Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -8 ° wolkig

Navigation:
Wirklich willkommen?

Serie "Gut angekommen?" Wirklich willkommen?

Viel ist von „Willkommenskultur“ die Rede, wenn es um die Flüchtlinge geht. Doch manchmal ist sie nur Fassade. Nicht jeder freut sich auf die Zuwanderer – und das hat Gründe.

Voriger Artikel
Zuschüsse für den Nahverkehr sind in Gefahr
Nächster Artikel
Die Welt auf’m Dorf

Tatsächlich helfen in Hannover Hunderte Menschen Asylbewerbern, sich im neuen Leben zurechtzufinden. 24 Flüchtlingsheime gibt es derzeit in Hannover, für elf Unterkünfte hat ein privat gegründeter Unterstützerkreis Nachbarschaften organisiert.

Quelle: Alexander Körner

Hannover. Die ältere Frau, die später eine Spur zu langsam behaupten wird, sie heiße Müller, trägt schwer an zwei Plastiktüten. Ein Großeinkauf beim Lidl, jetzt steht sie ein paar Meter weiter vor der Baustelle für das neue Flüchtlingswohnheim an der Treschkowstraße. Eingezäuntes Gelände, ein Kran, Blöcke im Rohbau, Gerüste drumrum, mindestens 50 Menschen sollen hier bald leben. In der Nähe Wohnblöcke und Eigentum in Reihe. Was sie von den künftigen Nachbarn halte? Sie stellt die Tüten ab. „Man hat genug Ausländer hier“, sagt sie, nicht einmal unfreundlich, „jetzt kommen wieder welche, aber was soll man tun?“ Wer wisse denn, was für Menschen das seien. Die Frage nach ihrem Namen, für ein Zitat in der Zeitung, beantwortet sie nach kurzem überlegen. „Müller“, sagt sie, nur Müller, nein, kein Vorname.

Wenn Frau Müller wirklich Frau Müller ist, dann hat sie eine Vorstellung von Willkommenskultur, die mit dem üblichen Gebrauch des Begriffs nichts gemein hat. „Willkommenskultur“ ist ein Wort, das Politiker und Bezirksbürgermeister in Stadtteilen gerne verwenden, wenn sie das freundliche Klima beschreiben, mit dem Einheimische Flüchtlingen begegnen. Der Begriff bedeutet wohl: Hilfsbereitschaft, Unterstützung, gute Nachbarschaft, Freude.

Tatsächlich helfen in Hannover Hunderte Menschen Asylbewerbern, sich im neuen Leben zurechtzufinden. 24 Flüchtlingsheime gibt es derzeit in Hannover, für elf Unterkünfte hat ein privat gegründeter Unterstützerkreis Nachbarschaften organisiert. Frauen und Männer, oft mit kirchlichem Hintergrund, kümmern sich ehrenamtlich um Flüchtlinge, sie geben Sprachkurse, begleiten Asylbewerber zu diesen fremden Behörden, bemühen sich, Beschäftigungen für die meist jungen Männer zu finden und Mütter und ihren Kindern das Leben zu erleichtern. Nach Spendenaufrufen werden Mitarbeiter in Heimen mit Kleidung, Spielzeug, Möbeln und Geräten überhäuft. Die viel zitierte Welle der Hilfsbereitschaft, sie existiert wirklich.

Furcht, dass alles noch schlimmer wird

Aber es gibt auch eine andere Welt. Wer von „Willkommenskultur“ spricht, behauptet oft eine Stimmung, die zwar wünschenswert wäre, die es in dieser Eindeutigkeit aber nicht gibt. Dort, wo Flüchtlinge leben und neue Unterkünfte gebaut werden, sind Proteste nicht selten. Auf Bürgerversammlungen führen Bürger regelmäßig Gründe an, warum Wohnheime gerade in dieser Nachbarschaft ungeeignet seien. Dazu kommt unterdrücktes Murren, das sich auf keiner Versammlung äußert.

