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Aus der Stadt Wie marode sind Hannovers Brücken?
Hannover Aus der Stadt Wie marode sind Hannovers Brücken?
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00:15 30.05.2013
Von Conrad von Meding
Der Südschnellweg hat in Döhren aus Stabilitätsgründen bald nur noch eine Spur pro Richtung: Die Brücke über die Hildesheimer Straße wird zum Dauerprovisorium. Quelle: Frank Wilde
Hannover

Die Brücke des Südschnellwegs über die Hildesheimer Straße ist so marode, dass sie für 1,5 Jahre je Richtung nur noch einspurig befahrbar sein wird - Pendler befürchten ein Dauerärgernis. Anschließend wird bis etwa 2023 eine provisorische Verstärkung angebracht, mit der die Ingenieure wieder die volle Belastbarkeit auf vier Spuren gewährleisten wollen. Danach soll das Bauwerk abgerissen und durch ein neues ersetzt werden - ob Trog oder Brücke, ist derzeit noch offen. Allein der Ideenwettbewerb wird etwa drei Jahre dauern.

Was ist passiert?

Im Sommer 2012 sind bei der Hauptprüfung, die bei Brücken alle sechs Jahre vorgenommen wird, Risse im Mittelkörper der Konstruktion festgestellt worden. Sie sind 0,4 Millimeter stark, also kaum sichtbar, aber für die Fachleute ein Alarmsignal. Die Brücke wurde sofort für Schwertransporte gesperrt. Danach begannen Ingenieure, die Brückenlast nach neuesten Vorschriften zu berechnen. Das Ergebnis: Wenn die Brücke weiter von Autos und Lastwagen in bisherigem Umfang genutzt wird, hält sie keine zehn Jahre mehr.

Warum gerade diese Brücke?

Das liegt an der Konstruktion. Die Brücke hat mittig ein Kastenbauwerk, das auf Pfeilern ruht. Von diesem Kasten gehen seitlich Querstreben ab, die die vierspurige Fahrbahn halten. Die Hauptlast der schweren Lastwagen aber liegt auf den Außenspuren, also weit weg vom mittleren Kasten. Durch die jahrzehntelange Belastung verdrehen sich die Querstreben, es wirken sogenannte Torsionskräfte.

Was passiert jetzt?

Zunächst einmal wird am nächsten Wochenende in bis zu drei Nachteinsätzen die Brücke gesperrt, um die Zahl der Fahrspuren zu halbieren. Pro Richtung steht dann nur noch eine Spur zur Verfügung. Jeweils morgens ab 5 Uhr wird die Brücke wieder freigegeben sein. Dieses Spurenprovisorium soll dann zunächst bis Herbst 2014 halten (und nicht zehn Jahre lang, wie es in dieser Zeitung versehentlich einmal stand).

Reicht eine Spur pro Fahrtrichtung?

Wohl kaum. Die Verkehrsplaner sagen, dass es im Normalbetrieb klappen müsste. Zu Spitzenzeiten aber werde es eng. Viele Autofahrer ahnen, dass es oft eng wird. Und an Messezeiten mag man gar nicht denken. Allerdings gibt es kaum eine Alternative. Stadt und Land hatten überlegt, die Brücke komplett für Lastwagen zu sperren. Dann hätten die Autos weiter zweispurig pro Richtung fahren können. Aber dann hätten sich 3000 Lastwagen pro Tag vom Schnellweg runter und über die Ampelkreuzung Hildesheimer Straße quälen müssen. Das war für alle Beteiligten indiskutabel. Immerhin ist die Hildesheimer Straße eine Hauptverkehrsstraße mit drei Stadtbahnlinien.

Und was passiert danach?

Derzeit wird gerechnet, wie die Brücke provisorisch verstärkt werden kann, damit sie noch bis 2023 hält. Klar ist: Seitlich am Hauptkasten der Brücke wird es gigantische Spannseile geben, die den Torsionskräften entgegenwirken. Die Fachleute sprechen von Hunderten Tonnen Spannkraft, die in den alten Beton verankert werden müssen - es geht um eine großartige Ingenieurleistung. Allerdings geht hier Technik vor Ästhetik. „Das Bauwerk wird nicht schöner werden“, kündigt Dezernatsleiter Harald Freystein an.

