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Aus der Stadt Drastische Mieterhöhungen nach Modernisierung
Hannover Aus der Stadt Drastische Mieterhöhungen nach Modernisierung
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00:15 26.07.2018
Baustelle ohne Ende und drastische Mieterhöhungen erleben Vonovia-Mieter in Leinhausen. foto: Villegas
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Hannover

Frank Schumann hat Akten mitgebracht, da ist der ganze Ärger mit seinem Vermieter in DIN-A-4-Blättern gestapelt und geordnet. Der Wohnungskonzern Vonovia hat Handwerker nach Leinhausen losgeschickt, um die Wohnblöcke moderner und schöner zu machen. Größerer Balkon, dreifach verglaste Fenster, Dämmung, Heizungsventile, neue Gegensprechanlage, Vordach. Dafür präsentierte Vonovia Schumann bereits vorab die Rechnung. Wenn alles fertig ist, soll Schumann 238, 58 Euro Miete mehr überweisen für seine 67 Quadratmeter, jeden Monat. Eine dramatische Erhöhung. „Bisher zahle ich 533 Euro Warmmiete.“ Er will sich das nicht gefallen lassen und kündigt eine Klage an.

Im Viertel mit den Wohnblöcken aus den 1960er-Jahren lebt auch Petra Runge. Auch bei ihr sind Bauarbeiter unterwegs. Vorm Haus stehen Gerüste, Männer in blauen Arbeitsanzügen laufen herum, gerade sind sie mit den Fenstern beschäftigt. 174 Euro soll sie in Zukunft auf ihre Miete draufzahlen. Bisher sind es 580 Euro, Nebenkosten inklusive. Es ist die Summe, die Vonovia der Bewohnerin Runge als ihren Anteil an 790.300 Euro Modernisierungskosten vorgerechnet hat. Petra Runge lebt von einer Rente. „Ich habe versucht, finanzielle Härte geltend zu machen, aber Vonovia meinte, ich hätte mich zu spät gemeldet.“

Mieterbund eingeschaltet

Massive Mieterhöhungen treffen derzeit Bewohner in einigen Stadtbezirken, die in Häusern des in Bochum ansässigen Unternehmens wohnen. In Linden steht Mietern eine Erhöhung um knapp 30 Prozent bevor. Ein Mieter in Davenstedt erlebte, wie im Bad „einfach neue Fliesen auf alte Fliesen geklebt“ worden seien, das gelte ebenso als Modernisierung wie der Austausch einer „verrotteten Abwasserleitung“. Eine deutlich höhere Miete ist die Folge. Vonovia investiert dabei auch in Dinge, die als Modernisierung gelten, von Mietern aber oft nicht gewollt werden. Schumann sagt, er brauche keinen größeren Balkon. Ein anderer Bewohner erzählt, Fenster aus Doppelglas genügten in der ruhigen Umgebung völlig, „Dreifachverglasung, das ist Schindluder“.

Zahlreiche betroffene Bewohner haben inzwischen den Mieterbund eingeschaltet. Rechtsexperte Reinold von Thadden sagt: „Vonovia ist der auffälligste Vermieter in Hannover. Das Geschäftsmodell ist, billiges Geld zu leihen, Wohnungen zu modernisieren und mit stark erhöhten Mieten Gewinne zu machen. Die Beschwerden haben enorm zugenommen.“ In Hannover besitzt das börsennotierte Unternehmen nach eigenen Angaben 8100 Wohnungen, verteilt über das Stadtgebiet. Aus diesem Bestand wurden zuletzt etliche Wohnungen saniert, in den vergangenen drei Jahren waren es 1800, in diesem Jahr 700, für das nächste Jahr stehen 340 Wohnungen auf dem Plan.

Pfusch bei Bauarbeiten?

Dabei sind höhere Mieten nach Modernisierungen rechtens. Das Gesetz erlaubt derzeit, bis zu elf Prozent dieser Kosten auf eine Jahresmiete umzulegen. Dauerhaft, nach Ablauf von zwölf Monaten darf die Miete auf dem neuen Satz bleiben. Experte von Thadden sagt, dass in solchen Fällen die ortsübliche Vergleichsmiete vor hohen Preissprüngen nicht schützt. „Da gibt es dann kein Limit.“ In Konflikten mit Vonovia gehe es regelmäßig um die Frage, ob eine Baumaßnahme als Modernisierung gelte, deren Kosten auf Mieter abgewälzt werden können – oder ob eine Sanierung als Instandhaltung oder Instandsetzung zu bewerten sei, Ausgaben also, die der Eigentümer zu tragen habe. „Das muss in einer Rechnung sauber getrennt dargestellt werden“, sagt von Thadden. Oft geschehe dies jedoch nicht, „das ist eine Art von Verschleierung“. Drastische Mieterhöhungen treffen nach Beobachtung des Mieterbundes zudem oft Menschen mit geringen Einkommen. Da werden Rentner rausmodernisiert, sagt von Thadden, so etwas verschiebe das soziale Gefüge im ganzen Stadtbild.

