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Aus der Stadt Zoo will im Urwaldhaus nachbessern
Hannover Aus der Stadt Zoo will im Urwaldhaus nachbessern
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20:01 12.07.2012
Von Veronika Thomas
Ein umgeknickter Baum hat den Affen im Zoo zur Flucht verholfen. Die Schimpansen verbrachten den Tag nach dem Ausflug im Affenhaus. Quelle: Martin Steiner
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Hannover

Am Morgen danach sieht es so aus, als säße ihnen die abenteuerliche Flucht aus ihrem Gehege noch in den Knochen. Fünf Schimpansen aus der insgesamt siebenköpfigen Gruppe liegen wie verkatert im Innengehege des Urwaldhauses. Die beiden anderen befinden sich offenbar in ihren von außen nicht einsehbaren Schlafboxen. Immer wieder kommen Besucher vorbei und äußern Verständnis. „Die sind noch völlig fertig von ihrem Ausbruch“, meint eine Schülerin. Es riecht streng nach Kot an diesem Morgen, deshalb zieht es die Besucher schon nach wenigen Minuten wieder nach draußen. „Die haben bestimmt Beruhigungsmittel erhalten“, mutmaßt eine ältere Dame. „Wenn ich sonst um diese Uhrzeit herkomme, ist hier richtig was los.“

Am Mittwochmittag war es fünf Schimpansen gegen 12.20 Uhr gelungen, aus ihrem Außengehege auszubrechen. Dabei wurde ein fünfjähriges Mädchen von einem Tier umgerannt. Das Kind stürzte zu Boden und zog sich eine Platzwunde am Kopf zu. Sonst kam es zu keinen Zwischenfällen, einer der Affen hatte sogar einen Besucher umarmt. 2482 Besucher wurden aus Sicherheitsgründen evakuiert; rund 60 Polizeibeamte waren im Einsatz, um das Zoogelände innen und außen zu sichern. Drei der Tiere kehrten nach Angaben des Zoos schon nach etwa 15 Minuten freiwillig zurück, es dauerte aber mehr als eine Stunde, um den 48-jährigen Maxi, Seniorchef der Schimpansenhorde, zurückzulocken. Kurz vor 14 Uhr wurde der Zoo wieder für Besucher freigegeben.

Seit Donnerstag weiß man, wie die spektakuläre Affenflucht gelingen konnte. Zunächst hieß es, den Tieren sei es gelungen, den metertiefen Graben mithilfe von Ästen zu überwinden, die sich womöglich nach dem Zurückschneiden von Büschen am Morgen gesenkt hätten. Am Donnerstag teilte der Zoo mit, die Gärtner hätten nur Gras gemäht. Vielmehr habe sich aufgrund des lang anhaltenden Regens der Wurzelballen eines Hartriegelstrauchs gelockert, wodurch ein Ast ins Gehege ragte. „Daran haben sich die Schimpansen nach draußen gehangelt“, sagt Zoo-Sprecherin Magitta Feike. Dieser Busch sei inzwischen gekappt worden. Trotzdem müssen Toto, Maxi und die fünf Affendamen Schika, Maleika, Viktoria, Schunya und Jeany auch am Freitag noch das Innengehege hüten – um zur Ruhe zu kommen. „Beruhigungsmittel haben sie aber nicht erhalten“, versichert die Sprecherin.

Dass den Tieren mühelos die Flucht aus ihrem Gehege gelang, ist für Colin Goldner leicht nachzuvollziehen. „Sie haben den ganzen Tag nichts anderes zu tun als darüber nachzudenken, wie sie da rauskommen können, weil sie sich unendlich langweilen“, sagt der Tierrechtler. Einige würden deshalb regelrecht depressiv. „Und wenn sie erkennen, dass sie nach einer Flucht keine Chance haben, kehren sie in ihren Käfig zurück.“ Der Mitgründer der internationalen Tierschutzorganisation „Great Ape Projekt“ (GAP) hat in den vergangenen neun Monaten alle 38 Zoos und zwei Zirkusse in Deutschland, in denen rund 450 Menschenaffen – Gorillas, Schimpansen, Orang Utans und Bonobos – gehalten werden, auf ihre Haltungsbedingungen überprüft. Mindestens dreimal hat er jede Einrichtung besucht. Die Ergebnisse hat GAP in der aktuellen Juli-Ausgabe der Zeitschrift „National Geographic“ veröffentlicht. Der hannoversche Zoo erhielt die Note mangelhaft, gleichauf mit Hamburg, Berlin und Stuttgart.

