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Aus der Stadt Stadtbahnfahrer „Totti“ liebt seine grüne Linie
Hannover Aus der Stadt Stadtbahnfahrer „Totti“ liebt seine grüne Linie
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23:30 07.07.2018
Stadtbahnfahrer Thorsten Sitsch lenkt die Üstra-Bahn über die Gleise der Linie 5. Quelle: Nils Oehlschläger
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Hannover

Eigentlich will Thorsten Sitsch, den bei der Üstra alle nur „Totti“ nennen, gerade losfahren. Da sieht er aus dem Augenwinkel noch einen jungen Mann, der gerade angelaufen kommt. Er drückt noch einmal auf den Knopf, öffnet die Tür hinter der Fahrerkabine und zwinkert dem Mann zu, der keuchend noch ein „Danke“ herausbringt. „Also könn’ wir ja los“, sagt Sitsch grinsend, drückt wieder Knöpfe in der Fahrerkabine, dreht Schalter und verschiebt Hebel. Ein metallisches Klingeln ertönt, dann setzt sich der alte TW 6000 auf der Linie 5 in Bewegung.

„Wenn ich kann, warte ich immer gern auf die Leute“, sagt der 45-jährige Stadtbahnfahrer. Nur wenn die Zeit schon dränge, müsse er schnell losfahren, damit es keine Verspätung gebe – und auch mal jemandem die Tür vor der Nase zumachen. „Die meisten Fahrgäste verstehen das auch“, sagt Sitsch. Dass einige wütende Menschen dann noch laut pöbeln oder sogar wütend mit der Hand auf die Scheibe des Wagens schlagen, muss der Stadtbahnfahrer ignorieren – und vor allem nicht persönlich nehmen.

Wo die Uhren anders ticken

„Es ist wirklich interessant – ab dem Nackenberg ticken die Uhren plötzlich anders“, sagt Sitsch. Spätestens ab der Bleekstraße seien die Menschen absolut entspannt, keiner sei mehr in Hektik wie am Kröpcke oder am Aegi, wo er öfter mal mit unwirschen Fahrgästen rechnen muss. „In Mitte müssen die Leute alle schnell zur Arbeit oder zu wichtigen Terminen und sind in Eile, aber in Kleefeld hat dann niemand mehr ein Handy in der Hand, und die Fahrgäste unterhalten sich miteinander“, erzählt Sitsch. Gut gelaunte Fahrgäste mag er ohnehin am lieb-sten.

Auch wenn Sitsch bei seiner Tour durch Hannover zu jedem freundlich ist, ihm entgegenkommende Fahrerkollegen in den anderen Bahnen grüßt und auch gern mal ein Auto vorlässt – manchmal kann auch ein so entspannter Fahrer wie er nur noch mit dem Kopf schütteln. „Die Leute gehen einfach über rote Fußgängerampeln, schauen nicht nach links und rechts und bringen sich und uns damit in Gefahr – das finde ich nicht in Ordnung“, sagt er. Sitsch ist bei der Arbeit hochkonzentriert, vor allem, wenn das Wetter nicht mitspielt und die Gleise und Straßen nass oder rutschig sind. „Ich versuche, für die anderen mitzudenken. Wir Stadtbahnfahrer müssen zu 110 Prozent aufmerksam sein. Viele Menschen bekommen nicht einmal mit, dass gerade etwas hätte passieren können und merken gar nicht, wie oft wir Unfälle verhindern“, sagt Sitsch. Angst, dass einmal etwas wirklich Schlimmes passieren könnte, hat er trotzdem nicht.

Das liegt vielleicht auch an einer Begegnung, die Sitsch am Bahnhof Leinhausen hatte. „Ein indischer Mann sah aus, als sei er sehr in Eile, also hab’ ich die Tür aufgelassen und auf ihn gewartet“, erzählt Sitsch. Doch anstatt direkt einzusteigen, habe der Mann noch irgendwelche Handzeichen und Bewegungen in seine Richtung gemacht. „Als er eingestiegen ist, hat er mir erklärt, dass er die Bahn und mich gesegnet hätte, damit immer alles unfallfrei geht, das fand ich total schön“, erzählt „Totti“ und lacht. Es sei eines dieser Erlebnisse auf der Linie 5, die er nicht vergessen werde.

