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Wie viel Zeit brauchen Abiturienten zum Lernen?

Zurück zum Abi nach 9 Jahren Wie viel Zeit brauchen Abiturienten zum Lernen?

Die neue Oberstufenverordnung führt zu heftigem Streit. Darin sind neben der Rückkehr zum Abi nach neun Jahren weniger Klausuren und Stunden vorgesehen - dafür mehr Zeit zum Lernen. Nach den Kritikern melden sich jetzt auch die Befürworter der geplanten Reform.

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Leistungsabbau pur oder nachhaltiges Lernen? Über die neue Oberstufenverordnung streiten Land und Lehrerverbände, die Anhörungsfrist endet diese Woche.

Quelle: Julian Stratenschulte

Hannover. Weniger Klausuren und Stunden, neue Prüfungsformen - für Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) ist die neue Oberstufenverordnung die folgerichtige Konsequenz dessen, was mit der Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren das Hauptziel war: mehr Zeit zum Lernen. Für den Philologenverband ist es jedoch Leistungsabbau pur. Die Fundamentalkritik sei nicht nachzuvollziehen, meint die Ministerin. Schließlich habe man die Vorschläge in einem Dialogforum und einer Expertenkommission gemeinsam erarbeitet. Wissenserwerb brauche Zeit - bei Schülern und Lehrern. Das habe nichts mit Hängematte zu tun, sondern mit nachhaltigem Lernen.

Es gehe nicht nur um Belastung, sondern auch um die Vergleichbarkeit mit den Abi-Prüfungen in den anderen Bundesländern. Ab 2017 soll es einen gemeinsamen Abitur-Aufgabenpool geben, zudem bekommen Abiturienten in bald acht Ländern ohnehin schon dieselben Aufgaben in Deutsch, Englisch und Mathematik.

Mehr Möglichkeiten durch Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren

Von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kommt viel Lob für den Entwurf zur Oberstufenverordnung, die bis Ende dieser Woche noch in der öffentlichen Anhörung ist. Schüler an Gymnasien und Gesamtschulen hätten durch die Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren mehr Möglichkeiten, ihre Stärken zu entfalten, meint Henner Sauerland, Sprecher der Fachgruppe Gymnasien in der GEW. Es gebe keine inhaltliche Kürzung beim Unterrichtsstoff, weil die Kinder insgesamt ein Jahr länger zur Schule gingen.

Skeptisch sieht die GEW die lascheren Versetzungsvorgaben von der 11. in die 12. Klasse, hier betreibe der Philologenverband Panikmache. Sauerland forderte kleinere Kurse in der Oberstufe und mehr Ganztagsressourcen. Eva Busch, Leiterin des Winnicott-Instituts in Hannover, übt prinzipielle Kritik: Wenn man das Schulsystem innerhalb kürzester Zeiträume immer wieder umkrempele, verunsichere das zunächst einmal die Erwachsenen. Das wirke sich dann auch negativ auf die Schüler aus.

Saskia Döhner

Die Schülerin: „Referat als Prüfung ist richtig gut“

Dass im 5. Prüfungsfach künftig ein Referat die schriftliche Arbeit ersetzen soll, findet Daniela Rump, Schülervertreterin der KGS Pattensen und ehemalige Landesschülerratsvorsitzende, „richtig gut“. Zurzeit schrieben Schüler etliche Fach- und Hausarbeiten, die Präsentation eines Themas vor Publikum komme in der Oberstufe jedoch eindeutig zu kurz. Auch, dass künftig in den sogenannten Abdeckerfächern nur noch eine Klausur geschrieben werden soll, findet Rump sinnvoll – so könne man sich voll und ganz auf die Prüfungsfächer vorbereiten. „In denen allerdings sollten zwei Klausuren Pflicht bleiben, um gut vorbereitet ins Abitur gehen zu können“, findet die Schülerin.

