Kino, Kunst und Akrobatik – in der langen Nacht der Kirchen konnten die Hannoveraner am Freitagabend die Gotteshäuser ihrer Stadt einmal von einer ganz anderen Seite kennenlernen.
Bereits zum fünften Mal präsentierten die Gemeinden auf Initiative des evangelisch-lutherischen Stadtkirchenverbandes ein vielfältiges Programm von Musikdarbietungen über Theateraufführungen bis hin zu Gesprächsrunden mit Fußballprofis. Mehrere 10 000 Gäste besuchten die zumeist themenbezogenen Aktionen in den insgesamt 57 beteiligten Kirchen über verschiedene Konfessionsgrenzen hinweg. Rund 800 ehrenamtliche Helfer hatten das Programm monatelang vorbereitet. Eröffnet wurde die Nacht, die in diesem Jahr das Thema „Licht und Schatten“ behandelte, gegen 18 Uhr von Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann in der Marktkirche. Die lange Nacht solle ein besonderes Erlebnis sein, in der jeder lebendig zwischen den Kirchen pendeln und seinem eigenen Rhythmus folgen könne, meinte er. Als Spektakel wollte Heinemann das Programm aber nicht verstanden wissen. „Auch diese Nacht soll unter dem Gebet stehen“, betonte der Superintendent.
Besinnliche Atmosphäre: Küster Lutz Bierwisch entzündet Kerzen für die Lichtfeier in der Gartenkirche.
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Christian Burkert
Das katholische Gotteshaus, in dem Bands heute Songs und Poesie präsentieren, ist mit Dutzenden Scheinwerfern von innen illuminiert. Die Kirche strahlt wie ein bunter Kristall. Im vergangenen Jahr haben Missbrauchsfälle und der Rücktritt von Margot Käßmann wie Schatten über den Kirchen gelegen. „In dieser Nacht wollen wir zeigen, dass es auch viel Licht bei uns gibt“, sagt Sebastian Happe vom Pfarrgemeinderat.
Zehntausende ziehen in dieser fünften „Langen Nacht der Kirche“ von Gotteshaus zu Gotteshaus. Klassik und Kabarett, Tango und Theater, Literatur und Liturgie – die „Lange Nacht“ ist ein buntes Spektakel, bei dem die Gemeinden zeigen, wie lebendig und vielfältig Kirche ist. Mal fromm, mal fröhlich, immer bunt. Die Matthäikirche in Wülfel etwa ist so voll wie am Heiligen Abend, als Kabarettist Matthias Schlicht die „Damen und Herren vor mir, hinter mir und seitwärts“ begrüßt. Selbst im Altarraum drängen sich Besucher, als der Kabarettist über die Gewissensnöte eines Christenmenschen vorm Klingelbeutel witzelt: „Tu ich was rein? Nehm ich was raus?“
„Bei der Langen Nacht kommen auch viele Menschen zu uns, die sonst nicht kommen würden – das ist eine Chance, Hemmschwellen abzubauen“, sagt Jugendreferent Henning Großmann von der freikirchlichen Gemeinde der Baptisten am Döhrener Turm. Dass ein Gotteshaus auch als Sportstudio taugt, erleben die Besucher in der Christuskirche. Manager Jörg Schmadtke, Klubchef Martin Kind und Torwart Florian Fromlowitz von Hannover 96 erzählen dort über ihre Erwartungen für die neue Saison. Dahinter verdeckt eine Torwand den Altar, Scheinwerfer erleuchten in der ansonsten abgedunkelten Kirche die Talkrunde wie Flutlichter das Stadion. Um den Glauben geht es eher am Rande. Ob 96 neuen Spielern hilft, einen Platz in einer hannoverschen Kirche zu finden, will Pastor und Moderator Hans-Christof Vetter wissen. Nein, sagt Schmadtke. „Aber wir haben einige sehr gläubige Spieler, denen die Ausführung ihres Glaubens natürlich frei steht.“
Kind zeigt sich optimistisch für die neue Saison: „Ich glaube, dass wir noch einige Überraschungen erleben werden. Das Auditorium applaudiert. Manche sind im 96-Trikot gekommen. An diesem Abend geht das in der Christuskirche. In der Andacht singt die Gemeinde sogar das Vereinslied „96, alte Liebe“.
Kerzenschein und besinnliche Musik erwarten die Besucher in der Gartenkirche. Hierher, zum Lichtfest, sind vor allem ältere Menschen gekommen. „Licht spielt im Christentum eine große Rolle und das Thema passt wunderbar zur langen Nacht der Kirchen“, sagt Pastor Herbert Naglatzki. Mit klassischen Kirchenliedern und Gesängen aus Taizé finden die Anwesenden zur Ruhe. Anja Kobus nimmt fast jedes Jahr an der Langen Nacht teil. Ihr Begleiter Uwe Bösenberg ist heute zum ersten Mal dabei. „Wir finden es klasse, dass die Kirche so zum Veranstaltungsort wird. Das macht sie lebendiger“, finden beide. Bleiben werden sie heute auf jeden Fall länger.
Simon Benne, Stephan Fuhrer und Isabel Christian