Volltextsuche über das Angebot:

29 ° / 16 ° wolkig

Navigation:
Zukunft der Brauerei Herrenhausen steht auf der Kippe

Insolvenzverfahren eröffnet Zukunft der Brauerei Herrenhausen steht auf der Kippe

Herrenhäuser ist die letzte durch und durch hannoversche Brauerei. Nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens kämpft sie ums Überleben. Optimisten setzen trotzdem weiter auf "Herri".

Voriger Artikel
TiHo eröffnet neuen Klinikkomplex am Bünteweg
Nächster Artikel
Alter Charme, neues Gewand: Die Trattoria Piu wird umgebaut

"Kein Herri mehr? Das wäre ein Grund, mit dem Biertrinken aufzuhören.": Wirtin Angelika Kaiser setzt in der "Klickmühle" auf hannoversche Tradition.

Quelle: Michael Thomas

Geschäftsführer Manfred Middendorff hat am Montag beim Amtsgericht Hannover für die Brauerei Herrenhausen die Eröffnung von Insolvenzverfahren wegen Zahlungsunfähigkeit beantragt. Der vorläufige Insolvenzverwalter Torsten Gutmann aus Lehrte zeigte sich nach einer ersten Durchsicht der Bücher „vorsichtig optimistisch, dass die Brauerei nicht veräußert werden muss, sondern aus sich heraus sanierungsfähig ist“. Auch die Arbeitsplätze sind vorerst gesichert, der Betrieb wird fortgeführt. Middendorff bleibt Geschäftsführer, steht aber unter Aufsicht. Die 67-köpfige Belegschaft wurde Montagnachmittag in einer eineinhalbstündigen Betriebsversammlung informiert.

Das Gesamtverfahren ist kompliziert, weil Herrenhäuser in sechs Tochtergesellschaften aufgespalten ist, die alle von Middendorff und teilweise seiner Frau geführt werden. Gegen drei davon hatte schon das Finanzamt Insolvenzverfahren wegen ausstehender Steuerzahlungen beantragt. Sie werden von der hannoverschen Anwältin Karina Schwarz betreut. Angeblich sind es drei Millionen Euro, die dem Fiskus noch zustehen, aber diese Summe bestätigten weder die Insolvenzverwalter noch die Finanzverwaltung.

Das Verfahren gegen die Brauerei-Gesellschaft gilt als das entscheidende, weil bei ihr das Vermögen der gesamten Gruppe liegt. Zur Höhe der Gesamtverbindlichkeiten wollte Gutmann keine Angaben machen. Eine dreistellige Zahl von Gläubigern steht in den Listen, darunter Banken, Sozialkassen und Lieferanten. Gutmann will jetzt möglichst schnell einen Gläubigerausschuss bilden. Er schätzt, dass in etwa drei Monaten das eigentliche Verfahren eröffnet werden kann. „Vermögensmasse dafür ist da“, sagte er. Auch die Buchführung sei aktuell und nachvollziehbar, erklärte Gutmann und trat damit zwischendurch immer mal wieder geäußerten Verdächtigungen entgegen, die Tochtergesellschaften hätten unter anderem dazu gedient, Vermögen zu verbergen. Bei der Staatsanwaltschaft Hannover sind in dieser Angelegenheit nach Angaben von Oberstaatsanwalt Manfred Knothe keine Anzeigen eingegangen. Die Behörde ermittelt allerdings weiter wegen Verdachts der Insolvenzverschleppung gegen Middendorff.

Die Mitarbeiter der nach Hektoliterausstoß derzeit größten hannoverschen Brauerei sind zum großen Teil ebenfalls in einer der Tochtergesellschaften untergebracht, der Herrenhäuser Produktions- und Technik Gesellschaft. Diese verleiht sie dann an die Brauerei. Das Konstrukt muss nach Auffassung von Thomas Bernhard, Sekretär der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten, möglichst zügig beendet werden. „Wir wollen, dass sie wieder direkt zur Brauerei gehören. Überhaupt halten wir es für angebracht, dass alles wieder unter einem Dach landet.“ Problem dabei sei allerdings, dass die Angestellten dafür kündigen müssten. Wie der Übergang juristisch sauber und für die Betroffenen sicher – das heißt vor allem ohne den Verlust von Ansprüchen – organisiert werden kann, müsse man schnell klären.

Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil sagte, die Stadt sehe keine Möglichkeiten, der Brauerei direkte Hilfen zukommen zu lassen. Das vorläufige Insolvenzverfahren bezeichnet er als Chance: „Es heißt, der Bierabsatz sei gut. Damit hat die Brauerei eine Zukunft.“

Bernd Haase

Zwei hannoversche Traditionen, eng miteinander verbunden: Schild vom „Vater und Sohn“ im Warmbüchenviertel.

Zwei hannoversche Traditionen, eng miteinander verbunden: Schild vom „Vater und Sohn“ im Warmbüchenviertel.

