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Zwölfjähriger fängt auf OP-Tisch Feuer

Familie klagt Zwölfjähriger fängt auf OP-Tisch Feuer

Ein heute 13-jähriger Junge wird zeit seines Lebens unter den Folgen eines dramatischen Unfalls in einer hannoverschen Kinderchirurgie-Praxis leiden. Während er unter Vollnarkose operiert wurde, fingen Teile seines Körpers und der OP-Tisch Feuer. Jetzt fordern Mutter und Sohn insgesamt 100.000 Euro Schmerzensgeld und Schadensersatz.

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Symbolbild

Quelle: dpa

Hannover . Das Kind erlitt an zehn Prozent seiner Körperoberfläche Verbrennungen zweiten und dritten Grades. Der 71 Jahre alte Arzt, der das Unglück verschuldet hat, ist wegen fahrlässiger Körperverletzung bereits rechtskräftig zu einer Geldstrafe von 4800 Euro verurteilt worden: Er hatte eine Elektroschere benutzt, deren Funkenflug nicht verdunstetes Desinfektionsmittel entzündete. Jetzt fordern Mutter und Sohn insgesamt 100.000 Euro Schmerzensgeld und Schadensersatz. „Dieser Tag hat unser ganzes Leben verändert“, klagt die Frau.

Die Mutter und ihr Lebensgefährte bringen den damals zwölfjährigen Jungen am Nachmittag des 28. Oktober 2014 in die Ambulanz. Geplant ist ein Routineeingriff im Intimbereich. Gegen 15 Uhr beginnt die Operation unter Leitung eines damals in der Praxis angestellten Arztes, die Mutter und ihr Freund warten im Aufwachraum. Nach 15 Minuten hören sie den Jungen „Mama, Mama“ rufen, nehmen kurz darauf Brandgeruch wahr.

Doch erst eine Stunde später teilt ihnen der Inhaber der Arztpraxis mit, dass es einen Unfall gegeben und der Zwölfjährige Verbrennungen erlitten hat. Angeblich sei die Fehlfunktion eines Leihgeräts schuld gewesen, man habe den Unfallort für eine Untersuchung unverändert gelassen. Als das Paar den Saal betritt, wo der Junge immer noch beatmet wird, stellen sie jedoch „völlig entgeistert“ fest, dass der Raum bereits gereinigt wurde und der angeblich defekte Apparat fehlt. Die beiden rufen die Polizei. Zehn Minuten später sind die Beamten vor Ort, beschlagnahmen Elektrokoagulator und -schere – damit kann man mithilfe von Strom Gewebe zerstören oder Blutungen stillen – und sperren den Unfallort ab. In einer Mülltüte finden die Ermittler Kompressen und Papiere, die stark nach Desinfektionsmittel riechen.

Acht Operationen nach Unfall

Spätere Untersuchungen des TÜV ergeben, dass der Elektrokoagulator nicht defekt war. Auch weist der Hersteller des alkoholhaltigen Desinfektionsmittels auf seinen Packungen ausdrücklich darauf hin, dass das Präparat leicht entzündlich ist. Im OP-Bericht ist später nachzulesen, dass der Arzt und sein Team den Unterleib des Jungen nach einer ersten Desinfektion abtrocknen ließen und mit einem Spezialtuch abdeckten – dies aber bei einer zweiten Desinfektion unterließen. Der Hergang des Unglücks wird dort wie folgt geschildert: „Bei der ersten Berührung des Elektrokoagulators (...) funkt und blitzt die Schere, inklusive Patient, OP-Tisch und Instrumentarium. Alle drei sind infolge in Brand geraten.“ Neben den Verbrennungen erleidet das Kind einen starken Stromschlag.

Die nachfolgenden Wochen verbringt der Junge im Kinderkrankenhaus Auf der Bult, muss achtmal operiert werden.  Die Ärzte behandeln Verbrennungen an Genitalbereich, Bauch, Gesäß und Oberschenkeln, transplantieren viel Haut. Seit der Entlassung muss ihn seine Mutter mehrfach am Tag eincremen und die verbrannten Hautpartien massieren. Ihr Kind trägt rund um die Uhr eine Kompressionshose, auch haben sich große Narben gebildet, die Spannungen verursachen. Der 13-Jährige darf sich nicht mehr in die Sonne legen und geht nur noch ungern schwimmen. Weil er ständig massiert werden muss, fallen Klassenfahrten flach, auch haben seine schulischen Leistungen stark gelitten.

Wie der Anwalt von Mutter und Sohn berichtet, habe der Junge eine „regelrechte Wut“ auf den behandelnden Arzt. Dieser arbeitet inzwischen nicht mehr in der kinderchirurgischen Praxis. Weil die gegnerische Versicherung zivilrechtliche Ansprüche zurückweist – zur Empörung der Familie –, hat ihr Anwalt den 71-jährigen Operateur und den Praxisinhaber beim Landgericht Hannover auf Zahlung von 50 000 Euro Schmerzensgeld, 11 000 Euro Schadensersatz (Zeitaufwand für die Massagen zunächst bis Mitte 2015) sowie 40 000 Euro als Ausgleich für weitere materielle und immaterielle Schäden verklagt. Auch ein Mitglied des OP-Teams habe den sofortigen Einsatz der Elektroschere im Anschluss an die Desinfektion bestätigt, sagt der Medizinrechtler: „Und das ist ein grob fehlerhaftes Verhalten des Arztes, bei dem man nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen kann.“

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