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Aus der Stadt Herr Noak bietet 17 Millionen
Hannover Aus der Stadt Herr Noak bietet 17 Millionen
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00:31 07.08.2014
Kommt im nächsten Jahr wieder unter den Hammer: Das Ihme-Zentrum in Linden. Quelle: Ole Spata
Hannover

Wer ist der Mann, der den Millionenbetrag für die maroden Gewerbeareale des Ihme-Zentrums geboten hat? Der Grauhaarige, vielleicht ein Endfünfziger, heißt mit Nachnamen Noak, er trug ein hellblaues Sakko über weißem Hemd. Gab er ein sogenanntes taktisches Gebot ab, damit beim nächsten Versteigerungstermin die Mindestsummen außer Kraft gesetzt sind? „Ein Strohmann für die Investoren“, wurde sofort im Saal getuschelt. Doch auf Fragen konnte Herr Noak nicht mehr antworten. Er verließ den Saal und kam später nicht einmal zur Verkündung des Ergebnisses zurück. Von ihm blieben herrenlos zurück: sein Regenschirm und eine Registermappe mit dem offiziell wirkenden Aufdruck „Landesbank Berlin, Ihme-Arkaden“. Bei der Landesbank, Hauptgläubiger im Ihme-Zentrum, heißt es aber, man kenne einen Herrn Noak nicht.

Gut 100 Besucher hatten sich zur Zwangsversteigerung im Neubau des Amtsgerichts eingefunden. Ganz überwiegend waren es Wohnungseigentümer aus dem Gebäudekomplex, die aus Neugierde gekommen waren. Auch einige Herren in feinen Anzügen waren auffällig unauffällig dabei. Wer sie fragte, ob sie zum Mitbieten gekommen seien, erhielt nur ein nachsichtiges Lächeln. Manch einer sagte, er sei „nur aus Interesse“ da oder „weil ich gerade in Hannover bin, ich arbeite in der Branche“.

Klaus Hasselhorst, Abteilungsleiter der Rechtspflege und routinierter Zwangsversteigerer, rief um 10.07 Uhr zur Versteigerung auf: zwei Bürokomplexe im Ihme-Zentrum, die leerstehende Ladenpassage „Ihme-Arkaden“, das teilsanierte Parkhaus und fast 200 Wohnungen. Alles steht seit der Insolvenz von Tochtergesellschaften des US-Fondsunternehmens Carlyle 2009 unter Zwangsverwaltung, knapp 50 Millionen Euro beträgt der von Gutachtern festgestellte Verkehrswert. Das absolute Mindestgebot im Verfahren beträgt gut 1,8 Millionen Euro: So hoch sind unter anderem die Rückstände bei der Stadt (Grundsteuerschulden: 677.168 Euro), bei den Wohnungseigentümern (749.436 Euro), die Verfahrenskosten (24.900 Euro) sowie weitere Gebotsanteile. Weil es der erste Versteigerungstermin ist, darf das Gericht aber kein Gebot unter 24,8 Millionen Euro annehmen – die Hälfte des Verkehrswerts.

Fotograf Philipp von Ditfurth hat das Ihme-Zentrum aus verschiedenen Blickwinkeln fotografiert.

Die erste Überraschung gab es gleich zu Beginn des Verfahrens. Eine Vertreterin der Landesbank Berlin (LBB) als Hauptgläubigerin hatte zum Auftakt beantragt, bei der Versteigerung nur „Gesamtangebote unter Verzicht auf Einzelgebote“ zuzulassen. Damit war es nicht möglich, ein einzelnes Immobilien-Teilpaket wie zum Beispiel nur das Parkhaus oder nur eine Büroimmobilie zu ersteigern. Durch die Reihen der Wohnungseigentümer ging ein hörbares Aufatmen: Sie hatten Angst davor, dass das Gewerbeeigentum, immerhin rund 80 Prozent der Riesenimmobilie, zerschlagen wird, dass wieder Spekulanten Teileigentum erwerben und auf schnellen Gewinn hoffen. Am Nachmittag stellte eine Sprecherin der LBB klar, man habe „nie die 
Absicht gehabt, Rosinenpickerei zuzulassen“. Die Tatsache, dass die LBB vor Monaten ein Münchener Maklerunternehmen beauftragt hatte, mit Teilkaufinteressenten zu verhandeln, sei öffentlich überbewertet worden. Auf die Frage, ob auch beim nächsten Versteigerungstermin nur ein Gesamtgebot zugelassen werde, sagte die LBB-Sprecherin: „Sie können davon ausgehen.“

