Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt 66 Sekunden Eiffelturm am Tag
Hannover Aus der Stadt 66 Sekunden Eiffelturm am Tag
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 08.07.2013
Von Kristian Teetz
Das ist die Pariser Luft, Luft, Luft: 1968 ließ Reinhard Schamuhn Luft aus der französischen Hauptstadt in die Leine blubbern. Quelle: Archiv
Hannover

Wer den Namen Reinhard Schamuhn hört, denkt wohl zuallererst an den Flohmarkt. Es war der 8. April 1967, als zum ersten Mal in Hannover und gleichzeitig zum ersten Mal in Deutschland Trödler und Trödelkäufer zu einem solchen Treff zusammenkamen. Mitgebracht hatte Schamuhn die Idee aus seinem geliebten Paris. Verkauft wurden bei dieser Premiere unter anderem eine Sitzbank aus der Straßenbahn, Holzschuhe aus Ägypten, eine Notbremse der Deutschen Bundesbahn und, so steht es in der Schamuhn-Biografie „Das verrückte Huhn“, „ein Original-Farbfoto von einem Original-Rubens“. Wenn am heutigen Sonnabend die Händler am Hohen Ufer ihre Stände aufstellen und Kunden um den Preis feilschen, werden manche an den Initiator dieses bunten Treibens denken: Der Flohmarktgründer Reinhard Schamuhn ist in der Nacht zu Montag im Alter von 73 Jahren gestorben.

Der gelernte Dekorateur und Aktionskünstler hat der Stadt Hannover aber mehr hinterlassen als den Flohmarkt. Erstmals fiel das Scheinwerferlicht am 23. März 1967 auf den damals 27-Jährigen: Schamuhn kündigte an, Schuberts „Forellenquintett“ solo zu spielen. Auf dem Klavier und auf dem Grund des Maschsees. Hunderte Hannoveraner strömten ans Maschseeufer. Das Publikum drückte die Daumen, die Physik hingegen hatte etwas gegen den Plan. Ein Klavier aus Holz treibt auf dem Wasser, unter geht es nicht. Das Kunstkonzept war gescheitert, ein Konzeptkünstler aber war geboren.

Vierzehn Tage später präsentierte er seinem Publikum zur Eröffnung des Flohmarkts den nächsten Streich. Um 16 Uhr goss er amtlich zertifiziertes Seine-Wasser in die Leine, während zeitgleich - so versprach Schamuhn damals - zwei Lufthansa-Mitarbeiterinnen Leine-Wasser in die Seine fließen ließen. Schöner hätte man den Transport der Flohmarktidee von der Seine an die Leine kaum symbolisieren können.

„Früher war der Flohmarkt ja nicht nur Flohmarkt, sondern es traf sich die ganze Kunstszene“, erinnert sich der Vorsitzende des Freundeskreises Altstadtflohmarkt, Thomas Mayer. „Da kamen sonnabends alle zusammen, Leute wie Timm Ulrichs gaben sogar ein eigenes Kunstheft heraus.“ Nicht zuletzt Reinhard Schamuhn dachte sich immer wieder „Happenings“, wie es damals hieß, aus. „Da kam aber auch jedes dritte Mal die Polizei, mal weil die Aktion als anstößig angesehen wurde, mal weil einfach zu viele Besucher da waren“, sagt Mayer. „An manchen Sonnabenden kamen bis zu 100.000 Menschen.“ Zum Vergleich: Heute zählt die Stadt bei gutem Wetter 10.000 Besucher.

Schamuhns Ideenquell schien nicht zu versiegen: Am 1. Mai 1967 gründete er die Junge Galerie in der Sedanstraße und stellte, wenn man seiner Biografie folgt, als erster deutscher Galerist den jungen Friedensreich Hundertwasser aus. In die Zeit fällt auch die Gründung des Kunst-Centers - einer Galerie im Bunker unter dem Klagesmarkt, die Maler, Bildhauer und Grafiker in 100 unterirdischen Räumen als Atelier und Ausstellungsfläche nutzten. Schamuhn initiierte ferner den Kunstmarkt am Hohen Ufer. „Und wir sollten nicht vergessen, dass er es war, der die Künstlerin Niki de Saint Phalle in Paris kennenlernte“, sagt Thomas Mayer. „Dass die Nanas in Hannover stehen und dass sie vor allem am Hohen Ufer stehen, ist auch ein bisschen das Verdienst von Schamuhn.“

