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Aus der Stadt „Kinderschutz geht alle Pädagogen etwas an“
Hannover Aus der Stadt „Kinderschutz geht alle Pädagogen etwas an“
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15:23 26.07.2018
Kindeswohl ist oberste Leitlinie (v.l.): Studentin Kerstin Winter, Professorin Birgit Herz, Studentin Lisa-Marie Wenzel und wissenschaftliche Mitarbeiterin Hannah Thiel. Quelle: Villegas
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Hannover

Kinderschutz ist für Lehrer eine pädagogische Kernaufgabe. Davon ist Prof. Birgit Herz überzeugt: „Es ist die Aufgabe der Lehrer, Kinder im Blick zu haben, und das bedeutet nicht nur, in Bezug auf Leistungen und Noten.Weggucken gilt nicht.“

Wächterfunktion der Lehrer

Viele Kinder würden in ihrer Sozialisation schwerwiegende Formen psychischer und physischer Gewalt erleben, Grundkenntnisse über solche Risikobelastungen und das Gefährdungspotential für die emotionale, soziale und kognitive Entwicklung sollten ein unbedingter Teil der Lehrerausbildung sein, findet die Sonderpädagogik-Professorin von der Universität Hannover. Nicht nur für angehende Förderschullehrer, sondern für alle Pädagogen, auch solche, die schon längst im Beruf stehen. Nur so könnten Lehrer ihre staatliche Wächterfunktion tatsächlich wahrnehmen, sagt Herz.

Seit 2012 haben Kinder in Deutschland das gesetzlich verbriefte Recht auf eine gewaltfreie Erziehung.

Für Sonderpädagogik-Studenten im Bachelor-Studiengang an der Uni Hannover gibt es bereits das dreijährige Curriculum Kinderschutz, in dem rund 20 Nachwuchslehrer Risikofaktoren und mögliche Signale von Kindern erkennen lernen, aber auch Angebote zur Entwicklungsförderung, zu Prävention und Intervention und die rechtlichen Rahmenbedingungen. Herz wünscht sich mehr Angebote, auch in der generellen Lehrerausbildung. Und entsprechende Weiterbildungsangebote.

Gewalt und Missbrauch kommt in allen Schichten vor

Ein Praktikum im Kinderschutzzentrum oder beim Kommunalen Sozialdienst gehört ebenfalls zum Kinderschutz-Curriculum-Studiengang dazu. Lisa-Marie Wenzel (26) hat das Praktikum gerade hinter sich. „Ich fühle mich verpflichtet, Kindern Hilfestellung zu leisten“, sagt die junge Frau. Das gelte nicht nur für den Einsatz im Klassenzimmer, sondern auch privat, wenn sie erlebe, wenn Eltern etwa in der Stadtbahn zu rau mit ihrem Nachwuchs umgingen.

Studentin Kerstin Winter (21) sagt, Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung könnten in allen sozialen Schichten und an allen Schulformen vorkommen. Das sei nicht auf arme Familien und Brennpunktschulen zu reduzieren. Es gebe auch das Phänomen der Wohlstandsvernachlässigung, sagt Herz. Um so wichtiger sei es, Lehrer für dieses Thema zu sensibilisieren, auch wenn sie sich durch die ständig wachsenden Aufgaben schon an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit sehen.

Nach Angaben von Professorin Herz haben 70 bis 80 Prozent der Kinder mit emotional-sozialem Förderbedarf Erfahrungen mit seelischen oder körperlichen Grenzerfahrungen gemacht. Jedes achte Kind aus dieser Gruppe wachse sich in einer Suchtfamilie auf, jedes dritte bis vierte Mädchen habe bereits sexuelle Gewalt erfahren.

Wenn Schüler immer stiller werden

Wenn Schüler immer stiller würden, sich in sich selbst zurückzögen, manchmal auch leichter reizbar seien oder auch überhaupt nicht mehr zum Unterricht kämen, seien dies Alarmzeichen, sagt Hannah Thiel (30), wissenschaftliche Arbeiterin am Sonderpädagogik-Institut. Bei Verdachtsfällen tatsächlich das Jugendamt einzuschalten falle aber vielen Lehrern schwer, weil Kinder und Eltern das auch als Vertrauensbruch empfingen könnten. Aber das Kindeswohl sei oberste Leitlinie, unterstreicht sie.

Auch der „Missbrauch des Missbrauchs“ müsse Thema in der Lehrerausbildung sei, sagt Herz. Denn ein einmal zu Unrecht öffentlich geäußerter Vorwurf etwa des sexuellen Missbrauchs kann großen Schaden anrichten, wenn er sich als unzutreffend erweist.

Von Saskia Döhner

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