ihrer Heimat pflegen“, sagt Machleidt. Das gilt umso mehr, wenn diese traumatisierende Fluchterfahrungen teilen.

Ähnliches gilt für die Schlesiertreffen: Niedersachsen übernahm 1950 eine Patenschaft für die Landsmannschaft Schlesien. Allein in Hannover, das in jenem Jahr 443 941 Einwohner zählte, lebten damals etwa 25 000 Schlesier. Zwei Jahre darauf kamen mehr als 300 000 Teilnehmer aus ganz Deutschland zum Schlesiertreffen in die Stadt.

Schlesiertreffen waren beliebt

Hannover stand regelmäßig kopf bei den Großveranstaltungen; es gab Volkstänze, schlesische Spezialitäten, und bei Kundgebungen gab sich die politische Prominenz von Konrad Adenauer bis Willy Brandt die Ehre. Noch Anfang der Achtziger legte der junge Thomas Gottschalk bei der Disco der schlesischen Jugend Platten auf.

Außenstehenden galten die Treffen, die Hannover zur heimlichen Hauptstadt Schlesiens machten, teils als Versammlung nostalgieseliger Trachtenfreunde oder als Brutstätten des Revanchismus. Doch sie dienten vor allem der Selbstvergewisserung einer Schicksalsgemeinschaft. „Die Vertriebenen waren dabei unter Menschen, welche die gleiche Herkunft hatten wie sie und welche die gleichen Erfahrungen von Fremdheit machten“, sagt Migrationsexperte Machleidt. „Dies stabilisierte das Selbstbewusstsein vieler Flüchtlinge und half ihnen letztlich, sich in der neuen Umgebung zu behaupten.“

Zaghaft knüpften die anfangs als „Polacken“ beschimpften Fremden Kontakte zu Alteingesessenen und umgekehrt. Bald saßen Jungsozialisten und christliche Jugendbündler mit heimatlosen Jugendlichen im Jugendheim „Rübezahl“ bei Holzen gemeinsam am Lagerfeuer. Und im Juli 1949 organisierte der Heimatbund eine gemeinsame Busfahrt nach Seelze, für Flüchtlinge und Einheimische, zum Kennenlernen. Ein Stück Willkommenskultur.

Hannovers verlorene Orte: Viele Bauwerke in Hannover haben die Zeit nicht überdauert. Einige wurden während des Krieges zerstört, andere existieren aus anderen Gründen nicht mehr – und sind für immer verloren.

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Im Sommer 1948 gründeten sich im Kreis Hannover mehrere Interessengemeinschaften von Vertriebenen, die auf eine gerechte Verteilung von Wohnraum und Lebensmitteln pochten. Zugleich formierten sich Heimatkreisgemeins-­ chaften, bei deren Treffen Vertriebene aus einzelnen früheren Landkreisen im Osten zusammenkamen, um gemeinsam Lieder wie „Hohe Tannen“ anzustimmen.

„Zweifellos ist die Eingliederung der Vertriebenen auf dem Lande schwieriger als in der Stadt“, schrieb die HAZ am 26. April 1958, doch auch dort habe sich das anfangs angespannte Verhältnis deutlich verbessert. In einigen Dörfern war der „Tag der Heimat“ bald ein fixer Termin auch für Einheimische. Mit Feuerwehrkapelle, Kranzniederlegung und Bürgermeistergrußwort waren diese Feste auch Kundgebungen gegen den Kommunismus, in dem alle gemeinsam eine finstere Bedrohung sahen.

Als Foren der Integration fungierten neben Schulen und Betrieben vor allem die Vereine. Sport und gemeinsame Hobbys verbanden Flüchtlinge und Einheimische. Eine Schlüsselrolle kam dabei den Kirchen zu. „Religion kann ein starkes Band sein, das Menschen über die Grenzen ihrer Herkunft hinweg verbindet“, sagt Migrationsexperte Machleidt.

Nach dem Krieg verschlug es Zehntausende von Vertriebenen nach Hannover. In einer großen HAZ-Serie halten wir Rückschau auf ihre Ankunft und ihren Alltag. Voraussichtlich im November erscheint dazu das Buch „Fremde Heimat – Als die
Vertriebenen nach Hannover kamen“. Der etwa 100 Seiten starke Band (14,90 Euro) kann im Internet bereits jetzt unter http://shop.haz.de vorbestellt werden.

Gottesdienste für Flüchtlinge

Das gilt auch im Fall von Edith Müller. Als Flüchtlingskind aus Oberschlesien war sie im November 1946 mit sechs Jahren nach Hannover gekommen. „In der Gemeinde St. Bruder Konrad in der List wurden wir gut aufgenommen. Weihnachten schenkten uns Jugendliche aus der Gemeinde Spielzeug. Meine Mutter fand dort über Kontakte bald Aufwartstellen, und wir konnten uns etwas dazuverdienen, indem wir die Kirchenzeitung austrugen“, sagt sie.

Besonders die bis dato eher kleinen katholischen Gemeinden Hannovers blühten durch den Zustrom Vertriebener auf. Die oft tief gläubigen Flüchtlinge fanden dort Trost im Glauben, ein Stück Heimat in der Fremde - und ein vertrautes Milieu, das sie selbst schon aufgrund ihrer großen Zahl zugleich entscheidend prägten.

„Ich machte in der Frohschargruppe mit“, sagt Edith Müller. „Einmal im Monat gingen wir außerdem zu Fuß zum Flüchtlingsgottesdienst nach St. Heinrich, wo wir Bekannte aus unserem Heimatort trafen. Für Vertriebene gab es auch kleine Wallfahrten zu einer Marienkapelle bei der Obstmosterei in Arnum.“

Am Ende bewahrten viele Flüchtlinge ihre Identität - und wurden doch Teil ihrer Umgebung. Ihre Kinder sehen sich selbst längst nicht mehr als Breslauer oder Königsberger, sondern als Hannoveraner. Sie sind so gründlich integriert, dass ihnen schon das Wort „Integration“ für die eigene Familie unpassend erscheint. Dabei reicht ein Blick in andere Weltgegenden, um zu sehen, dass Flüchtlinge oft über Generationen hinweg isoliert in Camps vegetieren. Der Nachwuchsmangel ist das Unglück der Vertriebenenverbände. Doch zugleich ist er auch ein Glück.

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