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Aus der Stadt Flüchtlinge enttäuscht über Beschluss zum Familiennachzug
Hannover Aus der Stadt Flüchtlinge enttäuscht über Beschluss zum Familiennachzug
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00:15 07.02.2018
Einsamkeit, Perspektivlosigkeit, Heimweh: Auch das sind Gründe, weswegen Flüchtlinge freiwillig in ihre Heimat zurückkehren. Vermehrt sind darunter in der Region Hannover Syrer, deren Heimat wegen der andauernden Konflikte nicht als sicher gilt. Quelle: dpa
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Hannover

Hussein Mohamad weiß noch genau, wann er seine Familie das letzte Mal gesehen hat: Am 21. Juni 2015 hielt er seine Frau und seine beiden Kinder zuletzt in den Armen. Jetzt trennen sie rund 3000 Kilometer, denn seit zwei Jahren lebt der 42-jährige Syrer in Hannover. Mohamad ist in Deutschland ein Flüchtling mit eingeschränktem Schutzstatus. Das heißt, dass er keinen Asylanspruch hat, aber hier bleiben darf, solange in seiner Heimat Krieg herrscht. 

Mohamad hat sich gut in der Stadt eingelebt. Doch er vermisst seine Angehörigen. „Mein Herz tut weh, wenn ich mit meiner Familie telefoniere“, sagt er. Lange hatte die vierköpfige Familie ihr Zuhause in Aleppo. Aber dann kam der Bürgerkrieg, und Mohamad träumte von einer Zukunft in Deutschland. Frau und Kinder sind in seiner Heimatstadt Amude an der türkischen Grenze, als er sich auf den Weg nach Europa begibt. „Für meine Frau und meine Kinder wäre das viel zu unsicher gewesen“, erzählt Mohamad. 

16 Tage lang ist er unterwegs, bis er es über die Balkan-Route nach Deutschland schafft. Er übt in Hannover seinen Beruf als Heilpraktiker ehrenamtlich aus, arbeitet im Rathaus und engagiert sich bei der AWO. Am Donnerstag haben seine Hoffnungen auf einen Familiennachzug einen tiefen Dämpfer erhalten: Der Bundestag hat beschlossen, den Familiennachzug für Flüchtlinge mit subsidiärem Status weiter auszusetzen. Danach ist der Nachzug auf höchstens 1000 Kinder und Ehepartner pro Monat beschränkt. 

Fehlende Perspektiven

Es ist ein Thema, das viele Flüchtlinge beschäftigt und manche auch zu einem Umdenken bewegt. Ein Hinweis darauf ist, dass die Zahl der Flüchtlinge wächst, die wieder nach Syrien zurückkehren – auch aus der Region Hannover. Insgesamt 20 Syrer, darunter ganze Familien, aber auch alleinreisende Männer, seien 2017 mithilfe des Raphaelswerkes  trotz der anhaltenden Konflikte in dem Krisengebiet zurückgekehrt, sagt die Leiterin der hannoverschen Auswanderungsstelle, Magdalena Kruse. In Niedersachsen hat es Kruse zufolge 2017 insgesamt rund 50 syrische Rückkehrer gegeben. Das Raphaelswerk berät niedersachsenweit Flüchtlinge, die in ihre Heimat zurückgehen.  

Hussein Mohamad engagiert sich in Hannover, leidet aber unter der Trennung von seiner Familie. Quelle: Tim Schaarschmidt

Schwierigkeiten beim Familiennachzug gäben die meisten Syrer als Begründung an, sagt Kruse. Männer, die die Strapazen der Flucht allein auf sich genommen hätten, merkten, dass sie ihre Familie nicht nachholen können, und kehrten zurück, um sie zu unterstützen. Kruse vermutet, dass die Zahl der syrischen Rückkehrer nach der Entscheidung des Bundestags weiter steigen wird. Nezir Begovic von der AWO in Hannover, die Hussein Mohamad unterstützt, hält die Entscheidung für falsch: „Familiennachzug ist Integration“, sagt Begovic. Erst wenn die eigene Familie sicher sei, könnten Flüchtlinge in der Gesellschaft ankommen. 

Starthilfe für Rückkehrer

Es gebe auch syrische Flüchtlinge, die wegen fehlender Perspektiven zurückgingen, sagt Kruse vom Raphaelswerk.  Ein Familienvater sei mit drei Töchtern und einem Sohn nach Deutschland geflohen, weil er sich für sie hier eine gute, sichere Zukunft versprach. Weil die Kinder keine Chance auf ein Studium hatten, kehrte er zurück.  

Die Zahl der syrischen Rückkehrer in den Beratungsstellen häuft sich auch bundesweit. Der Bund zahlt unter bestimmten Bedingungen mittlerweile die Hälfte der Rückreisekosten. Dazu kommen noch einmal 1200 Euro Starthilfe für Syrer, die vor Abschluss ihres Asylverfahrens freiwillig ausreisen.

Das Land Niedersachsen übernimmt einem Erlass vom November 2017 zufolge unter bestimmten Maßgaben die andere Hälfte der Reisekosten. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) weigere sich bislang, die freiwillige Ausreise von syrischen Staatsangehörigen zu unterstützen, obwohl sie mit der Durchführung dieser Programme beauftragt sei, heißt es weiter. Der Grund: Eine sichere Rückkehr nach Syrien sei derzeit nicht zu gewährleisten. 

Insgesamt gingen in der Region Hannover im vergangenen Jahr 842 Flüchtlinge freiwillig in ihre Heimat zurück. In Hannover waren es nach Angaben der Regionsverwaltung 195, darunter vor allem Albaner, Georgier, Serben, Iraker und Türken. Aus den Umlandkommunen gingen nach Angaben der Region insgesamt 647 Menschen freiwillig zurück, darunter vor allem Balkanflüchtlinge. 

2016 hatte die Zahl mit insgesamt 1127 freiwilligen Rückkehrern (Stadt: 320, Umlandkommunen: 807) wesentlich höher gelegen. Die Differenz liege am Rückgang der Flüchtlingszahlen, hieß es vonseiten der Region. Ein Teil der Asylbewerber aus den Westbalkanstaaten habe überdies 2016 bei Rücknahme des Asylantrags und unverzüglicher freiwilliger Ausreise mit einem Arbeitsvisum wieder einreisen dürfen, sagte eine Stadtsprecherin. Diese gesetzliche Möglichkeit habe es 2017 nicht mehr gegeben.

Neue Sorgen 

Mohamad will die Hoffnung trotz allem nicht aufgeben. Aber er betrachtet die Situation seiner Familie mit großer Sorge. Durch die Militäroffensive der Türkei in Nordsyrien werde das Leben für seine Frau und seine Kinder noch unsicherer. Wie Mohamad selber sind auch sie Kurden. „Die Mauer ist gefallen, jetzt kommen bald die Soldaten“, berichtete sein Sohn ihm unlängst am Telefon. Wie es für sie alle weitergeht, weiß der 42-Jährige in Hannover nicht. 

Von Jutta Rinas

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