Einen Tag nach dem Ausbruch von fünf Schimpansen aus ihrem Gehege im Zoo Hannover, ist Ruhe eingekehrt. Die Tiere verbrachten den Tag im Affenhaus.

„Wir haben nur drei Noten vergeben“, sagt der 59-Jährige: ausreichend, mangelhaft und ungenügend. Selbst Zoos mit den besten Haltungsbedingungen für Menschenaffen in Deutschland wie Leipzig, Frankfurt und München haben nur ein „ausreichend“ erhalten, weil Tiere in Zoos grundsätzlich nicht artgerecht gehalten werden könnten. „Zoos sind auch keine Bildungseinrichtungen oder Arche Noahs, sondern schlicht dazu da, die Leute zu unterhalten“, meint der Sprecher der Organisation. Sie kämpft unter anderem für die Grundrechte der vier großen Menschenaffenarten. Als Mindestgehegegrößen für die engsten Verwandten des Menschen empfiehlt „Great Ape Project Deutschland“ 50 Quadratmeter pro Tier im Innen- und 250 Quadratmeter im Außenbereich.

Im hannoverschen Zoo stehen den sieben Schimpansen 400 Quadratmeter im Außenbereich und 143 Quadratmeter innen zur Verfügung, sieben weniger, als es das Umweltministerium des Landes vorschreibt. „Das reicht aber aus“, sagt Prof. Michael Boer, Zoodirektor in Osnabrück, der von 1980 bis 1996 zoologischer Leiter im hannoverschen Tiergarten war. Die Flucht der Schimpansen bezeichnet er als Zufall. „Das hat ihnen sicher viel Freude bereitet. Die haben einfach die Gelegenheit am Schopf ergriffen.“

Damit hat der Zoo jetzt aber ein Problem. Am Freitag soll das Außengehege erneut überprüft werden, ehe Maxi, Toto und die anderen fünf wieder nach draußen dürfen. Denn seit einer Auseinandersetzung zwischen Maxi (48) und Toto (17) um die Rangordnung im Mai, bei der Toto vermutlich aus Angst vor Maxi mit einem gewaltigen Sprung auf die Besucherseite des Innengeheges gelangte, gilt dies als nicht mehr sicher. Die Folge: Toto muss seither gewissermaßen hinter den Kulissen bleiben, weil die Gefahr besteht, dass er diesen Sprung wiederholen könnte. „Das Innengehege muss Toto-sicher gemacht werden“, sagt Magitta Feike. Eine weitere Schwachstelle des Urwaldhauses sei das viel zu kleine Außengehege für die Orang Utans. Noch vor dem Winter will der Zoo eine Lösung präsentieren, wie es im 30 Jahre alten Urwaldhaus weitergehen soll.

Polizei sichert Spuren im Zoo

Nach dem Ausbruch der Schimpansen im Zoo Hannover haben Polizeibeamte auf dem Gelände inzwischen verschiedene Spuren gesichert. Die Beamten wollen feststellen, ob Fahrlässigkeit dazu führte, dass die Menschenaffen entkommen konnten. Davon hängt letztlich ab, ob der Zoo sich wegen fahrlässiger Körperverletzung verantworten muss. Während der Flucht hatte ein Schimpanse ein fünfjähriges Mädchen umgerannt. Das Kind stürzte zu Boden und zog sich eine Platzwunde am Kopf zu. Nach Angaben der Polizei befand sich das Mädchen am Donnerstag weiterhin im Krankenhaus. „Es gibt verschiedene Zeugen des Vorfalls, die nun befragt werden müssen“, sagte Polizeisprecherin Kathrin Feyerabend.

Augenzeugen berichteten gegenüber der HAZ, dass der Schimpanse das Mädchen offenbar aus Versehen umlief. Von einem gezielten Angriff auf das Kind könne keine Rede sein. Davon geht auch Heiner Engel, Zoologischer Leiter, aus: „Schimpansen greifen keine Kinder an.“

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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