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Aus der Stadt Was wird aus Hannovers Steintor?
Hannover Aus der Stadt Was wird aus Hannovers Steintor?
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00:16 15.09.2018
Zahlreiche Bürger diskutieren im Steintorsalon über die Zukunft des Platzes. Quelle: Frank Wilde
Hannover

Noch bis Sonntag dürfen alle mal König von Hannover spielen: Was würden sie entwerfen, wenn Sie über die Zukunft des wohl umstrittensten Platzes der Stadt bestimmen dürften?

Die Pläne, auf dem Steintor zwei großformatige Neubauten zu errichten, haben die Stadt 2016 gespalten und dazu beigetragen, dass dem eingefleischten rot-grünen Bündnis im Rathaus die Mehrheit abhanden gekommen ist. Jetzt steht alles auf Neustart: Seit Juni läuft eine Bürgerbeteiligung zur Zukunft des Platzes, wie Hannover sie noch nicht erlebt hat. Fünf Tage lang dürfen alle auf dem Platz diskutieren und experimentieren, an Modellen und mit Bildern basteln. Die Suche nach Ideen ist eröffnet.

Billig ist das Experiment nicht. Eine halbe Million Euro lässt die Stadt sich das Projekt kosten, mit dem sie Bürgerbeteiligung aus muffigen Freizeitheimsälen rausholen und auf die Straße bringen will. Nach einem Tag lässt sich so viel sagen: Der Wille zum Mitmachen ist nicht so ausgeprägt, wie es die Schärfe der Diskussion im Vorfeld hatte vermuten lassen. Es gab durchaus noch Platz auf den Bänken und an den Basteltischen zum Auftakt am Mittwoch.

Zehn Hannoveraner sagen ihre Idee zum Steintor –ein buntes Kaleidoskop der Meinungen.

Aber die, die gekommen waren, hatten sichtlich Freude. Folker Thamm, Pastor im Ruhestand, debattiert mit Studentin Vera Stosse darüber, dass man zwar „die Kriegsschäden am Platz heilen“ müsse, dabei aber den Platz natürlich freihalten lassen müsse für Veranstaltungen. Eva Holtz aus der Nordstadt sammelt Unterschriften dafür, den Platz zu begrünen, wie einen Park. Auch sie favorisiert Wasser auf der Fläche, vielleicht im Halbrund unter der Allee. „Die großen Veranstaltungen wie Beachvolleyball könnte die Stadt ebensogut an den Raschplatz verlegen – die Vertiefung dort hat ohnehin besseren Arena-Charakter“, sagt sie. 80 Unterschriften hat sie schon gesammelt.

Das würde Tobi Tiedtke nicht gefallen. Er organisiert mit seiner Eventfirma X-Zone seit fast 20 Jahren die fröhlichen Beach-Turniere auf der Steinfläche. „Wir haben den heruntergekommen Platz überhaupt erst wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt“, sagt er, und: „Für uns ist das Steintor inzwischen quasi unser Wohnzimmer.“ Ihm schweben noch mehr Aktivitäten vor, die Stadt könne mobile Spiel- und Freizeitgeräte installieren, sagt er. Andere Großstädte machten das vor. Allerdings müsse man dann für viel Sicherheit sorgen: „Nachts ist das hier manchmal wie in der TV-Serie ,Walking dead´ – da laufen teils schlimme Gestalten herum.“

Stadtentwicklung als Bürgerexperiment: So können Interessierte mitmachen.

Lichtdesigner Khaled Alyamans aus Barsinghausen würde eine Freillichtbühne installieren, auf der Bands konzertieren könnten – mal als offenes Angebot, mal als organisiertes Konzert. Ein Rentner aus Kleefeld hat noch eine ganz andere Idee: Mit einem gemauerten Podest und einigen Sitzbänken könne eine Speakers Corner nach New Yorker Vorbild errichtet werden. „Amphitheater“ nennt er seinen Vorschlag, den er aber nicht in großer Runde vortragen mag. Andere favorisieren Spielflächen für Kinder oder Rampen für Skater.

So kommt Idee für Idee zusammen, sie werden an Pinnwänden und auf Tischen gesammelt. Die meisten widersprechen sich, weil die Fläche begrenzt ist und eine parkähnliche Grünfläche so ziemlich das Gegenteil von einem Platz ist, auf dem man Beachvolleyball spielen kann. Die einen wünschen mehr Gastronomie, die anderen Bewegungsraum. 2019 sollen dann Planer in einem großen Wettbewerb all die Ideen unter einen Hut bringen – man ahnt, dass es wieder Ärger geben wird. Denn eigentlich war der Steintorplatz den meisten Hannoveranern ja ziemlich egal, bevor die Emotionen hochkochten. Es sei „vielleicht der internationalste Platz der Innenstadt“, konstatiert Klaus Overmeyer vom Berliner Büro Urban Catalyst, das für die Stadt den Dialog moderiert, „aber eben auch ein Durchgangsplatz zwischen Langer Laube und Innenstadt“, über den die meisten nur drüberhetzen und selten jemand verweilt.