Und dann ist da noch die Geschichte mit dem Eiffelturm: Nachdem Reinhard Schamuhn einen Artikel über den angeblichen Verkauf des Eiffelturms gelesen hatte, ersann er seinen nächsten verrückten Plan: Er verkündete, er wolle das Bauwerk nach Hannover holen, reiste mit viel Tamtam nach Frankreich und schaffte es, von den Stadtoberen in der französischen Kapitale empfangen zu werden. Der Präsident der Pariser Stadtverordnetenversammlung unterbreitete ihm am 28. September 1971 ein fantastisches Angebot: Man wolle ihm den Eiffelturm schenken, symbolisch natürlich nur, aber für eine bestimmte Zeit am Tag. Schamuhn erzählte später, er habe geantwortet: dann für 66 Sekunden am Tag. Paris zeigte sich einverstanden, das Geschenk wurde amtlich beglaubigt. Reinhard Schamuhn war etwas Unglaubliches gelungen: Er besaß nun für 66 Sekunden am Tag den Eiffelturm. „So war er. Dem Mann kamen die unmöglichsten Ideen in den Sinn, und er hat sie alle verwirklicht“, erinnert sich Paul Violka, der seit 1968 jeden Sonnabend seinen Imbissstand auf dem Flohmarkt am Hohen Ufer aufstellt. „Seitdem kannte ich Reinhard Schamuhn. Einen solchen Menschen habe ich nicht noch einmal kennengelernt. Er war ein Verrückter. Aber ein sympathischer.“

Das empfindet auch Ministerpräsident Stephan Weil so: „Ich kannte Reinhard Schamuhn einseitig seit den siebziger Jahren, weil ich regelmäßiger Besucher der Flohmärkte war.“ Wirklich kennengelernt habe er ihn erst als Oberbürgermeister. „Zwischen mir und ihm bestand auf den ersten Blick eine große wechselseitige Sympathie“, sagt Weil. „Ganz Hannover wird ihn genauso wie ich in bester Erinnerung behalten.“ Auch Hannovers Bürgermeister Bernd Strauch erinnert sich gern an den Vater von drei Kindern: „Er war ein genialer Mensch, der Hannover mit der Erfindung des Flohmarktes populär gemacht hat.“ Eine besondere Würdigung Schamuhns beim heutigen Flohmarkt plant die Stadt allerdings nicht.

Seit 1972 lebte der selbst ernannte „Hofnarr von Hannover“ in Uelzen. „Dort zog es ihn hin, weil er ein sehr gutes Angebot als Chefdekorateur eines privaten Kaufhauses bekam“, erinnert sich Mayer. Den Flohmarkt betrieb mittlerweile die Stadt, und besonders Stadtimagepfleger Mike Gehrke kümmerte sich um das Erbe Schamuhns. Aber auch in Uelzen ruhte der überzeugte Hut- und Schnurrbartträger nicht. Bis zuletzt leitete er dort das Neue Schauspielhaus, das er 1987 gegründet hatte. Dort ist am Sonnabend, 20. Juli, um 17 Uhr eine Abschiedsfeier für ihn geplant. Seine eigene Beerdigung hat er bereits vor eineinhalb Jahren gefeiert. „Er meinte, es sei nicht schön, dass man einem derart bedeutenden Ereignis nicht mehr selbst beiwohnen könnte“, sagt Thomas Mayer. Nicht einmal den Tod habe er ernst genommen. „Zur Beerdigung werde ich auch nicht im schwarzen Anzug, sondern als Kurfürst kostümiert gehen. So etwas hätte er sich gewünscht.“ Kein Zweifel.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Es wird in Hannover zunehmend schwieriger, gute Erzieherinnen und Erzieher für Kindergärten und Krippen zu finden. Darin sind sich die Fachleute von Caritas und Arbeiterwohlfahrt (AWO) einig.

Bärbel Hilbig 06.07.2013
Aus der Stadt SPD will Opernklo vor die Börse stellen - Viel Lärm ums stille Örtchen

Die SPD will das Opernklo vor die Börse stellen – doch dagegen gibt es Widerstand. Die Stadt hüllt sich in Schweigen, erst einmal sollen Alternativstandorte ausgelotet werden. Die CDU schlägt einen anderen Standort am Maschsee-Westufer vor.

08.07.2013

In der Boxbude gibt es „was auf die Kauleiste“, verspricht Jessy Heinen – die Zuschauer johlen und zahlen.

Stefanie Nickel 01.07.2014