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Zeugin liebt den Peiniger ihrer Eltern

Prozess Zeugin liebt den Peiniger ihrer Eltern

Die Tochter der Opfer verblüffte mit ihrer Aussage gestern die Prozessbeteiligten und Zuschauer im Landgericht Hannover: Sie liebt den Angeklagten, obwohl er ihre Eltern fast getötet hätte.

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Der Angeklagte Bertram M. beim Prozessauftakt im Landgericht Hannover.

Quelle: Elsner

Hannover. Ganz ehrlich, sagt die Frau im Zeugenstand und sieht zum Angeklagten: „Ich liebe ihn immer noch.“ Ob das, was er ihren Eltern angetan habe, kein Problem für sie sei?, hakt der Vorsitzende Richter des Schwurgerichts nach. Natürlich sage ihr der Verstand etwas anderes, erklärt die 47-Jährige, schließlich habe Herr M. ihre Eltern fast getötet. „Aber mein Herz sagt das Gegenteil.“ Auf dem gleichen Platz wird später noch eine weitere Freundin des Angeklagten ihre Zuneigung zu ihm bekunden.

Aber vor allem die Tochter der Opfer verblüffte mit ihrer Aussage gestern die Prozessbeteiligten und Zuschauer im Landgericht Hannover. Bertram M., mit dem die Zeugin nach eigenen Angaben noch immer liiert ist, ist wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung und erpresserischen Menschenraubes an ihren Eltern angeklagt. Bei dem mehrfach einschlägig vorbestraften Gewalttäter geht es auch um eine mögliche Sicherungsverwahrung.

Die Tat in Garbsen krönt eine Serie von brutalen Übergriffen: Im November 2010 soll er die beiden Rentner, 69 und 71 Jahre alt, in deren Einfamilienhaus gefesselt und stundenlang gefoltert haben. Dann war er mit ihrem Auto und der ec-Karte geflüchtet. Die noch schwer traumatisierten Opfer hatten jüngst ausgesagt, welche Qualen und Todesängste sie erlitten hatten. Sie kamen gestern nicht zur Verhandlung.

Die Tochter beschreibt den 41-Jährigen als liebevollen und verständnisvollen Menschen. Sie habe ihn über das Internet kennengelernt, nach kurzer Zeit habe er sie besucht. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, schwärmt sie. „Wir haben uns super verstanden.“ Schon nach wenigen Wochen sei er in ihre Wohnung im Elternhaus eingezogen. Ihm zuliebe habe sie Drogen und Tabletten, von denen er ihrer Meinung nach abhängig war, besorgt und bezahlt. Auf den Hinweis, dass sie sich damit selbst belaste, winkt die Zeugin ab. Sie gebe sich ja auch selbst die Schuld an dem Vorfall.

Zwei Wochen vor der Tat hatte Bertram M. das Auto der Eltern und weitere Gegenstände gestohlen. Sie habe dies gewusst und ihn angezeigt, später habe sie den Flüchtigen dennoch bei sich im Elternhaus versteckt. „Wir wollten noch Weihnachten und meinen Geburtstag zusammen verbringen, dann wollte er sich der Polizei stellen“, erklärt sie. Doch während sie einige Tage im Krankenhaus behandelt worden war, hatte Bertram M. ihre ahnungslosen Eltern überwältigt.

Immer wieder kommt es zu Blickkontakt zwischen der Zeugin und dem Angeklagten. Mal guckt er zerknirscht, dann zwinkert er ihr dankbar zu oder deutet ein aufmunterndes Nicken an. Als die nächste Zeugin eintritt, versinkt Bertram M. förmlich hinter der Ballustrade. Die 35-jährige dreifache Mutter hat offenbar viel gemein mit ihrer Vorrednerin, auch sie ist eine deutlich übergewichtige Frau mit langen schwarzen Haaren. Auch sie war von einem gewalttätigen Expartner enttäuscht worden, auch sie war im Internet auf der Suche nach einem neuen Lebenspartner. Auch sie traf dort auf Bertram M.

Für einige Monate hatten sich die Beziehungen überschnitten, der 35-Jährigen hatte er erzählt, er lebe bei seiner Schwester und seinen Eltern in Garbsen. Wegen seines Drogenkonsums habe sie sich von ihm getrennt. Kurz vor der Tat seien sie sich wieder näher gekommen. „Ich wäre wieder etwas mit ihm eingegangen“, sagt die Hausfrau. Und auch, dass sie ihm schreibe und im Gefängnis besuche. Sie klingt dabei ebenso unbeirrbar wie die Tochter der Opfer.
Der Prozess wird am 29. Juni fortgesetzt.

Sonja Fröhlich

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