Und nach zehn Jahren?

Länger als bis etwa 2023 wird auch das Stahlseilprovisorium nicht halten. Dann muss etwas neues her. Die Ingenieure sprechen von einem Querungsbauwerk - der Begriff lässt offen, ob es sich um eine Brücke oder einen Trog handelt. In Kooperation mit Bundes- und Landesverkehrsministerium und der Stadt soll ein internationaler Ideenwettbewerb ausgeschrieben werden, in dem Lösungen für die Probleme gesucht werden. Dabei geht es um ästhetische Fragen (das neue Bauwerk darf später durchaus städtebauliche Akzente setzen), aber vor allem natürlich um technische. Größtes Problem: Konstruktionsbedingt kann das derzeitige Brückenbauwerk nur ganz stehen bleiben oder ganz abgerissen werden - ein Teilabriss, neben dem scheibchenweise etwas neues entsteht, ist technisch kaum vorstellbar. Wohin aber soll der Verkehr während der Bauzeit?

Warum kein Trog?

Ähnlich wie am Pferdeturm könnte man in Döhren eine Unterführung statt einer Brücke bauen. Allerdings steht das Grundwasser wegen der Nähe zur Ricklinger Masch sehr hoch, und im Südbereich der Brücke stehen Häuser bis dicht an die Straße. Ausschließen will das Land eine Troglösung aber nicht. „Wir sind für alles offen“, sagt Joachim Ernst, Leiter der regionalen Straßenbaubehörde in Hannover.

Warum dauert das alles so lange?

Tatsächlich handelt es sich bei den Berechnungen zu Brückenbauwerken nicht um Standards, die nur in den Computer eingegeben werden müssen. Spezialisierte Ingenieurbüros beschäftigen sich monatelang mit den Konstruktionsplänen und rechnen Modelle durch. Bei der endgültigen Lösung für das Problem der Südschnellwegbrücke kommt noch etwas hinzu: Das neue Bauwerk muss auf jeden Fall breiter werden, weil sich Sicherheitsabstände vergrößert haben. Damit gilt das Projekt als Komplettneubau, für den ein aufwendiges Planfeststellungsverfahren nötig ist, als ob dort nie eine Brücke gestanden hätte. Damit haben die Anlieger zum Beispiel Recht auf Lärmschutz wie an einer Neubaustraße. Solche Verfahren ziehen sich über Jahre hin.

Messeschnellweg am Mittellandkanal - die "Sensorbrücke" ist abrissreif

Die Brücke, die den Messeschnellweg über den Mittellandkanal führt, ist reif zum Abbruch. Harald Freystein rechnet mit einem „Baubeginn in drei Jahren“. Allerdings sind Teilabrisse und Behelfsbrücken geplant, der Verkehr soll immer vierstreifig rollen. Die Brücke hatte an einem Augustsonntag 2011 große Aufregung verursacht. Es ist das einzige Brückenbauwerk in Hannover, das von Sensoren überwacht wird. An dem Sonntag hatte ein Sensor Alarm gegeben und einen heftigen Höhenversatz in der Brücke gemeldet. Die Fahrbahn wurde gesperrt – doch es war nur ein defekter Sensor. „Mit der Sensortechnik verlängern wir die Lebenszeit der Brücke“, sagt Freystein: „Aber jetzt hat sie ihr Ende bald erreicht.“

Südschnellweg in Ricklingen - Brücke zum Verschleiß

Wo der Südschnellweg bei Ricklingen über Leine und Ricklinger Kiesteiche führt, reihen sich auf etwa 750 Metern mehrere Brückenbauwerke nebeneinander. Dort sind die Konstruktionen ähnlich erneuerungsbedürftig wie über der Hildesheimer Straße, das Tragwerk ist aber anders aufgebaut und daher ohne Hilfskonstruktion noch etwa zehn Jahre haltbar. „Wir fahren die Brücke jetzt auf Verschleiß“, sagt Dezernatsleiter Harald Freystein. Will heißen: Das Bauwerk wird rigoros endgenutzt. Nach bisheriger Planung wird parallel zur Baustelle über der Hildesheimer Straße auch die Leine- und die Leineflutbrücke erneuert. Diese Baustelle ist aber weniger kompliziert, weil keine Hauptverkehrsstraße darunter verläuft.

