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Aus der Stadt Zahl kiffender Jugendlicher in Hannover steigt
Hannover Aus der Stadt Zahl kiffender Jugendlicher in Hannover steigt
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00:32 17.03.2018
Mediziner und Sozialarbeiter sind durch die steigenden Zahlen kiffender Jugendlicher alarmiert. Quelle: dpa
Hannover

 Der jüngste Cannabis-Patient im Therapiezentrum Teen Spirit Island Auf der Bult ist erst zwölf Jahre alt. „Und er konsumiert bereits seit zwei Jahren“, sagt Leiter Frank Fischer. Gras sei eine beliebte Partydroge, außerdem sei sie an Schulen weit verbreitet. „Es würde mich nicht wundern, wenn die Hälfte aller Schüler in Hannover es zumindest schon einmal ausprobiert hat“, sagt Fischer. Die Gründe seien vielfältig: Manche kiffen gegen Prüfungsängste und zum Stressabbau, andere, weil es in Filmen und Serien vorgelebt werde. „Die Jugendlichen haben den Eindruck, es wäre gar nicht so schlimm“, sagt Fischer.

Die Zahl kiffender Jugendlicher in Hannover steigt. Laut Experten ist der Trend besorgniserregend, weil trotz des vermeintlich harmlosen Rufs von Cannabis gesundheitliche Schäden drohen. Schuld am Anstieg seien unter anderem die Legalisierungsdebatte und die Verharmlosung des Themas in der Unterhaltungsindustrie – aber auch der zunehmende Leistungsdruck an den Schulen. Sogar immer mehr Kinder greifen inzwischen zu Marihuana. Eine gesetzliche Freigabe sei daher nur mit Vorsicht zu befürworten.

Das bestätigt auch der Blick in die Kriminalstatistik der Polizei. 2013 lag die Zahl von Marihuanabesitzes und -verkaufs bei 3813, im vergangenen Jahr waren es bereits 4325 Fälle. 2016 ertappten die Ermittler 473 kiffende Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren, 2017 stieg die Zahl um 90 auf 563. Und sogar Kinder unter 14 Jahren konsumieren Cannabis: 20 Fälle registrierte die Polizei im vergangenen Jahr, der höchste Wert seit fünf Jahren.

Jenny Lehnert-Ott von der Suchtpräventionsstelle Prisma geht regelmäßig in Schulklassen und gibt dort Drogenworkshops. „Die Jugendlichen wissen inzwischen sehr viel über Cannabis“, sagt sie. Vor wenigen Jahren mussten die Schüler noch richtig aufgeklärt werden. „Mittlerweile ist in neunten und zehnten Klassen eigentlich immer mindestens ein Schüler dabei, der schon einmal gekifft hat und noch zwei weitere Freunde kennt.“ Den Trend beobachtet Lehnert-Ott seit etwa vier Jahren, als Marihuana in einigen Staaten legalisiert wurde. „Der Cannabiskonsum an den Schulen geht durch alle Schichten und durch alle Stadtteile“, sagt Lehnert-Ott. Sie müsse in jüngster Zeit immer häufiger Gerüchten in den Klassen entgegentreten, kiffen sei harmlos.

Folgeschäden durch jugendliches Kiffen

Dabei sind die Gefahren gerade für ein junges Gehirn immens. Lehnert-Ott warnt vor Problemen in der persönlichen und schulischen Entwicklung. Das Gras von heute habe auch einen deutlich höheren THC-Gehalt, „als es zum Beispiel in den 70er Jahren noch der Fall war“. Unter anderem das Kurzzeitgedächtnis leide unter dem Konsum. Fischer spricht ebenfalls von Folgeschäden durch jugendliches Kiffen. Intensiver und langanhaltender Marihuanakonsum führe zu Psychosen, Halluzinationen, Paranoia und Depressionen. „Die Gehirnreifung ist noch gar nicht abgeschlossen.“ Dies sei erst mit 25 Jahren der Fall – deutlich jenseits der Volljährigkeit, ab der Cannabis legalisiert werden soll. „Diese höhere Altersgrenze wäre ein akzeptabler Kompromiss für die Freigabe“, sagt Fischer.

„Alle kiffen“, sei eine der häufigsten Begründungen, die Eltern abhängiger Jugendlicher hören, sagt Ursula Schaffhausen. Nach Angaben der Vorsitzenden des Landesverbandes der Elternkreise Drogenabhängiger und -gefährdeter (LED) in Niedersachsen drehe sich „ein Großteil der Anfragen“ an ihren Verein um den Cannabiskonsum. Auch in Hannover können Eltern in einer Selbsthilfegruppe Erfahrungen austauschen und Hilfe finden. Oft melden sich die Angehörigen aber erst, wenn der Nachwuchs bereits seit Längerem kifft. „Irgendwann fällt es auf“, sagt die LED-Vorsitzende. Manchen Eltern sei das drogenabhängige Kind anfangs zudem unangenehm – laut Schaffhausen eine falsche Scham. „Die Eltern sind nicht allein.“

Cannabis auf Rezept

Cannabis ist seit einem Jahr in Deutschland als Arzneimittel freigegeben. Die Medikamente werden vor allem gegen Übelkeit bei Krebstherapien, bei Nervenschmerzen und zur Linderung von Multipler Sklerose eingesetzt. Die in den Präparaten enthaltenen Wirkstoffe sind nur für einen stark eingeschränkten Patientenkreis zugelassen. Insgesamt haben die Apotheken 2017 zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung rund 44 000 Einheiten Cannabis-Blüten abgegeben. „Die Tendenz war von Quartal zu Quartal steigend, sowohl bei Rezepten als auch bei den Abgabeeinheiten“, sagt Andreas Kiefer, Präsident der Bundesapothekerkammer. „Cannabisrezepturen sind also zumindest teilweise im Versorgungsalltag angekommen.“

Allerdings sehen einige Mediziner die Freigabe von Marihuana als Arzneimittel kritisch. Der Berufsverband Thüringer Schmerztherapeuten beklagt fehlende Vorgaben zum medizinischen Einsatz. Gänzlich ungeklärt sei zum Beispiel die rechtliche Frage der Fahrtauglichkeit. Der stark schwankende Wirkstoffgehalt erschwere zudem eine stabile Dosierung. Laut Apotheker Kiefer sagt hingegen, für die Patienten habe sich „viel verbessert“. Sie würden nicht mehr mit der Dosierung und Anwendung allein gelassen. Die Apothekerschaft habe „einheitliche Qualitätskriterien für Cannabisblüten definiert“ und Anwendungshinweise erarbeitet.

Von Peer Hellerling

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