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Warum demonstrieren Sie, Professor Ertmer?

Interview Warum demonstrieren Sie, Professor Ertmer?

Sonnabend gehen bundesweit Forscher für die Freiheit der Wissenschaft auf die Straße. Auch die Leibniz-Universität ruft Mitarbeiter und Studenten zur Teilnahme auf. Im Interview erklärt der 68-jährige Experimentalphysiker Wolfgang Ertmer, warum er mitmacht.

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Sonnabend forscht Prof. Wolfgang Ertmer nicht in seinem Labor für Quantenoptik, sondern geht demonstrieren. Foto: Schaarschmidt

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Herr Professor Ertmer, beteiligen Sie sich an der Demonstration unter dem Motto March for Science?

Ich unterstütze das absolut. Das Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft hat sich stark verändert. Dagegen müssen wir uns auflehnen.

Kam der Anstoß für die bundesweiten Demos aus den USA?

Das ist für uns der Ausgangspunkt. Unsere Kollegen in den USA müssen mit Donald Trump klarkommen. Die neue Regierung hat der staatlichen Umweltbehörde das Budget um 30 Prozent gekürzt. Das muss man sich vorstellen! 20 Prozent der Ausgaben für Medizin- und Gesundheitsforschung sind gestrichen, 10 Prozent bei der nationalen Wetterbehörde, die sich um Klimafragen kümmert. Das Budget der Nasa bleibt unverändert, aber sie soll sich nur noch auf den weiteren Weltraum konzentrieren und nicht auf Erdbeobachtung. Die Satelliten, die die Erde beobachten, sind aber extrem wichtig für die Klimaforschung. Sie registrieren Veränderungen am Eisschild, den Klimagasen und an der Temperatur.

Aber es ist nicht allein die Situation jenseits des Atlantiks, die Ihnen Sorge bereitet?

In Ungarn möchte Orban die Zentraleuropäische Universität schließen, weil sie ihm nicht willfährig genug ist. In der Türkei werden Wissenschaftler zur Emigration getrieben. Wenn uns das jemand vor einem Jahr erzählt hätte, hätten alle gesagt, der spinnt.

Was beunruhigt Sie besonders?

Wissenschaft lebt davon, dass sie offen ist. Sie braucht die Freiheit, sich ihre Themen selbst auszusuchen. Wir können uns nicht von Politikern vorschreiben lassen, an was wir forschen und an was nicht. US-Kollegen haben die Inhalte ihrer Server nach Kanada transferiert, aus Sorge, ihre Forschungsergebnisse könnten gelöscht werden. Das ist ein unglaublicher Vorgang.

Was wollen Sie mit dem March for Science erreichen?

Wir wollen demonstrieren, wie wichtig die Freiheit der Wissenschaft für eine Gesellschaft ist. Was zum Beispiel alles im Smartphone steckt, entstand, weil Wissenschaftler darüber nachdachten, wie Atome funktionieren. Sie entdeckten, dass unsere klassische Vorstellung von der Wechselwirkung zwischen Licht und Materie die Natur nicht richtig beschreiben kann, und entwickelten so die Quantenmechanik. Das sind Früchte einer Entwicklung, an deren Anfang sich Wissenschaftler selbst zweckfrei ein Thema gesucht haben.

Aber steuert die Politik durch die Forschungsförderung nicht auch bei uns in gewissen Maßen die Richtung, in die geforscht wird?

Selbstverständlich gibt es vordringliche gesellschaftsrelevante Fragestellungen, wie Altersdemenz, die globale Verfügbarkeit von Trinkwasser oder Sicherheit, die bestmögliche Wissenschaft brauchen. Daneben ist aber die freie, rein wissenschaftsgeleitete Forschung ebenfalls wichtig, um zu wirklich neuen, bisher unbekannten Horizonten zu gelangen. Wissenschaftler sollten selbst in der Diskussion mit der Gesellschaft beurteilen, was relevant ist und was Scharlatanerie.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass Wissenschaftler zu sehr um ihre eigenen Interessen kreisen?

Wir müssen besser erklären, was der Nutzen der Wissenschaft für die Gesellschaft ist. Das ist wahnsinnig wichtig, damit wir nicht in das gleiche Dilemma hineinlaufen wie die Politiker, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die Demokratie als Selbstverständlichkeit genommen haben. Nun haben wir diesen um sich greifenden Populismus.

Wie könnte ein Dialog mit Bürgern aussehen?

