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„Ich dachte nur: Der will mich erschießen“

Prozess um Supermarkträuber „Ich dachte nur: Der will mich erschießen“

Monatelang sorgte der Supermarkträuber bundesweit für Angst und Schrecken - vor allem Kassiererinnen fürchteten sich vor dem Unbekannten. Am zweiten Tag des Prozesses gegen den monatelang gesuchten Mann dreht sich im Landgericht Hannover alles um die brutalste Tat – der tödliche Schuss auf einen Kunden.

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Im Prozess gegen einen im Juni gefassten 42-Jährigen geht es am zweiten Verhandlungstag um den Mord an einem Kunden.

Quelle: dpa

Vor mehr als einem Jahr fielen im Stöckener NP-Supermarkt in der Weizenfeldstraße die tödlichen Schüsse auf den 21-jährigen Joey K. Doch der Kassiererin Gabriele S., die am Dienstag als Zeugin im Prozess gegen den mutmaßlichen Schützen Marek K. vor dem Landgericht Hannover aussagte, sind die Geschehnisse vom Abend des 4. Dezember 2014 noch so präsent wie unmittelbar nach der Tat. Eindrucksvoll schildert sie vor der Schwurgerichtskammer, wie sie den Raubmord erlebt und welche Folgen die Tat für sie gehabt hat. „Ich habe einen Schutzengel gehabt, der mir im richtigen Moment gesagt hat, dass ich flüchten soll“, sagt S. vor Gericht.

Kurz vor Ladenschluss saß die 52-Jährige an jenem Tag an einer der Kassen des Supermarktes und sortierte EC-Belege. Die Kassenschublade war deswegen geöffnet. „Plötzlich spürte ich den Lauf einer Pistole an meiner Stirn“, erinnert sich die Verkäuferin. „Gib mir die Scheine hier rein“, soll der Mann mit der Waffe, der an der Kasse stand und bei dem es sich nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft um Marek K. gehandelt hat, zu ihr gesagt haben.

„Ich dachte nur: Der will mich kriegen, packen, erschießen"

Der Täter hielt ihr einen Beutel hin, und Gabriele S. verstaute zunächst die 5-, dann die 10- und schließlich die 20-Euro-Scheine darin. Daraufhin verlangte der etwas pummelige Mann mit dem osteuropäischen Akzent auch noch nach den 2-Euro-Münzen. Insgesamt, so stellte die Kripo im Verlauf der Ermittlungen fest, landeten rund 830 Euro in dem Beutel. Doch die Beute ließ der Täter nach den tödlichen Schüssen im Supermarkt zurück.

Der 21-jährige Joey K. muss den NP-Markt genau in dem Moment betreten haben, als die Kassiererin damit begann, die Münzen in den Beutel zu füllen. Der junge Mann wollte lediglich sein Leergut abgeben, als er Zeuge des Verbrechens wurde. Unklar bleibt, ob er gesehen hat, dass der Mann an der Kasse bewaffnet war oder nicht. Fest steht, dass er nicht lange zögerte und Gabriele S. zu Hilfe eilte. „Ich habe aus den Augenwinkeln gesehen, wie er zur Kasse kam und den Täter mit seiner Tasche geschlagen hat“, sagt die Kassiererin. Andere Zeugen berichten später, im Eingangsbereich des Supermarktes hätten zahlreiche leere Flaschen gelegen.

Zwischen Joey K. und dem Räuber entstand ein Gerangel, sagt die Kassiererin vor Gericht. Die 52-Jährige selbst nutzte das aus und rannte Richtung Lager des Marktes davon. Im Laufen hörte sie, wie ein Schuss fiel. Todesangst ergriff sie. „Ich dachte nur: Der will mich kriegen, packen, erschießen – ich wäre ja die einzige Zeugin gewesen“, sagt Gabriele S.

Lange Krankschreibung und Traumatherapie

Die Ermittlungen der Kripo sollten später ergeben, dass der Schuss nicht der 52-Jährigen galt. Der Supermarkt-Räuber hatte auf Joey K. geschossen  – zweimal. Ein Projektil traf den jungen Mann im Bereich der Schulter, ein weiterer Schuss traf den Helfer gezielt in die Schläfe. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wäre jeder der beiden Schüsse für sich genommen tödlich gewesen. Ein Querschläger soll zudem einen 30-Jährigen, der sich dem Markt näherte, am Oberschenkel verletzt haben.