© Michael Thomas

Vorne die Herrenhäuser Brauerei, gleich dahinter das alte Hannover, so hängt es zusammen, hier in der „Klickmühle“. Es ist eine Art Geschichtsecke, Fotos und Zeichnungen hängen hier, von der Wasserkunst, die hier ganz in der Nähe stand, und dem Beginenturm. Es sind Bilder von einer schönen Vergangenheit. Davor steht die große Lampe mit der Aufschrift „Herrenhäuser Pilsener“, auf dem Fuß sind kleine, bauchige Flaschen und Gläser mit gemalter Aufschrift angeordnet. Das Ensemble war in besseren Zeiten ein Werbegeschenk der Brauerei. Angelika, die Wirtin, will die Lampe anknipsen, sie ist ein wenig stolz auf das traditionsreiche Stück. Aber die Lampe bleibt dunkel. „Ach, nicht mal die funktioniert“, schimpft sie. Herri bleibt dunkel.

Nein, es steht nicht gut um die letzte durch und durch hannoversche Brauerei, und natürlich ist dies ein großes Thema in „Herri“-Kneipen wie dem „Vater und Sohn“ im Warmbüchenviertel oder eben in der „Klickmühle“ am Rand der Altstadt. Angelika Kaiser, die Wirtin, schenkt vom Fass nur „Herri“ aus. Sie ist nicht an die Brauerei gebunden, die Räume sind nicht gepachtet, sie könnte auch ein anderes Bier anbieten. Und es war ja wahrlich auch nicht immer eine einfache Geschichte mit der Brauerei aus Herrenhausen: „Mal gab es keine Bierdeckel, dann keine Tropfenfänger, dann gab es nur 30-Liter- statt 50-Liter-Fässer“, schildert sie. Irgendwie lief es selten richtig rund mit der Brauerei. „Es ist ein bisschen wie früher in der DDR, irgendwas fehlt immer. Aber das ist ja eigentlich auch ganz sympathisch.“ Jedenfalls steht für sie eines fest: „Hannover ohne ,Herri‘, das wäre ein echter Grund, mit dem Biertrinken aufzuhören.“

Blickt man zur einen Seite aus der „Klickmühle“, sieht man den Landtag, auf der anderen die Markthalle. Später Nachmittag, draußen rollt der Berufsverkehr vorbei, drinnen ist es noch leer. Nur Jürgen steht an der Theke. Jürgen ist ein freundlicher Endfünfziger, Verlagskaufmann, die Kneipe liegt nicht direkt auf seinem Heimweg, aber den Umweg macht er gern, „für Herri“.

Jürgen kennt sich aus mit Bier. Er kann lange erzählen über die Sieben-Minuten-Regel („Alles Unsinn!“), die richtige Temperatur („Nicht zu kalt!“) und natürlich die richtige Sorte. Er mag gern norddeutsche Biere, herbe Biere eben, er ist kein Solidaritätstrinker, also niemand, der nun allein zur Unterstützung „Herri“ trinken würde. Aber natürlich gibt es auch diesen Aspekt: „Eigentlich müsste die Stadt Herrenhäuser unter die Arme greifen, das ist doch schließlich ein hannoversches Unternehmen“, findet er. „Aber das waren Otto Werner, Erdmann und so weiter natürlich auch ...“

Genau deshalb ist ja auch der Schreck so groß: Mit der Herrenhäuser Brauerei ist nicht nur ein Bier, sondern ein Stück Hannover in Gefahr, eines der immer weniger werdenden Unternehmen, die sich noch dem Trend der Übernahmen und Filialisierungen widersetzt haben. Wie sehr ein Bier Teil der regionalen Identität ist, lässt sich auch gut in einer anderen Kneipe beobachten, dem „Vater und Sohn“. Seit mehr als 100 Jahren gibt es in diesen Räumen eine Gaststätte, früher hießen sie sogar „Herrenhäuser Stuben“. Heute steht „Herrenhäuser“ über dem Eingang und an Fenstern, und auf der Speisekarte gibt es eine Herrenhäuser Platte, mit Schnitzel, Spiegelei, Mixed Pickles und einem „Herri 0,3“ für 13,90 Euro. Die Jüngeren, erzählt Wirtin Irina Krauskopf-Engel, tränken sowieso überwiegend „Herri“. „Und seit der Krise nehmen es noch mal mehr Leute, weil sie hoffen, vielleicht ließe sich damit noch was retten.“

Aber das ganz große Thema, erzählt Wirtin Angelika in der „Klickmühle“, sei die „Herri“-Krise bei ihr noch gar nicht gewesen. Mag sein, meint sie, dass dies an einer anderen Krise lag, die die Gäste dann doch noch etwas mehr beschäftigt: dem drohenden Abstieg von Hannover 96. Vielleicht liegt die Gelassenheit bei manchem aber auch daran, dass die Brauerei schon häufiger in der Krise steckte und es doch immer weiterging.
Am Ende jedenfalls hat Kaiser den Fehler bei der Lampe gefunden. Der Stecker hat gewackelt. „Geht doch“, sagt sie, und „Herri“ leuchtet wieder. Es spricht leider viel dafür, dass die Reparatur der Brauerei erheblich aufwendiger werden dürfte.

