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Aus der Stadt Argumente gegen rechte Parolen
Hannover Aus der Stadt Argumente gegen rechte Parolen
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00:19 03.06.2018
In Sportvereinen geht es zu wie anderswo in der Gesellschaft. Vorurteile und Rassismus sind auch in Klubs keine Seltenheit. Quelle: dpa
Hannover

Die paar rechtsextremistischen Leute, könnte man denken, die tun keinem wirklich weh. Ob völkische Siedler am Tag der Arbeit um den Maibaum tanzen, ob Reichsbürger eigene Ausweise schnitzen, weil sie diesen Staat nicht anerkennen oder sogenannte nationale Demokraten Kraftsport im Fitness-Studio betreiben. Beobachter sagen: Die aktive Szene liegt ziemlich platt am Boden, in Niedersachsen und noch mehr in Hannover. Und was können wenige Überzeugte schon ausrichten?

Doch dann geht man zum Forum „Sport mit Courage – gegen Rechtsextremismus“ und merkt: Um rassistische Sprüche zu hören, müssen Spartenleiter, Jugendtrainer, Bürokräfte und Mannschaftsspieler nicht auf Funktionäre rechter Gruppen gucken, die sich in Ämter geschlichen haben. „Rassismus“, sagt ein Sportler aus einem traditionsreichen gutbürgerlichen Klub, „begegnet man alltäglich im Verein, das wird dann meist humoristisch betrachtet.“ Aus der Geschäftsstelle eines großen Vereins aus einem eher linken Stadtteil berichtet eine Mitarbeiterin, dass rassistische Sprüche alltäglich seien, „oft so aus Spaß, aber eigentlich ist es kein Spaß“. Auch Sportler mit Migrationshintergrund schauen auf andere Gruppen herab, wenn deren Angehörige die vermeintlich falsche Herkunft oder Religion haben oder gerade ein Spiel gegen eine Flüchtlingstruppe verloren geht.

Aber was tut man als Klubangehöriger, wenn einem Fremdenfeindlichkeit begegnet auf dem Platz, in Kabinen und Vorstandssitzungen oder beim Bier nach dem Duschen? Teilnehmer des Forums beim Landessportbund kennen ja diese rassistischen Sprüche. Frank Koch vom Landespräventionsrat fragt nach bekannten Vorurteilen, und was aus diesem zufällig versammelten Kreis kommt, haben die Sportler nicht von NPD-Leuten gehört, sondern von normalen Mitgliedern. „Flüchtlinge kriegen alles reingeschoben, und wir müssen dafür arbeiten.“ „Das sind Schmarotzer, denen zahlt das Job-Center Mitgliedsbeiträge.“

Manchmal gibt es kaum Unterschiede zwischen Vorurteilen, die man aufschnappt, und dem, was man selber glaubt. „Flüchtlinge kriegen ja wirklich alles, obwohl sie nichts geleistet haben“, meint eine Frau. Ein älterer Mann weiß zu berichten, dass Rentner keine Zuschüsse für ihre Zähne erhielten, „aber Flüchtlinge die besten Gebisse“. Das wollten nicht alle im Forum so akzeptieren, die Dame sagt, sie wolle nun lieber nichts mehr sagen. Sport, heißt es ja, sei der Spiegel der Gesellschaft und überfordert mit der Rolle als Reparaturbetrieb von Fehlentwicklungen.

Frank Koch freut diese Diskussion in der Runde. Man müsse sich seiner eigenen Stereotypen bewusst werden, damit einem Rassismus als Rassismus auffalle. Die verbreitete Meinung, Muslime könnten sich hier nicht anpassen, dient ihm als Beispiel. Der Satz sei eine Generalisierung, die nicht mehr den einzelnen Menschen sehe, sondern eine Gruppe. „Muslime können in Deutschland geboren sein. Und die Frage ist, was Anpassung mit Religion zu tun hat.“ Stammtischparolen vereinfachten komplexe Themen, sie sind plakativ und in ihrer schlimmsten Form Menschen verachtend.

Koch empfiehlt: Gegenwehr mit guten Argumenten. Nicht provozieren lassen, ruhig bleiben, niemanden belehren, „die Kampfzone verlassen“ und pauschalen Behauptungen auf den Grund gehen, zum Beispiel mit der Realität. Juden können gut mit Geld umgehen? Brasilianer haben den Rhythmus im Blut? Juden sind hierzulande Deutsche und der Zusammenhang zwischen Religionszugehörigkeit und Finanzgeschick ist wohl kaum erwiesen. Warum sollten Argentinier, ein Land gleich neben Brasilien, keinen Rhythmus haben? „Weil wir dem Bild glauben, das wir von Samba, Strand und Sonne haben.“

Nur muss man gute Argumente als wohlmeinendes Vereinsmitglied gerade mal zur Hand haben, wenn es darauf ankommt. Wer weiß schon, wie es sich in Wirklichkeit mit Flüchtlingen und Gebissen verhält? Und nicht jeder hat das Selbstbewusstsein, offensiv vertretenen ausländerfeindlichen Parolen etwas entgegenzusetzen. Manche wägen ab, ob es sich lohnt, mit Sportlern Diskussionen zu beginnen, denen man auf Jahre hinaus weiter im Verein begegnen wird. Koch glaubt, dass man Menschen, die ausgrenzende Parolen verbreiten, das Feld nicht durch Schweigen überlassen sollte. Das ist praktisch Stand der Wissenschaft: Demokratie ist nicht gefährdet durch wenige Radikale, sondern durch die Gleichgültigkeit der Mehrheit.

Tipps gegen Rechts

Was Sportvereine gegen Rassismus unternehmen können, erklärte auf dem Forum gegen Rechtsextremismus Patrick Neumann vom Landessportbund Niedersachsen. „Gemeinschaftserlebnisse mit Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion und Bildung organisieren. Es ist eine Binsenweisheit, aber man kann es nicht oft genug sagen.“ Klubs müssten eine soziale Heimat für Kinder und Jugendliche sein und ihnen ein Zugehörigkeitsgefühl vermitteln. Im Verein müssten demokratische Werte wie Respekt und Fairplay vermittelt werden. Denkbar seien Leitbilder für alle Mitglieder und Verhaltenskodizes für Mannschaften, die auch öffentlich vermittelt werden könnten, um die Position eines Klubs darzustellen. Neumann empfiehlt, demokratische Strukturen in Satzungen zu verankern, die auch für Platzanlagen und Vereinsgaststätten gelten sollten – so könne verhindert werden, dass rechte Gruppen Räume anmieten. gum

Von Gunnar Menkens

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