Die geplanten Versetzungsregeln führen ihrer Ansicht nach nicht zu einem lascheren Abschluss. „Mir ist viel wichtiger, dass sämtliche Regelungen im Bundesvergleich angepasst werden.“ Es könne nicht sein, dass Schüler mit einem Abitur aus Niedersachsen oder Bremen später schlechtere Chancen haben als Absolventen aus Bayern, meint Rump. „Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass man das Abi etwa in Niedersachsen hinterhergeworfen bekommt.“ 

Susanna Bauch

Der Elternvertreter: „Leistungsfeindliche Regelungen“

„Die geplanten Versetzungsregelungen sind leistungsfeindlich und meiner Ansicht nach die falsche Botschaft an Schüler, aber auch an die Lehrerschaft“, sagt Ralf Kühnbaum-Grashorn. Er ist im Schulelternrat der Ricarda-Huch-Schule und Beisitzer im Vorstand des Stadtelternrates. „Ich fürchte, dass wir damit zwar volle Hochschulen bekommen, die Qualität dort aber weder halten, geschweige denn steigern können“, sagt Kühnbaum-Grashorn, der die Pläne daher „fragwürdig“ nennt. Schließlich würden so bis zu drei Pflichtfächer ignoriert, in den naturwissenschaftlichen Fächern reichten in Zukunft ungenügende Leistungen.

„So stärkt man den Bildungs- und Wirtschaftsstandort Deutschland bestimmt nicht und gefährdet das Niveau unserer Hochschulen“, findet der Elternvertreter. Die entscheidende Frage für ihn ist: Was soll damit bezweckt werden? Gleichschaltung oder Einheitsschule? Soll das eine Vorbereitung für ein Zwei-Säulen-Konzept werden? „Das Konzept fördert gewiss keine Leistungsbereitschaft. Das Abitur wird weniger wert, wenn keine leistungsbezogene Qualität im Vergleich zu anderen Abschlüssen eingefordert wird.“

Susanna Bauch

Der Lehrer: „Manches ist schlecht gemacht“

„Es sind gute Ideen dabei, aber manches ist schlecht gemacht.“ Andreas Apitius, Oberstufenkoordinator der IGS Mühlenberg, ist zwiespältig, was das neue Abitur angeht: Dass im 11. Jahrgang keine zweite Fremdsprache mehr verpflichtend sein soll, findet er gut. Es gebe Schüler, deren Begabung in den Naturwissenschaften lägen. Die bekämen so in Klasse 11 die Chance, ihren Schwerpunkt auszubauen. Die Kultusministerkonferenz schreibe zudem nur vier Jahre für die zweite Fremdsprache vor. In Niedersachsen seien fünf Pflicht.

Schwer umzusetzen sei, dass die Prüfungsfächer der Oberstufe künftig drei- und fünfstündig unterrichtet werden sollten. Fast alle Schulen unterrichteten aber nach dem Doppelstundenmodell. Kritisch sieht Apitius auch, dass künftig nicht mehr alle Fächer, die in der Oberstufe belegt werden, versetzungsrelevant sind. Das senke nicht nur die Motivation. Es sei auch möglich, dass ein Schüler mit zwei Sechsen und einer Fünf versetzt werde. Ob so jemand in der Oberstufe bestehen könne, sei mehr als fraglich. „Man nimmt den Schülern möglicherweise ein Jahr ihres Lebens, wenn man sie einfach weiter lässt – und sie dann später scheitern.“

Jutta Rinas

Der Professor: „Nicht nur der Schule Schuld geben“

Die Erfahrung zeigt: Studienanfänger in Mathematik und Ingenieurwissenschaften haben Defizite bei mathematischen Fragestellungen. „Das ist leider so“, sagt Professor Reinhard Hochmuth, Mathematik­didaktiker der Leibniz-Uni. Dennoch sei es falsch, immer der Schule die Schuld zu geben. Im Gegenteil: „Schule kann heute einfach nicht mehr alles leisten. Es sind auch die Hochschulen gefordert, vorhandene Defizite auszugleichen, etwa durch studienbegleitende Angebote wie E-Lear­ning.“

Wichtig seien Gesprächskreise, in denen sich Vertreter beider Institutionen über Lehrinhalte austauschen – nicht nur für die Oberstufe, sondern bereits für die Sekundarstufe I. „Das passiert auch regelmäßig.“ Hochmuth überrascht, dass die Landesregierung weniger Unterrichtsstunden einplanen will. Gleichwohl müsse eine Reduzierung der Stundenzahl nicht nur Nachteile mit sich bringen: „Es können auch neue Freiräume zum eigenständigen Lernen geschaffen werden.“ Den gleichen Effekt könne es haben, den Schülern den Prüfungsdruck durch weniger Klausuren zu nehmen. Im Idealfall würden sie so auf das selbstständige Arbeiten an der Uni vorbereitet.

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