Thorsten Fuchs

Eine Traditionsmarke: Bockbierzapfen in Herrenhausen 1959.

Eine Traditionsmarke: Bockbierzapfen in Herrenhausen 1959.

© Hauschild (Archiv)

Louis Ernst Grünewald war der Spross einer alteingesessenen Kaufmannsfamilie. Mit etwas Fortune hatte er im Leinenhandel so viel verdient, dass er sich mit Ende dreißig aus seinen Geschäften zurückziehen konnte. Im Jahr 1891 wurde er Aufsichtsratsvorsitzender der „Vereinsbrauerei Herrenhausen“. Er setzte bei Herrenhäuser sozusagen aufs richtige Pferd: Über fünf Generationen sollte seine Familie die Firma prägen – und mit deren Bier ein Stück lokale Markenidentität schaffen, wie sie in Deutschland sonst nur der Fußballverein oder die Tageszeitung einer Stadt begründen.

Ein Traditionsbetrieb war die Brauerei genau genommen jedoch schon, als Grünewald zu ihr fand. Nachdem Preußen 1866 das Königreich Hannover geschluckt hatte, wurden die alten Zunftprivilegien der Gilde abgeschafft. Deren Konkurrenten wie die „Lindener Aktienbrauerei“ florierten bald. Andere Betriebe wurden neu gegründet; etwa 1868 die Wülfeler Brauerei, 1888 die Kaiser-Brauerei oder 1868 „Wölffer und Wedekind“, die Keimzelle von „Herrenhäuser“. Nach der Reichsgründung galt Bier als deutsches Nationalgetränk und sein Konsum als eine Art patriotische Tugend – es waren gute Zeiten für Brauereien.

Auch „Herrenhäuser“ wuchs, und im Jahr 1884 wurde ein neuer Braumeister angeheuert und verpflichtet, „... durch Namensunterschrift aus jedem Centner Malz 2 Hectoliter verkäufliches, gutes Bier, wie es in Hannover in feinen Restaurants getrunken wird, zu brauen & dafür aufzukommen, daß nichts an Quantum & Qualität fehlt“. Erstmals wurde in Herrenhausen jetzt Bier nach Pilsener Art gebraut. Und „Herrenhäuser Pilsener“ schrieb ein Stück deutsche Biergeschichte. In spektakulären Gerichtsprozessen machte das Bürgerliche Brauhaus Pilsen 1913 und 1930 der „Herrenhäuser“ diese Bezeichnung streitig – und verlor. Die Verfahren hatten Mustercharakter: Wenn Biere sich überall in Deutschland heute „Pils“ nennen dürfen, haben sie das vor allem Herrenhäuser zu verdanken.

Den Krieg überstand das Unternehmen vergleichsweise unbeschadet, und zum 100-jährigen Firmenjubiläum führte man 1968 moderne Kunststoffbierkästen ein und schaffte die letzten Bügelverschlussflaschen ab. In dieser Zeit konnte Hannover noch mit fünf großen Brauereien prunken. Dann schloss die Kaiser-Brauerei 1978, die Wülfeler folgte 1994. „Lindener“ fusionierte 1968 mit Gilde, und Gilde wurde 2002 an den Konzern Interbrew verkauft. „Herrenhäuser“ ist Hannovers einzige Traditionsbrauerei, die bis heute als Familienunternehmen besteht. Geführt von Manfred Middendorff – dem Ururenkel von Louis Ernst Grünewald.

Simon Benne

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Planinsolvenz beantragt
Die Herrenhäuser Brauerei ist zahlungsunfähig. Middendorf will die Brauerei mit Planinsolvenz retten.

Der Tiefpunkt in der seit Monaten schwelenden Krise der Herrenhäuser Brauerei ist erreicht: Das Unternehmen ist zahlungsunfähig. Am Freitag hat Geschäftsführer Manfred Middendorff beim Amtsgericht eine „Planinsolvenz in eigener Verwaltung“ beantragt.

mehr
Mehr Aus der Stadt

Sie wollen auch einen kleinen Beitrag leisten, um Flüchtlingen in der Region zu helfen? Dann sind Sie hier genau richtig. Das HAZ-Portal "Hannover hilft" bringt freiwillige Helfer aus der Bevölkerung und die professionellen Hilfsorganisationen zusammen – damit die Hilfe dort ankommt, wo sie benötigt wird. mehr

doc6r7dyeex3b810adl4fr
Jugendliche nehmen den Kröpcke ein

Fotostrecke Hannover Aus der Stadt: Jugendliche nehmen den Kröpcke ein