Von ihrem Versteck im Lager gelang es der Verkäuferin, sich in die Umkleidekabine zu schleichen. Dort hatte sie wie immer ihr Handy aufbewahrt. Doch der Schock unmittelbar nach der Tat saß offenbar zu tief: „Ich hatte zwar mein Handy, aber ich konnte einfach nicht die Polizei rufen“, berichtete S. dem Gericht. Erst als es im Verkaufsraum mehrere Minuten lang vollkommen still war, fasste die Kassiererin all ihren Mut und ging nach draußen. Im Verkaufsraum entdeckte sie die Leiche von Joey K. zwischen den Kassen, außerdem zwei weitere Zeuginnen, die den Markt nach den tödlichen Schüssen betreten hatten.

Gabriele S. arbeitet heute wieder als Kassiererin in einem Supermarkt, allerdings nicht mehr in Stöcken. Nach der Tat war sie lange krankgeschrieben, war in der Reha und machte eine Traumatherapie. „In der ersten Zeit konnte ich mich nicht einmal in die Nähe von Stöcken begeben, ohne Angst zu bekommen“, sagt sie vor Gericht. Die Tat vom 4. Dezember 2014 war bereits der zweite Überfall, den S. in ihrem Arbeitsleben miterleben musste – in beiden Fällen kamen die Täter aus Osteuropa. Die Überfälle haben bei ihr Spuren hinterlassen. „Wenn heute Osteuropäer zu mir an die Kasse kommen, bekomme ich Angst.“

Der Angeklagte Marek K., dem in diesem Verfahren insgesamt 24 Raubüberfälle zur Last gelegt werden, verfolgt die Ausführungen der Kassiererin, mit Unterstützung einer Dolmetscherin, in stoischer Ruhe. Er hat sich bislang nicht zu den gravierenden Vorwürfen geäußert. Der Prozess wird heute fortgesetzt. Es ist nicht zu erwarten, dass der 42-Jährige K. dann sein Schweigen bricht.

Die lange Jagd nach dem Räuber

4. Dezember 2014: Kurz vor Ladenschluss um 20 Uhr fallen im NP-Supermarkt in der Weizenfeldstraße nach einem Überfall mehrere Schüsse. Ein 21-Jähriger stirbt, ein 30-Jähriger wird schwer verletzt. Der Täter flüchtet auf einem Fahrrad.
18. Dezember 2014: Spezialkräfte der Polizei nehmen im nordrhein-westfälischen Hamm einen 48-Jährigen fest, auf den die Beschreibung des Stöckener Raubmörders passt. Doch der Mann hat ein wasserdichtes Alibi für die Tatzeit und kommt wieder frei.
16. Januar 2015: Die Raubserie auf Supermärkte geht weiter. Die Masche ist immer die gleiche: Der Täter sucht sich ein Objekt nahe einer Autobahn, kommt meist kurz vor Ladenschluss und ist in der Regel bewaffnet.
Juni 2015: Die Theorie der Ermittler, der Supermarkträuber suche sich Objekte entlang der Autobahn 2 aus, bekommt einen Dämpfer. Innerhalb von wenigen Tagen werden drei Märkte in Bayern, entlang der Autobahn 9 überfallen – die Vorgehensweise gleicht den übrigen Taten haargenau.
25. Juni 2015: Auf einem Autobahnrastplatz bei Dresden überwältigt die Polizei den 42-jährigen Marek K. aus Polen. An dem Zugriff sind mehrere Spezialkräfte aus verschiedenen Behörden beteiligt. Einen Tag zuvor war K. über die polnische Grenze nach Cottbus gereist. Die Polizei war ihm nach der Auswertung von rund drei Millionen Verbindungsdaten von zahllosen Handys und etwa 3000 Spuren auf die Schliche gekommen. Als sich das Handy des 42-Jährigen am 24. Juni in das deutsche Telefonnetz einloggte, bereitete die Polizei den Zugriff vor.
16. Dezember 2015: Vor dem Landgericht Hannover beginnt der Prozess gegen Marek K. 24 Raubüberfälle werden ihm zur Last gelegt – 14 weitere wurden geprüft, fanden aber keinen Eingang in die Anklage.

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Prozess in Hannover

Am Mittwoch ist der Prozess gegen den mutmaßlichen Supermarkträuber Marek K. in Hannover fortgesetzt worden. Worte der Reue sind dem Angeklagten dabei nicht über die Lippen gekommen, genauso wenig wie ein Geständnis.

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