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Aus der Stadt Was tun mit Tyrannenkindern?
Hannover Aus der Stadt Was tun mit Tyrannenkindern?
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00:16 07.12.2016
Von Jutta Rinas
Wie geht man mit Tyrannenkindern um? Quelle: Julian Stratenschulte
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Hannover

Herr Brylla, als Leiter der Ausbildungsambulanz des Winnicott-Instituts haben Sie einen Überblick darüber, welche Sorgen Kinder heute am meisten drücken. Was für Kinder kommen am häufigsten zu Ihnen?

Die Bandbreite der Störungsbilder ist groß, oft kommen sieben- bis elfjährige Jungen. Sie fallen in der Schule im Klassenverband auf, weil sie besonders unruhig sind, sich schlecht konzentrieren können und ihre Affekte nicht im Griff haben.

Schildern Sie doch mal einen klassischen Fall.

Da kommt ein Junge, der erst einmal angepasst, ja schüchtern wirkt. Doch dann erzählen die Eltern, dass er ganz schnell ausrastet, wild um sich schlägt, in der Klasse dazwischenruft. Und der Junge sitzt bedröppelt da und sagt: „Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist.“

Was machen Sie dann?

Ich versuche, den Jungen zu entlasten. Ich gebe ihm in kindgerechter Form zu verstehen, dass Aggressionen zum Menschsein dazugehören, dass aber jeder lernen muss, sie zu kontrollieren. Und dass er das möglicherweise noch nicht richtig kann.

Wie wirkt das auf die Kinder?

Sie sind deutlich weniger beschämt. Sie möchten nämlich nicht immer das Gefühl haben, etwas stimmt mit ihnen nicht. In der Therapie erleben wir dann natürlich auch das Haltlose, Ungesteuerte, Ausbrüche von Wut.

Wie äußert sich das?

Ein Patient freut sich beispielsweise in der Therapiestunde, dass jemand nur für ihn Zeit hat, ist relativ ausgeglichen, konzentriert. Doch wenn das Stundenende angekündigt wird, kann es sein, dass er sagt, „zu dir, Blödmann, komm’ ich nie wieder“ - und gegen den Papierkorb tritt.

Warum macht er das?

Er kann es kaum ertragen, sich wieder zurückgesetzt zu fühlen, und fürchtet erneuten Kontaktverlust. Doch er wird Vertrauen gewinnen, wenn er regelmäßig kommt und verlässlich jemand für ihn da ist. Er braucht Orientierung, Klarheit. Besonders haltlose Kinder brauchen deutliche Strukturen. Sie reagieren letztlich erleichtert, wenn man ihnen Grenzen setzt.

Wann erleben Sie die Wut der Jungen noch?

Im Spiel, beim Toben und Kämpfen mit Schlagkeulen ...

... Sie geben wilden Kindern Schlagkeulen in die Hand?

Ja, natürlich. Wir haben auch Boxbälle und Ähnliches. Kinder müssen Ausdrucksformen ihrer Wut und Enttäuschung finden. Sie lernen im Therapieraum, mit ihren Aggressionen umzugehen. Beim Toben können Sie gerade bei haltlosen Kindern sehen, dass auch die Aggression überbordend ist. Die schießen dann einen Ball so heftig auf Sie, dass Sie sich verletzen könnten.

Und dann?

Dann müssen Sie Stopp sagen - und dem Kind klarmachen, dass es seine Aggressionen an diesem Tag noch nicht steuern konnte und Sie abbrechen mussten, damit niemand sich verletzt. Kinder nehmen die Keulen ja oft als Laserschwerter, weil dabei in ihnen ein innerer Film abläuft. Sie tauchen ganz ins Spiel ein. Wenn sie starke Mentalisierungsschwierigkeiten haben, fragen sie manchmal sogar beim Kämpfen: „Ist das jetzt eigentlich Spiel oder echt?“ Das ist eine seelische Störung, die mit Unruhe einhergehen kann: Die Kinder begreifen in diesem Fall den „Als-ob-Raum“ gar nicht als solchen.