Hochstraße neben dem Georgengarten - Bremer Damm ist stabil

Mit der etwa 450 Meter langen Hochstraße des Bremer Damms am Hochschulsportzentrum (Georgengarten) hat das Land Glück. Das Bauwerk auf breiten Stützen ist in den fünfziger Jahren sehr stabil ausgeführt worden. „Diese Konstruktion hat ein sehr gutmütiges Tragverhalten“, sagt Dezernatsleiter Harald Freystein. Das gesamte Bauwerk, das die westliche Innenstadtzufahrt zum Schnellwegsystem darstellt, ist bereits durchgerechnet und nach neuester europäischer Norm zertifiziert. Einige Reparaturen müssen durchgeführt werden, aber nach Auskunft der Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr gibt es nichts, was größere Investitionen erfordert.

Schwanenburgbrücke - Westschnellweg bleibt eng

Die Schwanenburgbrücke, die den Westschnellweg bei Linden-Nord über die Leine führt, sollte eigentlich schon vor Jahren verbreitert werden. Dafür aber ist das Bauwerk nicht stabil genug. „Wir können zwar eine Spur seitlich anbringen, aber bei dem steigenden Verkehrslasten würde die Tragkonstruktion das nicht lange mitmachen“, sagt Dezernatsleiter Harald Freystein. Weil ein Neubau der Brücke derzeit nicht infrage kommt, bleibt es bei der derzeitigen beengten Situation. Problematisch ist das vor allem für Autofahrer, die von der Limmerstraße aus auf den Schnellweg Richtung Herrenhausen auffahren. Sie haben nur eine sehr kurze Beschleunigungsspur zur Verfügung. Und daran wird sich auf absehbare Zeit auch nichts ändern.

Die Sicherheit ist gewährleistet

Was ist mit den Brücken los? Nach gut 60 Jahren haben viele der Bauwerke ihren Zenit technisch überschritten. Beton und Stahl hatten in den Nachkriegsjahren nicht so hohe Festigkeiten wie heute, der Verkehr hat spürbar zugenommen. Um Sicherheit zu garantieren, ist für alle Brücken eine regelmäßige Kontrolle vorgeschrieben. Alle sechs Jahre gibt es die große Hauptuntersuchung: Quadratmeter für Quadratmeter werden die Brücken „handnah“ überprüft. Alle drei Jahre gibt es die mittlere Untersuchung, jährlich eine Routinekontrolle. Hohe Sicherheitsstandards sind nötig, denn die Brücken sind immer größeren Lasten ausgesetzt. In den fünfziger Jahren haben die Ingenieure beim Berechnen derartiger Bauwerke angenommen, dass ein kurzer, kompakter Dreiachs-Lkw mit 60 Tonnen Gewicht auf einer Spur fährt und rundherum nur Autos fahren. 1983 wurde für die Berechnung ein zweites „Bemessungsfahrzeug“ mit noch einmal 30 Tonnen danebengestellt.

Seit dem 1. Mai 2013 muss im Brückenbau europaweit sogar eine drittes Schwerlastfahrzeug angenommen werden. Dank deutschen Sicherheitsanspruchs wird diese Vorschrift hierzulande sinngemäß schon seit zehn Jahren angewendet. Die Brücken würden durch das Prüfverfahren immer auf dem gleichen Sicherheitsstandard gehalten wie in der Erbauungszeit, sagt Ingenieur Harald Freystein: „Dass wir jetzt am Südschnellweg handeln, ist ja ein guter Beweis dafür, wie früh wir eingreifen.“

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Der geplante Abriss und Neubau der Südschnellweg-Brücke über die Hildesheimer Straße wird kein Einzelfall in Hannover bleiben. Im gesamten Schnellwegnetz, das in den fünfziger Jahren erbaut wurde, tun sich jetzt schwere Baumängel auf. Auch die Brücke des Messeschnellwegs über den Mittellandkanal muss in naher Zukunft ersetzt werden.

Conrad von Meding 26.11.2013