In den Niederlanden wurde vergangenes Jahr die Bevölkerung gefragt, woran ihrer Meinung nach geforscht werden sollte. Die Wissenschaftler haben sich daraufhin diesen Problemen zugewandt und versucht, die Anliegen der Bürger mit ihren Themen zu verbinden.

Machen Sie sich auch Sorgen um die Situation in Deutschland?

In Deutschland haben wir zurzeit die komfortable Situation, dass das gesamte Spektrum wissenschaftlicher und technologischer Forschung durch eine Vielzahl von Förderorganisationen abgedeckt wird, von der Max-Planck-Gesellschaft, der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Leibniz- und Helmholtz-Gemeinschaft, Fraunhofer-Gesellschaft bis zu Bundesforschungsministerium und Industrieforschung. Demnach hat auch bei uns die Wissenschaft eine Größenordnung erreicht, dass die Bürger und stellvertretend die Politik zurecht nach unserer Rolle in der Gesellschaft fragen.

Wirken die Einschränkungen in den USA auf Forscher in Deutschland zurück, weil ihnen nun Daten fehlen?

Langfristig machen wir uns schon Sorgen. Die Wissenschaft lebt von frei zugänglichen Datenquellen in allen Ländern und allen Bereichen; ebenso ist der freie Austausch von Wissenschaftlern und natürlich auch die freie Möglichkeit zur Überprüfung jeglicher Forschungsergebnisse extrem wichtig, auch um evidenzbasierte Grundlagen für Wissenschaft und auch die Politik zu liefern. Wissenschaft braucht Redundanz.

Kennen Sie betroffene Kollegen in den USA oder der Türkei?

In den USA habe ich jede Menge Kontakte, zu Nobelpreisträger Wolfgang Ketterle am Massachusetts Institute of Technology (MIT) oder Steven Shu in Stanford. Er ist Physiker wie ich, ein guter Kollege, Nobelpreisträger und war Energieminister bei Obama. Alle sind entsetzt über das, was vorgeht.

Wann haben Sie zuletzt für eine Sache demonstriert?

Oh, ich kann mich nicht erinnern. Ich bin jetzt 68 geworden. Das war in meiner Studentenzeit, so um 1970. Es ging gegen die Verkrustungen der Adenauer-Nachkriegsära. Es gab fürchterlich viele Tabus damals.

Interview: Bärbel Hilbig

Zur Person

Wolfgang Ertmer ist Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Der 68-jährige Experimentalphysiker arbeitet als Professor am Institut für Quantenoptik an der Leibniz-Universität und ist Sprecher des Laser Zentrums Hannover. Er beschäftigt sich mit der Entwicklung von atomaren Quantensensoren für die Erdvermessung per Satellit ebenso wie mit dem Einsatz von Lasern in der Medizin und Biophysik.

 

Weltweite Demos für Freiheit der Wissenschaft

Beim March for Science demonstrieren am 22. April weltweit an über 500 Orten Menschen für die Freiheit der Wissenschaft. Die Initiatoren klagen, dass es die Demokratie insgesamt gefährdet, wenn wissenschaftlich erwiesene Tatsachen geleugnet oder „alternativen Fakten“ als gleichberechtigt gegenübergestellt werden, um daraus politisches Kapital zu schlagen.
Die größte Demonstration wird in den USA in Washington erwartet, wo die Initiative ihren Anfang nahm. In Deutschland sind rund 20 Kundgebungen angemeldet, die jeweils von lokalen Gruppen dezentral organisiert werden. Die wahrscheinlich kleinste Demo läuft auf Helgoland. In Berlin beginnt die zentrale Veranstaltung Sonnabend um 13 Uhr an der Humboldt-Uni, in Göttingen startet eine niedersachsenweite Demo um 11 Uhr am Alten Rathaus. Dort spricht die niedersächsische Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajić. Nobelpreisträger, Forscher, Bürger und zahlreiche wissenschaftliche Einrichtungen haben sich als Unterstützer des March for Science in Deutschland eingetragen. Die Leibniz-Universität hat ihre Mitarbeiter und Studenten aufgerufen, am March for Science in Berlin oder Göttingen teilzunehmen. „Die Freiheit der Wissenschaft darf nicht zugunsten des Erreichens kurzfristiger politischer und wirtschaftlicher Ziele eingeschränkt werden“, sagt Uni-Präsident Volker Epping. Das gelte auch für die Wissenschaften, die nicht unmittelbar technisch und ökonomisch verwertbare Erkenntnisse hervorbringen. Epping selbst wird in Göttingen demonstrieren.

bil

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