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Aus der Stadt Zeitzeugen erinnern sich an die Flucht
Hannover Aus der Stadt Zeitzeugen erinnern sich an die Flucht
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00:18 03.09.2017
Von Simon Benne
Boom im Baugewerbe: der Wiederaufbau der Marktkirche im Jahr 1950. Quelle: HMH Hauschild
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"Mussten nehmen, was wir bekamen"

Wir hatten weder ein Zuhause noch eine sichere Zukunft – nur den einen Wunsch, uns nützlich zu machen und jede Arbeit anzunehmen, um niemandem zur Last zu fallen. In Schlesien hatte ich eine Fleischerlehre begonnen, die ich gerne zu Ende gemacht hätte. Leider wurde nichts daraus. Beim Arbeitsamt in Springe sagte man mir, dass alle Stellen, die irgendwie mit Essen zu tun hatten, vergeben seien: Ich solle mein Glück in der Landwirtschaft oder auf dem Bau versuchen. Also arbeitete ich in einer Gärtnerei, in einer Holzgroßhandlung und schließlich bei einem Viehkaufmann. Nach der Währungsreform wollte dieser mir nur noch 45 D-Mark im Monat zahlen, bei einer Arbeitszeit von meist zwölf Stunden täglich. Ich kündigte und machte eine Umschulung zum Betonwerker. Im Betonwerk blieb ich bis zu dessen Konkurs 1973, dann ging ich in einen Metallbetrieb, zur Wabco in Linden. Wir Vertriebene mussten beruflich oft nehmen, was wir bekamen und durften nicht wählerisch sein.

Horst Walter, Jahrgang 1930, aus Schlesien Quelle: Eberstein

Luftschutzraum wird zur Wohnung

Unsere Mutter wollte unbedingt eine Wohnung in der Stadt haben; auch, weil sich dort bessere berufliche Möglichkeiten boten: „Wir sind jetzt arm, aber ich will, dass ihr da rauskommt, deshalb müsst ihr Abitur machen!“, schärfte sie uns immer wieder ein. Wir kamen im Keller eines zerstörten Hauses unter – in einem Luftschutzraum. Das Haus hatte kein Dach mehr. Bei Regen mussten wir unzählige Gefäße aufstellen, um es trocken zu halten. Für unsere Mutter bedeutete der Wechsel aus einem gutbürgerlichen Haushalt in diese Kellerwohnung eine Demütigung. Unsere Eltern hatten in Ostpreußen ein Geschäft für Büromöbel gehabt. Es fiel ihr auch schwer, sich nach den Anweisungen anderer zu richten. Trotzdem arbeitete sie halbtags in einem Obstgeschäft. Der Wille, wieder aufzusteigen, war groß.  Mein Bruder und ich studierten nach dem Abitur tatsächlich.

Inge Burmester, Jahrgang 1939, aus Ostpreußen Quelle: Heidrich

Verbotener Verkauf von Maiglöckchen

Wir waren noch Kinder, aber im Mai 1946 beschlossen meine Geschwister und ich, selbst Geld zu verdienen. Wir pflückten Maiglöckchen, banden kleine Sträuße und fuhren mit der Straßenbahn von Lehrte nach Hannover. In der Bahnhofstraße begannen wir auf dem Bürgersteig mit dem Verkauf. Der Absatz war gut; wir hatten schon die Hälfte verkauft, als plötzlich ein gut gekleideter Mann vor uns stand. Wir sagten ihm, dass wir Flüchtlingskinder etwas Geld verdienen wollten, doch er verlangte unseren Gewerbeschein zu sehen. Er verbot uns den Verkauf und ordnete an, dass wir die Blumen und unser Geld im Tiefgeschoss des Hauptbahnhofs beim Roten Kreuz abliefern sollten. Eine nette Dame ließ uns dort das Geld und schickte uns heim. Wir waren erleichtert, doch unsere Mutter hatte Tränen in den Augen.

Lothar Stolla, Jahrgang 1934, aus Ostpreußen Quelle: Krajinovic

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1. Wie Vertriebene sich ein Leben erarbeiteten
2. Wie ein ganzes Unternehmen nach Laatzen kam
3. Interview: Was macht die Flucht mit den Menschen?
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