Ob es aber überhaupt zum zweiten Termin kommen wird, ist unklar. Dadurch, dass nun beim ersten Termin ein Angebot abgegeben worden ist, fallen schon beim nächsten Mal alle Grenzen. Theoretisch könnten alle fünf Gewerbeimmobilienpakete für 1,8 Millionen Euro Mindestgebot weggehen, wenn das Gericht nicht noch eine „Verschleuderungsgrenze“ festlegt. Die könnte zum Beispiel bei 20 Prozent des Verkehrswerts liegen, also 10 Millionen Euro. Die LBB aber, der durch die Pleite der US-Fondsgesellschaften hohe Millionenbeträge im Ihme-Zentrum verloren gegangen sind, muss ein Interesse daran haben, einen höheren Erlös zu erzielen. „Das beauftragte Maklerunternehmen wird sich weiter bemühen, Interessenten zu finden“, sagt die Banksprecherin.

Bei den Zuhörern gestern rief die Entwicklung unterschiedliche Reaktionen hervor. „Ich hatte ohnehin nicht damit gerechnet, dass heute ein zuschlagfähiges Angebot vorgelegt wird“, sagte Zentrumsverwalter Peter Engelhardt von der Firma Engelhardt & Woldenga. Wohnungseigentümer Dieter Schwärzel sagte: „Klar, dass keiner bietet, wenn es bald vielleicht für unter zwei Millionen Euro zu haben ist. Es wäre aber wünschenswert, dass endlich etwas passiert – wir haben genug vom Leben in den Ruinen.“ Immobilienmakler Sebastian Fesser, der mehrere Wohnungen im Ihme-Zentrum vermarktet, gibt sich zuversichtlich: „Sobald es eine Lösung gibt, werden die Quadratmeterpreise im Ihme-Zentrum wieder steigen. Die Wohnungen sind toll, es muss jetzt nur eben bald etwas mit den Gewerbearealen passieren.“

Noch hat Rechtspflegechef Hasselhorst keinen neuen Termin für die Zwangsversteigerung festgelegt. Es gilt nach Auskunft eines Gerichtssprechers aber als wahrscheinlich, dass der zweite Versuch, einen Bieter fürs Ihme-Zentrum zu finden, im Januar oder Februar liegen wird.

CDU: Stadt soll Zentrum kaufen

Hannovers CDU-Ratsfraktionschef Jens Seidel hat am Dienstag die Forderung erneuert, die Stadt solle als Investor ins Ihme-Zentrum einsteigen. Dazu könne eine Projektgesellschaft unter Beteiligung von Stadtwerken und Sparkasse gegründet werden. „Vor einem riesigen Problem im Herzen Hannovers, welches seit mehr als zwölf Jahren von den jeweiligen Oberbürgermeistern stiefmütterlich behandelt worden ist, dürfen nicht länger die Augen verschlossen werden“, sagt Seidel und stichelt: „Wenn die SPD davon redet, dass man ein Problem nicht über Nacht lösen könne, fragen wir uns allen Ernstes, ob man sich dort erst seit am Dienstag Gedanken über das Ihme-Zentrum macht.“
Oberbürgemeister Stefan Schostok hatte erst am Sonnabend im HAZ-Interview bekräftigt, dass die Stadt nicht für die Fehler privater Investoren einspringen werde. Nötig sei nicht nur der Kaufpreis, sondern dann noch eine Investitionssumme, gemeinhin wird von benötigten 200 Millionen Euro ausgegangen, die in das Ihme-Zentrum investiert werden müssen. CDU-Mann Seidel sagt, Hannover dürfe das Ihme-Zentrum „nicht immer weiter verkommen lassen“.     

Was wird aus dem riesigen Komplex? Lesen Sie mehr dazu in der HAZ-Digitalreportage über das Ihme-Zentrum.

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