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Aus der Stadt Wegen Lärms: Kiosk muss abends schließen
Hannover Aus der Stadt Wegen Lärms: Kiosk muss abends schließen
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00:16 07.07.2018
Kioskbesitzer Sharon Atalan muss um 22 Uhr schließen, er fürchtet hohe Einbußen. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Grob geschätzt, ist der Arbeitsplatz des Unternehmers Sharon Atalan etwa zwei Quadratmeter groß. Neben ihm stehen Kästen mit Lakritz, Drops und sauren Fröschen, hinter ihm bis unter die Decke Flaschen, unten stapeln sich Zeitungen und Zeitschriften, drumherum warten allerlei Zigarettenpäckchen auf Verkauf. Jeder Zentimeter ist hier Nutzfläche. So gehört es sich für einen anständigen Kiosk, die Enge macht es heimelig, und vielen Kunden gefällt das. Seit neun Jahren betreibt Atalan, 38, sein Geschäft in der Oststädter Seumestraße, aber er hat noch eine zweite Zeitrechnung. Er zeigt auf seine Mütze: „Seit zwei Jahren kriege ich graue Haare.“ Es dürften nicht weniger werden: Die Region Hannover ordnete an: Der Kiosk muss jeden Tag um 22 Uhr schließen.

Nachbarn haben sich beklagt, dass Atalans Kundschaft oft bis in die Nacht hinein lärmt. Dass Gäste vorm Kiosk stehen, lachen und reden, und natürlich spielt Bier und so weiter eine Rolle. Sie haben Protokolle über Geräusche geführt, diese Protokolle mit Fotos belegt und zum Beweis alles bei der Region Hannover, Stelle für Immissionsschutz, vorgelegt. Zu lesen ist von bis zu 15 Personen, manchmal sogar mehr, die sich bis zwei Uhr nachts und länger vorm Kiosk aufhielten.

Die Seumestraße ist eine recht enge Wohnstraße, begrenzt von zwei Kneipen. Kopfsteinpflaster und senkrechte Parkplätze trennen beide Straßenseiten. Mittendrin ist Atalans Kiosk, und was bisher von seinem Geschäft heraus drang, muss die Nachbarschaft nicht mehr hinnehmen. Atalan hat es amtlich und schriftlich: „Die Nachtruhe der Anwohner ist durch die Außenflächennutzung nach 22 Uhr wiederholt beeinträchtigt worden.“ Schon 2014 gab es behördliche Lärmmessungen. Sie übertrafen die nachts zulässigen 40 Dezibel deutlich. Das Gerät zeigte 54 Dezibel an, obwohl damals nur vier Personen vorm Kiosk standen.

Nun können Anwohner viel behaupten, wenn sie einem Kioskbetreiber das Leben schwer machen wollen. Doch der Immissionsschutz war in Gestalt seiner Mitarbeiter selbst vor Ort. Deren Feststellungen waren nicht geeignet, Atalans Position in diesem Streit zu stärken. An sechs Tagen dieses Jahres rückte der Außendienst in die Seumestraße, und er stellte fest, was observierende Nachbarn schon moniert hatten. Für den 18. Mai setzte die Region noch eins drauf: „Sehr laute Unterhaltung, häufiges und lautes Lachen sowie teilweise Gegröle“. Atalan bekam Gelegenheit zur Stellungnahme, aber er versäumte die Frist, „war gerade sehr viel los“. Die Anordnung, früher zu schließen, musste er mit 542,58 Euro Verwaltungsgebühren bezahlen, Zustellung inklusive. Mildernde Umstände sah die Behörde nicht, weder soziale Aspekte noch wirtschaftliche Verluste wurden berücksichtigt. Nachtruhe war das höchste Gut in diesem seit Langem schwelenden Konflikt.

Im Viertel wundern sich Anwohner, dass der Laden in der Seumestraße nun so früh die Rolläden runterlässt. Der Kiosk ist hier erste Adresse, um spät noch einzukaufen, mehr als die üblichen Biere zu bekommen und oft auch Gelegenheit für ein Schwätzchen draußen, angelehnt am Stehtisch. Der Ehemann und Vater von vier Kindern sieht durch die Verfügung der Region nun seine wirtschaftliche Existenz gefährdet. Wesentliche Teile seines Umsatzes würden nach 22 Uhr gemacht, „jeden Tag fehlen mir jetzt mindestens 400 Euro. Kann doch nicht sein, dass die meinen Kiosk zumachen und ich muss dann mit Geld vom Amt leben“. Beschwerdeführer, nach Auskunft der Region Hannover sind es zwei Anwohner, bezeichnet Atalan als „Querulanten hoch drei“, sie wollten ihn persönlich weg haben aus der Straße. Mal klimperten angeblich Groschen auf der Wechselschale zu laut, mal Flaschen, die er im Laden ordnete.

Sharon Atalan bleibt noch der Widerspruch gegen die Verfügung.

Am 28. Juli ist Kiosktag

Am Sonnabend, 28. Juli, wird die hannoversche Kioskkultur mit dem ersten Kiosktag ausgiebig gefeiert. Die HAZ-Redaktion und das Kulturbüro der Stadt möchten die typischen Treffpunkte in der Nachbarschaft und deren kleinteilige Einzelhandelstrukturen stärken – und so den Kiosk zum schillernden Mittelpunkt des Geschehens machen. Ausstellungen, Lesungen, Konzerte und Verkostungen in diversen Kiosken sind in Planung. So laden Jan Fischer und Martin Spieß zur Lesung in die ProBierBude an der Limmerstraße 105 ein. Die Hamburger Folk-Punk-Band Liedfett spielt direkt am Kiosk an der Pfarrlandstraße. Das Apollo-Kino und das Kino Lodderbast zeigen zum Thema passende Filme wie „Neben den Gleisen“. Das Kulturzentrum Faust hat eine Kulturkiosk-Bühne beim Slam-City-Festival angekündigt. Und auch das Kulturhauptstadtbüro wird einen Kiosk auf dem Klagesmarkt künstlerisch gestalten. Weitere Kioskbetreiber und Künstler sind aufgerufen, sich an dem Kiosktag zu beteiligen und Ideen einzubringen. Ob Brettspielabende, Chorauftritte, Single-Partys, Hannover-96-Fantreffen oder Mini-Flohmärkte – die Kioske sollen zu Bühnen für die unterschiedlichsten Ideen ihrer Nutzer werden. Die HAZ hilft gern bei der Koordination nach einer E-Mail an jan.sedelies@haz.de und stellt im Vorfeld die Aktionen vor.

Von Gunnar Menkens

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