Das ist jetzt für fünf Tage anders. 150 Quadratmeter groß und fast 8 Meter hoch ist das sogenannte „Basislager“ aus Gerüsten und Holzelementen, unter dem bis Sonntag Ideen gesammelt werden zur Gestaltung des Steintors. Zuvor hatte es bereits etliche Stadtsafaris gegeben, bei denen seit Juni ein Doppeldeckerbus in der Stadt unterwegs war, um die Stimmung einzufangen und Charakteristika des Platzes herauszuarbeiten. Der Doppeldeckerbus ist seit der Vorwoche nicht mehr dabei: Das Betreiberbüro Endboss ist im Streit mit der Stadt ausgeschieden, weil die Macher dem Rockerboss Frank Hanebuth Platz in einer Broschüre einräumen wollten, was die Stadt ablehnt. Auch das „Basislager“ war Mittwochmorgen noch nicht ganz fertig: Eine Statikerin hatte kurzfristig Bedenken angemeldet, die Stadt musste es verstärken lassen. Ab Mittag aber stand die Installation, Dutzende Teilnehmer genossen den offenen Mittagstisch, für den umliegende Gastronomien Speisen zubereiten, bei deren Verzehr man ins Gespräch miteinander kommt.

Noch bis Freitag gibt es morgens Workshops, mittags ab 13 Uhr den kostenlosen, gemeinsamen Imbiss, nachmittags ab 14 Uhr dann die öffentlichen Ideenschmieden, Rundgänge und die Prototypenwerkstatt, in der die aussichtsreichsten Ideen für die Platznutzung modellhaft gebaut werden. Bis einschließlich Freitag finden zudem abends ab 18 Uhr Diskussionen mit Experten statt. Am Mittwochabend machte Prof. Christian Werthmann, Landschaftsarchitekt von der Leibniz-Uni, den Auftakt und sprach darüber, was „einen guten Platz“ ausmacht. „Artgerecht“ müsse er sein, sagt Werthmann, also den Menschen sowohl Bewegungsfreiheit wie auch Nähe bieten, zudem robust und klar umschlossen, damit ein Platzgefühl überhaupt entstehen kann. Gut 50 Teilnehmer lauschten dem Vortrag.

Der Höhepunkt auch für Besucher, die selbst keine Ideen einbringen wollen, wird der Sonnabend. Dann werden bei einem „Platz-Casting“ von 14 bis 17 Uhr die besten Einfälle vorgestellt. Am Sonntag ab 12 Uhr schließlich ist alles noch als Ausstellung zu sehen, ab 15 Uhr gibt es zum zweistündigen Ausklang Kaffee und Kuchen.

So kam es zum Streit ums Steintor

Ende 2015 hatte der Rat mit rot-grüner Mehrheit beschlossen, auf dem Steintorplatz zwei großformatige Geschäfts- und Wohnhäuser zu bauen – unter scharfem Protest der Opposition. Die Linke sprach damals von „seelenlosen Geschäftshäusern“, für die die Stadt eine „historische Freifläche“ verkaufe, die CDU forderte, das Areal für die Frischluftzufuhr der Innenstadt zu bewahren und maximal eine Eislauffläche anzulegen – passend zum benachbarten Eiscafé. Der Liberale Wilfried Engelke stichelte, er habe sich zu Beginn seiner Ratskarriere nicht vorstellen können, sich jemals „schützend vor Bäume zu werfen“ – die geplante Bebauung aber könne er nicht unterstützen. Auch in der Bevölkerung kippte die Stimmung: Nach den Beschlüssen über die Bebauung von Klagesmarkt, Marstall und Köbelinger Markt wollte niemand einen weiteren Platz mit Immobilien vollgestellt sehen. In der Kommunalwahl 2016 kippte die rot-grüne Mehrheit, seitdem regiert im Rathaus ein loses Mehrheitsbündnis aus SPD, Grünen und FDP. Die Beteiligung zur Gestaltung der Platzfläche ist jetzt der Versuch, die Bürgerschaft bei der Neukonzeption mitreden zu lassen und gemeinsam Ideen zu entwickeln. Am Ende sollen alle Ideen 2019 in einen Planerwettbewerb einfließen.

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Von Conrad von Meding

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