Zur Person

Kurt Brylla ist 64 Jahre alt und arbeitet seit gut 30 Jahren im Winnicott-Institut als Dozent und Supervisor, er ist dort Fortbildungs- und Ambulanzleiter. Im Winnicott-Institut werden pro Jahr rund 300 bis 400 Säuglinge, Kinder und Jugendliche vorgestellt. In der Ausbildungsambulanz des Instituts arbeiten 60 Mitarbeiter. Die Einrichtung wurde 1951 als psychotherapeutisches Institut für das Land Niedersachsen gegründet, um der seelischen Not der Nachkriegskinder und der ihrer Eltern entgegenzuwirken.

Warum sind Kinder, die außer sich geraten, heute ein so großes Problem? Psychologen haben sogar das Wort von den Tyrannenkindern geprägt.

Es hat oft damit zu tun, dass Eltern ihren Kindern zu wenig Grenzen setzen. Nehmen Sie die Generation, die in der Schule und zu Hause noch gezüchtigt wurde. Sie hat sich mit Recht Freiheit und Friedfertigkeit auf die Fahne geschrieben. Dabei wurde manchmal vergessen, dass Kinder auch Grenzen brauchen.

Sie fordern also eine Rückkehr zu Autorität, Ordnung, Disziplin?

Nein, nicht nur. Kinder müssen auch frustriert oder wütend sein dürfen. Sie brauchen Freiräume, sollen ihre Aggressionen ruhig auch erforschen dürfen. Das haben wir früher beim Spielen draußen auch gemacht. Aber Eltern müssen die Aggressionen ihrer Kinder modellieren. Ein einjähriges Kind, das total wütend auf die Mama ist, braucht jemanden, der deutlich sagt: Jetzt ist es aber mal gut - und das Kind beruhigt.

Junge Eltern heute entstammen aber nicht mehr der 68er-Generation. Die Tyrannenkinder gibt es immer noch.

Die Tradition der mangelnden Grenzsetzung wurde leider weitergegeben. Ich erlebe häufig Eltern, die aus Harmoniebestreben nachgeben. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein elfjähriges Kind sagt: „Ich bin in der Familie der Bestimmer.“ Dann sage ich: Da müssen wir den Eltern aber helfen, Land zu gewinnen. Es gibt genauso Mädchen, die so sind. Die kommen mit fünf Jahren hierher - und sagen: „Ich bestimme über Mama.“ Sie leiden aber unter Angst- und Schlafstörungen und werden deshalb im Institut vorgestellt. Unbewusst merken sie aber, dass sie in Wahrheit eine starke Mutter brauchen, die sie schützt und Orientierung gibt.

Was raten Sie solchen Eltern?

Dass sie einen liebevollen und gleichermaßen konsequenten Erziehungsstil finden. Wenn Eltern im Geschäft ankündigen, sie kaufen keinen Lutscher, müssen sie dabei bleiben: auch wenn das Kind schreit oder die genervte alte Dame zwei Meter weiter sagt: „Seien Sie doch nicht so streng.“

Ist das der einzige Grund für die unruhigen Kinder?

Es gibt auch eine tiefer liegende Störung, die zu Unruhe und angeblichem ADHS führt, bis hin zu schweren Verhaltensauffälligkeiten. Kinder empfinden, das wissen wir aus der Säuglingsforschung, von Anbeginn an Freude, Stress, Angst. Sie können diese Gefühle aber noch nicht einordnen. Sie erleben sie als eine Art körperliche Sensation. Richtig einordnen können sie sie nicht. Das leistet erst die möglichst feinfühlige Reaktion der Eltern.

Sagen Sie mal ein Beispiel.

Ein Beispiel ist das erste Hungergefühl. Das Kind nimmt anfänglich nur verstärkt Regungen in der Bauchgegend wahr, wird unruhig. Schreit. Aber es weiß noch nicht, dass es Hunger hat. Das merkt es erst, wenn ihm die Mutter Milch gibt - und es dadurch ruhiger wird. Es macht die Erfahrung, dass es keine Angst zu haben braucht, wenn das Hungergefühl kommt, wenn es regelmäßig gestillt wird.

Interview: Jutta Rinas

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Familien haben künftig einen eigenen, großen Platz in der HAZ: Jeden Sonnabend finden Sie in Ihrer neuen Zeitung nun ein eigenes Buch, das mit „Familien“ überschrieben ist – mit Themen rund um Fragen der Erziehung. Hier finden Sie künftig ebenfalls die neue Rubrik „Familienzeit“. Auch die Familienanzeigen wandern vom Lokalteil in dieses neue Angebot der HAZ – so haben Sie alles Wichtige gleich auf einen Blick.   

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