Zum Ärger um Mieterhöhungen kommt in Leinhausen noch Wut über das Niveau der Bauarbeiten. Schumann und Runge haben Dutzende Beschwerden aufgelistet. Neue Türen schließen nicht richtig, Fenster fallen zu, Flecken und Handabdrücke bleiben in Wohnungen zurück, Griffe schließen nicht richtig, in Scheiben sind Kratzer, Wasser läuft in den Hausflur, Mängel mit Silikon notdürftig behoben, Baustellendreck bleibt liegen. Eine Verständigung mit Bauarbeitern ist schwierig, weil die oft kaum Deutsch könnten. Erst im Mai holte der Zoll drei ukrainische Männer von der Baustelle, die von einem Berliner Subunternehmen illegal beschäftigt wurden. Manche Mängel hat Vonovia behoben, aber Petra Runge sagt, was sie und andere Bewohner so zermürbt: „Man muss wirklich um alles kämpfen.“

Unternehmen weist Vorwürfe zurück

Wer länger bei Vonovia wohnt, kann Geschichten von verschleppten Instandhaltungen und Reparaturen erzählen. Wasserschäden in Kellern und Dachböden, muffige Räume, Schimmel. Manche Mieter warten Monate darauf, dass Vonovia Schäden beseitigt. Oft, erzählt eine Bewohnerin in Herrenhausen, kann man niemanden erreichen und auf Beschwerden in der Bochumer Zentrale werde lange nicht reagiert. Sie glaubt, dass „die hier einfach sparen wollen“.

Vonovia hat unterdessen Vorwürfe zurückgewiesen, Modernisierung als Geschäft zu betreiben und Mieter zu verdrängen. „Wir führen keine Luxusmodernisierungen durch, damit Mieter mit größerem Portemonnaie hier einziehen“, erklärte Sprecherin Jana Kaminski. Das Unternehmen modernisiere „mit Augenmaß, niemand soll ausziehen“, man könne Härtefälle geltend machen. Bessere Wohnungen nützten auch den Mietern. Kaminski sagte, man halte sich bereits jetzt an eine Verabredung, die die Große Koalition in Berlin getroffen habe: Vonovia bleibe mit Mieterhöhungen bei modernisierten Wohnungen „deutlich unter drei Euro pro Quadratmeter“. Und man biete an, Mieten gestaffelt zu erhöhen, um die Belastung für Mieter zu verringern. Kaminski wies Vorwürfe zurück, bei Abrechnungen nicht klar zwischen Kosten für Modernisierung und Instandhaltung zu trennen.

Preise steigen deutlich an

Die Preise bei Vonovia jedenfalls ziehen an, nicht allein im Bestand, auch nach Neuvermietungen. Auf einem kleinen Marktplatz in Leinhausen bietet der Konzern modernisierte Wohnungen an. Für 65 Quadratmeter im zweiten Stock eines 1962 gebauten viergeschossigen Blocks verlangt der Konzern an die zehn Euro Kaltmiete pro Quadratmeter – weder ist die Lage exklusiv noch die Ausstattung sonderlich umfangreich. Auch in anderen Stadtteilen liegen Wohnungen von Vonovia oft bei Preisen von neun bis zehn Euro. Die Durchschnittsmiete in Hannover liegt laut aktuellem Mietspiegel bei 6,51 Euro pro Quadratmeter.

Bernd Janischowsky, Bezirksratspolitiker der Linken in Herrenhausen-Stöcken, fürchtet für die Zukunft nicht nur eine Vertreibung finanzschwacher Menschen aus dem Stadtteil und ein steigendes Mietniveau insgesamt. „Bei vielen Bewohnern muss das Job-Center die Miete zahlen. Letztlich finanziert dann der Staat die Rendite von Vonovia.“

Vonovia verliert vor Gericht

Das Wohnungsunternehmen Vonovia steht auch in anderen Städten in der Kritik. Im Hamburger Viertel Steilshoop etwa wehren sich Mieter ebenso gegen drastische Mieterhöhungen wie in Stuttgart. In beiden Fällen sollen Bewohner nach Modernisierungen Mieten zahlen, die zum Teil mehr als 50 Prozent höher liegen. In Bremen wollte sich ein Mieter diesen Preissprung nicht gefallen lassen. Vor dem dortigen Landgericht bekam er im März 2018 in zweiter Instanz recht. Das Unternehmen habe nicht darlegen können, dass es sich bei den Arbeiten im Haus um Modernisierungen statt um Instandhaltung gehandelt habe, urteilte das Landgericht. Nach einer energetischen Sanierung hatte Vonovia die Kaltmiete um 40 Prozent erhöhen wollen.

Der Wohnungskonzern erzielte im Geschäftsjahr 2017 einen operativen Gewinn von 921 Millionen Euro (plus 21 Prozent zum Vorjahr). Die Dividende für Aktionäre verdoppelte sich seit 2013 auf jetzt 1,32 Euro je Anteilsschein.

Von Gunnar Menkens

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