Die ersten Schneeflocken des Winters, die am Donnerstagmorgen auf den Dächern der Häuser und Autos zu sehen waren, haben einen Sturm auf die Reifenhändler der Stadt ausgelöst. „Wir sind mit dem Beantworten der Anfragen gar nicht mehr hinterhergekommen“, sagte Fatih Aslan vom Autocenter Linden. Zeitweise hätten die Fahrzeuge sogar in Schlangen vor der Werkstatt gestanden. „Aber ohne Termin ist bei uns nichts zu machen, weil die Standardgrößen der Markenhersteller momentan nicht lieferbar sind“, erklärte Aslan. Lediglich Reifen chinesischer Fabrikanten seien problemlos erhältlich. „Aber die können wir eigentlich nicht empfehlen“, teilte der Reifenhändler mit.
Die Mitarbeiter der Firma Reifenprofi in der Südstadt arbeiten bereits seit rund acht Wochen in Sonderschichten. Auch in der Filiale in der Hildesheimer Straße sind Winterreifen knapp. „Sie werden gehandelt wie Gold“, sagte Thomas Köckeritz. Kunden müssten deshalb Preissteigerungen von bis zu 30 Prozent und mehr in Kauf nehmen. Bei bestimmten Fahrzeugtypen sei die Lage fast schon aussichtslos. „Für die Hinterachse beim smart oder den neuen 5er-BMW gibt es derzeit gar nichts“, so der Reifenprofi.
Bereits im Oktober hatten sich die Fachhändler über ein Umsatzplus von rund 20 Prozent freuen können. Damals zeigte offenbar die Ankündigung von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), Winterreifen zur Pflicht zu machen, Wirkung. In seiner Sitzung am Freitag wird der Bundesrat die Winterreifenpflicht aller Voraussicht nach beschließen.
Das neue Gesetz legt dann fest, welche Reifen bei welchen Straßenverhältnissen aufgezogen sein müssen – und was genau unter einem Winterreifen zu verstehen ist. Außerdem müssen die Autofahrer bei einem Verstoß künftig mit höheren Bußgeldern rechnen. „Wenn ein Autofahrer mit Sommerreifen erwischt wird, kostet das künftig 40 statt 20 Euro“, erklärte Richard Schild vom Bundesverkehrsministerium. Wer nachweislich andere Autofahrer, beispielsweise Rettungsfahrzeuge, wegen fehlender Winterreifen behindert, wird dann sogar mit 80 Euro zur Kasse gebeten. Außerdem bekommt er einen Punkt in der Flensburger Verkehrssünderkartei.
Trotz der derzeitigen Lieferschwierigkeiten bei den Winterreifen rät ADAC-Sprecherin Christine Rettig den Autofahrern, nichts zu überstürzen. „Niemand muss in Panik verfallen und 200 Euro mehr als sonst für seine Reifen bezahlen“, teilte Rettig mit. Es gebe mit Sicherheit noch genügend Potenziale, wenn nicht im Stadtgebiet, dann doch bei Händlern in der Region.
Nach Erkenntnissen des Automobilklubs hatten sich im vergangenen strengen Winter rund 80 Prozent der Autofahrer Winterreifen aufziehen lassen. Vor diesem Hintergrund zeigte sich Autohändler Ingo Blank von der Firma Erhardt Reifen in Anderten von dem gestrigen Ansturm auch auf sein Geschäft überrascht: „Ich hatte eigentlich gedacht, wir seien so gut wie durch für dieses Jahr, doch offenbar habe ich mich getäuscht.“
Tobias Morchner
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