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Aus der Stadt Bandchef steht seit 37 Jahren in der Manege
Hannover Aus der Stadt Bandchef steht seit 37 Jahren in der Manege
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00:15 13.11.2015
Von Uwe Janssen
„Wir arbeiten für ein Gesamtkonzept. Das müssen wir alle begreifen“: Georg Pommer auf dem Waterlooplatz. Quelle: Michael Wallmüller
Hannover

"Ist das warm hier“, sagt Georg Pommer und knöpft seinen Mantel auf. Es ist ein Showmantel, ein Zirkusmantel, der Orchesterchef muss gleich zur Arbeit, Nachmittagsvorstellung unter der Roncalli-Kuppel. Hier im Cafézelt, wo es in der Tat recht mollig ist, trinkt er in Ruhe noch einen Espresso Macchiato, steckt sich eine Zigarette an und sinniert über Anfänge. „Ich schreibe gerade einige Kurzgeschichten und überlege, wie ich den Prolog dieser Sammlung nennen soll. Ein Gedanke war: Der dienstälteste Zirkuskapellmeister der Welt.“ Er hält kurz inne, dann sagt er: „Ich glaub’, das ist so.“ 37 Jahre steht er über der Roncalli-Manege, 33 Jahre davon als Bandchef. „Das findet man ja auch im normalen Arbeitsleben kaum noch.“

Der selbstbewusste, aber unaufdringliche Mann mit dem kahlgeschorenen Kopf macht oft Pausen, wenn er über früher spricht. Er wird eben nicht ständig danach gefragt. Im Rampenlicht stehen andere, damit muss er leben - und kann es gut. Dass er ein wichtiger Teil des Zaubers und der Spannung in der Manege ist, weiß er aber auch. Besser als jeder andere bei Roncalli. Dabei ist Pommer, der 1958 in Weinheim im Rhein-Neckar-Kreis geboren ist, kein Zirkuskind. „Als ich fünfeinhalb war, hat mich meine Mutter mit in eine Vorstellung des Zirkus Sarrasani genommen. Da waren sechs oder sieben Herren, die erinnerten eher an Kellner in einem Etablissement mittlerer Güte. Der Pianist hat die ganze Zeit gegähnt. So wollte ich nicht enden.“ Dass er tatsächlich beim Zirkus landen würde, war nicht abzusehen. „Ich hab mich als Jugendlicher für völlig andere Dinge interessiert.“

Zirkuszelt ist kein Konzertsaal

Pommers erster Bandleaderjob mit Anfang zwanzig war auch bei einem Zirkus, wenn auch bei einem ganz anderen - dem des Schlagers. Er, der Jazzer mit Vorlieben für Chick Corea, Keith Jarrett oder King Crimson, begleitete Heino und Tony Marshall auf einer Tournee durch Nordamerika. Dass er schließlich beim richtigen Zirkus gelandet sei, habe vor allem mit den Kompositionsfreiheiten zu tun gehabt. Dass seine Werke im Wesentlichen Emotionsverstärker sind, stört ihn nicht. „Wenn Bach seine Kantaten geschrieben hat, dann war das für die nächste Messe.“

So lernte er mit den ganz besonderen Eigenheiten der Zirkusmusik und der Showkünstler umzugehen. „Jeder Artist möchte für seine Nummer den größtmöglichen Erfolg haben und denkt, je lauter, desto besser. Das ist erstens ein Fehlglaube, und zweitens ermüdet das Publikum, wenn ich den ganzen Abend Vollgas gebe.“ Andererseits müsse eine Rollschuhnummer, die in der aktuellen Show zu sehen ist, laut untermalt werden, um die lauten Fahrgeräusche der Artisten zu übertönen. Von Sturm, Regen und Gewitter ganz zu schweigen. „Ist eben kein Konzertsaal.“

Seit dem 9. Oktober gastiert der beliebte Zirkus "Roncalli" am Waterlooplatz. Von Artisten bis hin zu unterhaltsamen Clownseinlagen hat der Zirkus Einiges zu bieten. Ein Besuch.

Ohnehin gebe es auch für die Musiker keine zwei gleichen Vorstellungen, auch wenn Pommers perfekt eingespielte Acht-Mann-Truppe das Publikum nichts davon merken lässt. „Die Keulen fliegen immer anders. Und ein Pferd - tja, ist nun mal ein Pferd.“ Da braucht es ununterbrochenen Blickkontakt mit der Manege und eine blitzschnelle, wortlose Kommunikation mit den Musikerkollegen, ein Zeichensystem für Wiederholungen, Sprünge, Extrasoli. „Das sind oft Nuancen, die sich immer weiter verfeinern. Der Groove bleibt erhalten, als Außenstehender merkt man nichts. Das ist die Kunst.“ Und die hat für Pommer mit Disziplin zu tun. „Wir arbeiten für ein Gesamtkonzept. Das müssen wir alle begreifen.“ Ein strenger Musikchef? „Kein Orchester auf der Welt wird dir was abnehmen, wenn du nicht autoritär bist.“

Zirkus braucht Veränderung

Pommer steht bei Roncalli für Kontinuität und Verlässlichkeit. Aber kaum einer weiß besser, dass sich der Zirkus, auch der traditionelle, verändern muss. „Mit dem Programm aus den Achtzigern würdest du heute keinen mehr hinterm Ofen hervorlocken. Was hier gemacht wird, muss dem Zeitgeist entsprechen.“

Pommer hat sich warmgeredet. Er bestellt einen zweiten Espresso Macchiato und steckt sich noch eine an. Das Cafézelt füllt sich, gleich muss Pommer an seinen Arbeitsplatz unter dem Zeltdach. „Hannover“, sagt der Berufsreisende noch und macht wieder so eine kleine Pause, „wenn ich zusammenrechne, habe ich hier sechs bis sieben Jahre gelebt.“

Roncalli spielt bis zum 15. November auf dem Waterlooplatz. Informationen unter roncalli.de

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