„Rückt noch zusammen.“ Diese Bitte von Moderator Lothar Pollähne war räumlich gemeint, Tausende füllten schon den Klagesmarkt, als immer noch mehr Gewerkschafter zur DGB-Kundgebung „Bunt statt Braun“ drängten.
Doch ungewollt traf sie den Sinn der Versammlung: Gemeinsam zeigten rund 15.000 Menschen Flagge gegen Rechtsextremismus. Was wörtlich zu verstehen war. Ob Liberale oder Linke, Protestanten oder Katholiken, Jung oder Alt, Arbeiter oder Angestellte, viele hielten Transparente und Fahnen hoch.
Und mitten in der Menge standen Yazid Shammout und Michael Fürst bei-einander. Eigentlich geht das nicht, der eine ist Vorsitzender der Palästinensischen Gemeinde, der andere steht der Jüdischen Gemeinde in Hannover vor. Aber sie verständigten sich, an diesem Tag alles Trennende der Weltgeschichte einfach zu ignorieren, um zusammen gegen Neonazis zu demonstrieren.
„Eine großartige Geste“, sagte Oberbürgermeister Stephan Weil, und der Klagesmarkt klatschte einen stillen, beinahe andächtigen Beifall. Juden und Palästinenser kamen ins Gespräch. „Sehr bemerkenswert“, fand Shammout. Fürst sagte, alles sei „sehr, sehr gut“ gewesen. Man trifft sich erneut und hat schon ein Thema: Schicksalen der anderen zuzuhören.
Die zwei Hauptpersonen an diesem ungewöhnlichen „Tag der Arbeit“ zwischen Weltwirtschaftskrise und Nazi-Bedrohung aber waren der regionale DGB-Vorsitzende Sebastian Wertmüller und Hannovers Polizeichef Uwe Binias. Der stand am Freitagmorgen in grauem Anzug am Rand der Bühne und hatte durch eine sorgfältige juristische Begründung verhindert, dass Rechtsextreme überhaupt nach Hannover kommen durften. „Die ganze Stadt ist Ihnen dankbar“, sagte Weil.
Binias tippte sich an eine imaginäre Mütze, es war sein Gruß zurück nach oben auf die Bühne. Da wusste der Präsident noch nicht, dass es abends am Hauptbahnhof doch noch tagesbedingt Arbeit geben sollte: Beamte mussten linke Randalierer in Schach halten. Wertmüllers Ehrgeiz, eine sichtbare Kampagne gegen Rechtsextreme zu organisieren, hatte gleichfalls Erfolg. Sie zeichnete erneut das Bild einer Stadt, die Neonazis nicht gleichmütig gegenübersteht. Aber Wertmüller hat auch ein Scharmützel mit Binias nicht vergessen.
Der Präsident hatte Aktivisten, die Neonazis am ZOB umzingeln wollten, in die Nähe von Straftätern gerückt und damit auch Wertmüller gemeint. Der antwortete von der Bühne herunter: „Man muss sich nicht an Umzingelungen beteiligen. Aber man soll diejenigen, die das machen, nicht in Misskredit bringen.“ Ein Streit der Vergangenheit. Gegenwärtig haben Mitarbeiter von Continental und Gilde handfestere Sorgen, ein lang gestrecktes Ruderboot vor der Bühne erinnerte daran, dass es am Tag der Arbeit im Jahr 2009 wirklich um Existenzen geht.
Ministerpräsident Christian Wulff, trotz roter Nelke und DGB-Anstecknadel am Pullover mit Pfiffen bedacht, sagte, „jedes Unternehmen, das in Hannover produziert, hat eine Verantwortung für den Standort“. Er näherte sich dem Publikum an, aber Wulff verspielte alles mit der Bemerkung, in seiner Regierungszeit würden so viele Gesamtschulen genehmigt wie nie zuvor. Empört pfiffen zahlreiche Gewerkschafter, besonders laut war es in der GEW-Ecke. Wulff blieb bei seinem Text, er pries Betriebsräte: „Niedersachsen kann stolz auf seine Gewerkschaften sein.“ Ein Lob, über das gewerkschaftsintern vielleicht zu reden sein wird.
