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Wie soll Hannover die Flüchtlinge verteilen?

Debatte um Unterbringungen Wie soll Hannover die Flüchtlinge verteilen?

„Schon jetzt lebt fast ein Viertel der Asylsuchenden Hannovers in Buchholz-Kleefeld“, sagt Bezirksbürgermeister Henning Hofmann (SPD). Im dicht besiedelten Bezirk Vahrenwald-List dagegen sind rund 300 Flüchtlinge einquartiert. Ist das gerecht? Werden einzelne Stadtteile besonders belastet?

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Wie verteilt man Flüchtlinge möglichst gerecht über die Stadt - und möglichst menschenwürdig dazu? Ankommende Asylbewerber am Messebahnhof Laatzen.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover. Wenn man einfach nur auf die Zahlen schaut, dann kann man schon die Frage nach der Gerechtigkeit stellen. Zum Beispiel: Im Stadtbezirk Buchholz-Kleefeld sind derzeit rund 800 Flüchtlinge untergebracht, etwa 730 allein im ehemaligen Oststadtkrankenhaus. Demnächst kommen weitere 600 dazu, wenn die Stadt Hannover das ­GHotel in Kleefeld kauft. „Schon jetzt lebt fast ein Viertel der Asylsuchenden Hannovers in Buchholz-Kleefeld“, sagt Bezirksbürgermeister Henning Hofmann (SPD). Im dicht besiedelten Bezirk Vahrenwald-List dagegen sind rund 300 Flüchtlinge einquartiert. Ist das gerecht? Werden einzelne Stadtbezirke oder gar Stadtteile besonders belastet?

In Wettbergen, noch so ein Beispiel, hat der Bezirksrat soeben dafür gesorgt, dass zwei Flüchtlingsheime nicht gebaut werden. Vorerst zumindest. Das kommt bei manchen Wettbergern gut an. „Je mehr Flüchtlinge an einem Ort zusammenleben, umso schwieriger wird die Integration“, sagt Khalid Taha. Der 55-Jährige steht unweit des neuen Flüchtlingsheims an der Tresckowstraße, und er weiß, wovon er spricht. Der Kurde kam 1988 nach Deutschland; er weiß, dass man ein Land erlernen muss wie eine Sprache. Dass Deutsche an einer roten Ampel tatsächlich stehen bleiben, wie man sich im Supermarkt bewegt - es ist ein komplexes Bündel an kaum merklichen kulturellen Eigenarten, die man beherrschen muss, will man dazugehören. Beim Lernen kann es hinderlich sein, wenn zu viele Flüchtlinge an einem Ort massiert sind: „Drei Unterkünfte - das wäre zu viel gewesen für Wettbergen“, sagt der Wettberger. „Es ist besser, die Flüchtlinge in der Stadt gut zu verteilen.“

Genau darüber ist in der Stadt eine Diskussion entbrannt. Im HAZ-Interview brachte Hannovers CDU-Chef Dirk ­Toepffer vergangene Woche eine Quotenregelung ins Gespräch. Alle Parteien im Rat sollten über einen Verteilungsschlüssel für Flüchtlinge nachdenken, schlägt er vor. Hannovers SPD-Vorsitzender Alptekin Kirci hält davon wenig, und auch die Stadtverwaltung will von einer Quotierung nichts wissen. „Die wäre in der Praxis kaum möglich“, sagt Stadtsprecher Andreas Möser. Denn bei der Unterbringung müsse man Rücksicht auf die vorhandenen Möglichkeiten nehmen, und die seien in einer Großstadt nicht gleichmäßig in allen Stadtteilen gegeben. „Wichtig ist es, die Bürger vor Ort zu informieren und Unterstützerkreise zu fördern“, sagt Möser.

Die Debatte ist nicht neu. Vor genau einem Jahr erhoben sich aus dem Bezirk Herrenhausen-Stöcken Stimmen, die nach einer gerechteren Verteilung von „Bedürftigen“ verlangten. Damals war es die SPD-Landtagsabgeordnete Thela Wernstedt, die in einem offenen Brief an ihren Parteigenossen Oberbürgermeister Stefan Schostok die Frage nach der „Verhältnismäßigkeit“ stellte. In dem nördlichen Stadtbezirk lebten 500 Menschen, „die es in ihren besonderen Bedürfnissen aufzufangen und zu begleiten gilt“, schrieb sie damals und erntete heftige Kritik aus ihrer eigenen Partei, aber auch vonseiten der CDU. Wernstedt spiele reaktionären Kräften in die Hände, polterten die Jusos, und CDU-Ratsfrau Georgia Jeschke riet: „Wir müssen die Notlage ein Stück weit aushalten.“ Jetzt greift die CDU das Thema wieder auf, ohne jedoch mit dem Finger auf einen bestimmten Stadtbezirk zu zeigen. „Ich erwarte, dass die Stadt die Verteilung im Gleichgewicht hält“, sagt CDU-Fraktionsvize Kerstin Seitz. Sie will dabei auch Obdachlosenunterkünfte berücksichtigt wissen.

Gleichgewicht ist so ein Stichwort, auch in Wettbergen: „Man soll Menschen in Not schon helfen, aber man darf einen Stadtteil auch nicht überfordern“, sagt eine Mutter, die ihr Kind von der Henning-von-Tresckow-Grundschule abholt. Wie die meisten hier findet sie es gut, dass der Bau von zwei Heimen vorerst ad acta gelegt wurde.

Als Alternativstandort ist unter anderem Oberricklingen im Gespräch - und dort ist nicht jeder begeistert: „Wettbergen ist teils doch besser betucht als Oberricklingen“, sagt eine 35-jährige Oberricklingerin: „Die Chance, dass es Ärger gibt, ist bei uns mindestens ebenso groß.“ Natürlich sei sie für eine gerechte Verteilung. „Aber was heißt schon gerecht?“, fragt sie: „Manche Stadtteile können doch mehr stemmen als andere.“ Soll die Bevölkerungszahl darüber entscheiden, wie viele Flüchtlinge ein Viertel bekommt? Oder die Zahl der Migranten, die dort schon leben? Das Pro-Kopf-Einkommen? Oder schlicht die Frage, wie viele freie Flächen es dort gibt?

In den Stadtbezirken fallen die Reaktionen unterschiedlich aus. Der Bezirksbürgermeister von Buchholz-Kleefeld erzählt, dass er bei jedem Termin auf die Flüchtlingsfrage angesprochen werde, und sei es bei einer Halloween-Party auf dem Kantplatz in Kleefeld. „Die Menschen haben Angst vor dem Unbekannten“, sagt Hofmann. Zugleich findet er, dass die Unterbringung von Flüchtlingen eine Gemeinschaftsaufgabe ist. Und wenn es in seinem Bezirk mehr freie Grundstücke und Gebäude gebe als in der List, dann sei das eben so.

Die Kinder der Henning-von-Tres­ckow-Schule, die unweit des neuen Flüchtlingsheims liegt, sehen der Zukunft gelassen entgegen: „In der Schule haben wir uns schon überlegt, was wir mit den Flüchtlingskindern spielen können“, sagt eine Drittklässlerin. „Am besten etwas, wo man kein Deutsch können muss - für den Anfang wäre Fangen prima.“

Von Andreas Schinkel und Simon Benne

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