Wahrscheinlich fährt er deswegen auch am liebsten diese Strecke. Die Linie 5 ist eine der längsten Linien im Netz der Üstra und führt durch insgesamt zehn Stadtteile. Laut Schätzungen des Verkehrsunternehmens nutzen täglich rund 50 000 Menschen diese Linie. Jede der 29 Haltestellen wird täglich 208-mal angefahren. Von Stöcken über Herrenhausen, Mitte, Kirchrode und bis nach Anderten geht es. „Jeder Stadtteil besitzt seinen eigenen Charakter“, findet Sitsch. In seinen Schichten fährt er die Strecke mehrfach auf und ab und kennt die betreffenden Straßen in- und auswendig. „Es ist alles vertreten: Modernes, Antikes, Schlichtes, Pompöses und Industrielles“, sagt Sitsch und meint damit nicht nur die Gebäude, sondern auch die Menschen in den jeweiligen Stadtteilen.

Jeder Stadtteil hat Charakter

Beide Endhaltestellen sind zu bestimmten Uhrzeiten von Schichtarbeitern geprägt. Nach Stöcken fährt Sitsch die VW-Mitarbeiter bis vor die Tore des Werks, und in Anderten steigen die Mitarbeiter des DHL-Frachtzentrums aus – zum Schichtwechsel seien dann die Wagen immer rappelvoll. Jeder Stadtteil habe eben etwas Spezielles – etwas, das ihn auszeichnet. „Am Großen Hillen soll es übrigens das beste Eis der Stadt geben – das erzählen die Fahrgäste jedenfalls oft“, sagt Sitsch und lacht. Und auch wenn das Fahren auf oberirdischer Strecke rein optisch mehr zu bieten hat – „wenn ich die vielen Autos auf der Marienstraße stehen sehe und dann einfach runter in den Tunnel verschwinden kann, ist das schon ein ziemlich gutes Gefühl“, meint Sitsch, der mit seiner Stadtbahn unter jedem Stau locker wegfahren kann.

Viele grüne Abschnitte

„Auf seine eigene Art wirkt jeder Stadtteil auf mich lebensfroh“, meint Sitsch , der erst seit eineinhalb Jahren Stadtbahn fährt und Quereinsteiger ist. Vor allem das viele Grün liebt Sitsch an „seiner“ Linie 5 sehr. „Die grünen Abschnitte zeichnen sich überall an der Strecke ab, man fährt entlang der Herrenhäuser Gärten und der Eilenriede – das ist auch für mich als Fahrer sehr entspannend“, sagt Sitsch. Wenn er gegen 4 Uhr morgens seine erste Tour beginnt und die Stadt noch im Tiefschlaf liegt, genießt der Fahrer seinen Job besonders. „Morgens am Tiergarten entlangzufahren oder eben auch an der Eilenriede, ist einfach wunderbar.“ Das sei die Ruhe, bevor Hannover aktiv wird, wenn nur wenige Gäste in der Bahn sitzen und kaum Menschen, Autos oder Fahrräder auf der Straße sind. „Und dann wird man Zeuge, wie die Stadt Stunde um Stunde mehr zum Leben erwacht“, beschreibt Sitsch seine Frühschichten in der Stadtbahn.

Dass er jemals einen der TW 6000 steuern würde, die zwischen 1974 und 1993 gebaut wurden und seitdem im Einsatz sind, hätte Sitsch bis vor einigen Jahren selbst nicht gedacht. „Ich bin im Sehnder Ortsteil Bilm aufgewachsen. Um in die Stadt zu fahren, sind wir mit dem Bus nach Anderten gefahren“, erzählt er und erinnert sich an die Zeit zurück, als die Haltestelle Ostfeldstraße noch die Endhaltestelle der Linie 5 war. „Damals hieß die Haltestelle Schleife Anderten, da durften wir dann endlich in die Stadtbahn steigen – natürlich in einen TW 6000. Das war für mich als Kind immer ein Erlebnis.“

Den TW 6000 fährt „Totti“ jetzt selbst, sitzt auf dem gepolsterten Fahrerstuhl, checkt die Türen und erlebt immer wieder neue Geschichten mit seinen Fahrgästen. „Aber“, muss Sitsch letztlich gestehen, „optisch und technisch gesehen ist die neue Stadtbahn TW 3000 mein Favorit“. Der Fahrersitz sei bei den modernsten Stadtbahnen der Üstra-Flotte nämlich weitaus bequemer.

Weitere Geschichten, Bilder und Videos über Menschen, Gebäude und Einrichtungen entlang der Linie 5 finden Sie in dieser Multimedia-Reportage.

Von Tomma Petersen

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