Oberbürgermeister Weil reihte den Conti-Vorstand in scharfem Kundgebungston in die Reihe schlechter Managementbeispiele ein. „Es ist nicht akzeptabel, wenn in Basta-Manier mal eben ein Standort geschlossen wird.“ Vom Conti-Vorstand war allerdings niemand zu sehen. Wertmüller hätte ihm noch gesagt, dass es in der Krise keine Entlassungen geben dürfe.
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Kommentare
Armselig Thorsten – 03.05.09
Diese scheinheilige Allianz aus CDU, DGB und Antifa hat angesichts der uns bevorstehenden, schwersten Finanzrise unsere Geschichte nichts anderes zu tun als "gegen rechts" zu demonstrieren. Einfach nur armselig und lächerlich.Schöne Maikundgebung Alberich – 03.05.09
Wie war das? Die bösen Nazis durften nicht demonstrieren, weil sich ihre Veranstalter nicht eindeutig genug von Gewalt distanziert haben sollen.Und jetzt dieser Satz von der DGB-Seite:
„Man muss sich nicht an Umzingelungen beteiligen. Aber man soll diejenigen, die das machen, nicht in Misskredit bringen.“
Merken Sie was, liebe Leser? Das war´s mit Ihrer geliebten Demokratie.
Ach und noch ein Tip für Angela: Bitte suchen Sie doch mal nach eigenen Formulierungen und schreiben sie nicht von der sogenannten Antifa ab.
Rechts? Links? Markus – 03.05.09
Was ich nicht verstehe, dass das Ganze "gegen rechts" heißt. Es gibt ja vor rechtsradikal noch eine Menge Platz, wo man Bürger mit rechten Ansichten findet, die nicht zu verteufeln sind.Müsste es nicht eher "gegen Extremisten" heißen, die es übrigens auch auf der "linken" Seite gibt?
Ich hab' manchmal das Gefühl, dass wir auf Grund unserer - zu Recht - sehr gepflegten Vergangenheit auf dem linken Auge ein wenig blind sind ...
Christian Wulff Marc – 02.05.09
Christian Wulff auf einer Gewerkschaftsdemo... so sehen Interessenvertreter von Arbeiter_innen ausSuper! Angela – 02.05.09
Darauf kann Hannover stolz sein, was für ein breites Bündnis wir hier mobilisieren konnten.Danke Kollege Sebastian Wertmüller; danke Ministerpräsident Wulf und danke an alle bürgerlichen und proletarischen Kräfte, die es ermöglicht haben, den Naziaufmarsch zu verhindern.
Die wütenen Kommentare der Nazis sind ein klarer und eindeutiger Beweis, dass wir alles richtig gemacht haben.
Jetzt heißt es in ganz Deutschland Naziaufmärsche zu verhindern und alle faschistischen Organisationen zu verbieten.
Vorwärts, für eine antifaschistische und demokratische Neuorientierung unserer Heimat!
Linkes Gesocks Heinrich Wolff – 02.05.09
Kommentar von HAZ.de gelöscht.DGB = Arbeiterverräter Gerhard – 02.05.09
Die Mitarbeiter von Conti und Gilde brauchen dringend unterstützung und der DGB hat nichts besseres zu tun als gegen nicht anwesende "Neo-Nazis" zu demonstrieren und Kriminelle in Schutz zu nehmen. Damit machen die Funktionärsbonzen des DGB ihrem Ruf als Arbeiterverräter mal wieder alle Ehre.Jubel Klaus – 02.05.09
Die etablierten Politiker und Funktionäre stehen auf oder vor der Bühne und das Volk huldigt Ihnen.Die Demo der Opposition wurde schon im Vorfeld verboten und alle jubeln darüber. Wohlgemerkt, wir sind hier nicht in Nordkorea sondern in Hannover. Ich finde das alles sehr beängstigend