Es sind die Müllers, die sich zu Hause nicht angesprochen fühlen von einer angeblich durchweg anzutreffenden Willkommenskultur. Bürger, die kaum wissen dürften, dass in solchen Worten ihre Wahrnehmung falsch beschrieben wird. Hannovers CDU-Chef Dirk Toepffer sagt: „Im Prinzip ist das eine Parallelwelt. Da gibt es eine Furcht, dass alles noch schlimmer wird.“ Toepffer schlägt vor, eine Beschwerdestelle einzurichten, an die Hannoveraner sich wenden können, wenn ihnen rund um Flüchtlingsunterkünfte etwas missfällt - anonym. Unbehagen, mindestens, ist die andere Seite der Willkommenskultur. Manchmal ist aber auch schwer zu sagen, gegen wen oder was sich das Unbehagen eigentlich richtet. Wie in Ronnenberg, wo ein Bolzplatz für Kinder einem Flüchtlingsheim weichen sollte. Da war der Protest, so oder so, gut begründet.

Dort, wo Landesbischof Ralf Meister in der Südstadt Büro und Wohnung hat, gibt es reichlich Platz. Genug jedenfalls, um Zimmer abzuteilen und Flüchtlinge unterzubringen. Meister ahnte nicht, was seine angebotene Hilfe neben viel wohlwollendem Lob seiner Christenmenschen noch auslöste: unflätige Post. Er hat es im Gedächtnis. Die Kirche mache sich zum Knecht, sie beteilige sich daran, diese Gesellschaft zu zerstören, wenn sie Muslimen helfe statt Christen. Post von Unbelehrbaren beantwortet Meister nicht. Wem er schreibt, dem schreibt er, dass die Kirche für alle Menschen da sei.

Aber Bischof Meister kommt viel herum, die beschworene Willkommenskultur erlebt er längst nicht überall. „Ich bin mir nicht sicher, ob die Stimmung wirklich so gut ist“, sagt Ralf Meister. Er berichtet von Menschen, die nicht mitkämen, so, wie sich ihre vertraute Umgebung verändere, die Fremdheit als Bedrohung empfänden. Er warnt davor, Verunsicherten eine Haltung aufzuzwingen, und predigt Ehrlichkeit: „Wir müssen lernen, offensiver mit Ängsten umzugehen. Belehrung hilft nicht weiter.“

"Stimmung könnte kippen"

Im ehemaligen Oststadt-Krankenhaus in Buchholz leben rund 600 Flüchtlinge, geplant war die Unterkunft für 300 Menschen. Der Großteil der Bewohner: Männer bis 30 Jahre. Es ist eine Sache, als hier auf einer Bürgerversammlung Flüchtlinge in Verdacht gerieten, für Diebstähle und einen Überfall verantwortlich zu sein - und diese Verdachtsfälle von der Polizei als unbegründet erledigt werden konnten. Die Geschichte dort geht weiter, in schlechten Momenten ist es eine Geschichte vom Misstrauen. Zwei Flüchtlinge stehen nun im Verdacht, in Wohnungen eingebrochen zu haben. Und ein Anwohner berichtet von regelmäßigen verbalen Belästigungen seiner Frau und ihrer Nachbarin von Gruppen junger Männer. „In dieser Häufigkeit und vor der eigenen Haustür so penetrant belästigt zu werden, das ist neu“, sagt ihr Ehemann. Auf Straßen und Grünanlagen liege mittlerweile mehr Müll als früher. „Die Wohnqualität leidet einfach“, sagt er und sieht die Akzeptanz des nahen Flüchtlingsheims „auf die Probe gestellt“.

Die Lage ist also nicht überall friedlich, möglich, dass sich an manchen Orten Fäuste in Taschen ballen. Landesbischof Ralf Meister sagt, die Stimmung könne kippen, wenn für Flüchtlinge so viel Geld ausgegeben werde, dass in einer Kommune gewohnte Leistungen gestrichen werden müssten. Ein geschlossenes Schwimmbad, vielleicht Turnhalle um Turnhalle, die Vereinssportlern fürs Training verschlossen bleibt.

Meister hegt den Verdacht, dass Hilfsbereitschaft ins Gegenteil umschlagen könnte, wenn weitere Jahre so viele Flüchtlinge wie bisher kommen. Meister ist ein zu nachdenklicher Mensch, um Patentlösungen zu präsentieren. Er glaubt aber: „Die zentrale Frage hängt mit Geld zusammen.“ Geld, das Kommunen für Unterbringung und Integration dringend benötigten. Um den wirklich Verfolgten helfen zu können, spricht sich Meister sogar dafür aus, diejenigen, die kein Anrecht auf Asyl haben, „zügiger abzuschieben“.

Und vielleicht hilft dem Zusammenleben, was in der Unterkunft Oberricklingen Frieden einkehren ließ. 200 Menschen hatten hier unterschrieben gegen die neuen Nachbarn an der Munzelerstraße. Dann kamen sie, ein Nachbarschaftskreis half enorm, und es kehrte Ruhe ein. Als es einige Male spät und laut wurde vor dem Heim, beschwerte sich ein Nachbar. Man sprach dann miteinander, ganz altmodisch. Seitdem, sagte ein Anwohner, sei es ruhig.

„Zwangsnähe“

Wo Kommunen in der Region Hannover Unterkünfte für Flüchtlinge planen und Bürgern über ihre Absichten berichten: das Interesse ist groß. Viele interessierte Helfer erscheinen auf Versammlungen, oft wird aber auch deutlich, dass Anwohner solche Unterkünfte, mit unterschiedlichen Gründen, ablehnen. Eine Auswahl.

Ronnenberg, Dezember 2014: Nachbarn sammelten 357 Unterschriften gegen den Neubau von Sozialwohnungen, in die Flüchtlinge einziehen sollen. Die Häuser sollen auf einem Bolzplatz entstehen, dessen Rasenkante direkt ans Garagenpflaster naher Reihenhäuser grenzt. Während Unterzeichner betonten, sie wollten für ihre Kinder den Bolzplatz retten, glaubten andere, es gehe ihnen allein darum, Flüchtlinge im Viertel zu verhindern, um Wohnqualität und Wert der Häuser zu sichern.

Bothfeld, August 2013: Die Stadt stellt Pläne für eine Flüchtlingsunterkunft am Eichenweg vor, rund 50 Menschen sollen hier leben. Auf einer turbulenten Bürgerversammlung tragen Anwohner Argumente vor, warum es gerade hier nicht gehe. Tenor: Niemand habe etwas gegen Flüchtlinge, aber ...! Von „Zwangsnähe“ ist die Rede. Befürworter des Heimes starten eine Onlinepetition, weil sie „schockiert“ waren, „mit welcher Heftigkeit“ die Nachbarschaft gegen die Pläne anging.

Ingeln-Oesselse, Mai 2015: Das privat betriebene Gästehaus Sleep In, eine Art Plattenbau auf Klinkern, soll demnächst für Flüchtlinge bereitstehen. Gegenüber gibt es Friseur, Fleischerei, Apotheke, Toto/Lotto. Eine Verkäuferin hat nichts gegen Flüchtlinge. „Das sind auch Menschen.“ Kunden seien mal dafür, mal dagegen. Man sorge sich wegen befürchteter Kriminalität, „man hört ja so viel“. Rechtsradikale Parteien werfen Post in Briefkästen, sie wollen mit Hass Punkte sammeln.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Aus der Stadt
Es war einmal in Hannover. Aber wo?

Auf in eine neue Runde: Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.

Briefwechsel zwischen Hannovers Grundschulen und der Queen

Queen Elizabeth ist eine treue Seele. Seit Jahren schon schreibt die britische Monarchin brav Antwortkarten an hannoversche Schulklassen, die ihr zum Geburtstag gratulieren. Oder: Lässt schreiben. Aber immerhin.